Jedes Jahr veröffentlichen wir eine Zeitung zu einem aktuellen Thema rund um Syrien. Dieses Mal steht die Frage im Fokus: Wie könnte der Weg zur Demokratie gelingen?
DIE WICHTIGSTEN INHALTE IM ÜBERBLICK:
- Titelstory: Wer weist die neuen Machthaber in die Schranken?
- Interview: „Krieg vorbei, Frieden vertagt“
- Statements: 365 Tage nach der Stunde Null
- Meinung: Warum Abschiebungen nach Syrien scheitern müssen
„WIR GLAUBEN AN DIE KRAFT DES DIALOGS!“

„In jener Nacht haben wir Tränen der Freude geweint.“ Mit dem Sturz des Assad-Regimes begann für Syrien eine neue Phase. Doch der Morgen danach verlangt mehr: Dialog, Gerechtigkeit und einen langen Atem. Weil die Übergangsregierung die Gesellschaft nicht zusammenführt, hält die Zivilgesellschaft Räume offen, in denen Vertrauen wachsen kann.
„Ich fühle mich in erster Linie als Syrer*in und syrische*r Staatsbürger*in. Ich möchte nicht als Minderheit definiert werden.“ Solche Worte prägten die ersten Wochen nach dem Regimesturz. Das damalige Momentum, das Hoffnung auf Einheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt weckte, ist heute weitgehend verflogen. Die Spaltung, die in über 14 Jahren Krieg gewachsen ist und vom Assad-Regime forciert wurde, prägt das Land bis heute. Die Gräben zwischen den Gemeinschaften vertiefen sich weiter und der Übergangsregierung gelingt es nicht, diese Risse zu heilen. Auch die Ende Februar einberufene Nationale Dialogkonferenz brachte kaum mehr als eine symbolische Legitimation der neuen Machthaber.
Unsere Partner*innen warten nicht auf politische Lösungen, sondern nehmen es selbst in die Hand. Sie reisen durch Syrien und bringen Menschen aus unterschiedlichen Regionen und gesellschaftlichen Gruppen zusammen. In Dialogforen, Konferenzen und Workshops schaffen sie Räume für Begegnung, in denen Vertrauen wächst und gemeinsame Friedensinitiativen entstehen. Ihre Arbeit ist dringender denn je. Die Massaker an der Küste und in Suweida haben die Angst vor neuen Gewalteskalationen zurückgebracht.
„Was mir am meisten Sorge macht, ist der Hass, der sich ausbreitet, im Alltag und in den sozialen Medien. Das ist gefährlich. Wenn wir diesen Weg weitergehen, steuern wir auf eine neue Katastrophe zu. Deshalb ist unsere Arbeit so wichtig. Wir erleben jeden Tag, wie sich Vorurteile und Argwohn abbauen lassen, wenn man Menschen zusammenbringt. Genau das gibt mir Hoffnung und Zuversicht.“
– Alaa, Seen
Die syrische Zivilgesellschaft ist das Rückgrat des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Sie fördert Begegnungen zwischen Aktivist*innen aus ehemaligen Oppositions- und Regime-Gebieten, stärkt Netzwerke und bringt Expert*innen aus dem In- und Ausland zusammen. In Workshops, Trainings und öffentlichen Diskussionen werden vor allem junge Menschen und Frauen gestärkt, die sich für eine demokratische Zukunft Syriens einsetzen. Mit ihrem Engagement entwickeln unsere Partner*innen eine gemeinsame Vision unter progressiven Kräften und bauen Brücken über gesellschaftliche und politische Gräben hinweg.
Zivilgesellschaftliche Arbeit bleibt dabei ein Balanceakt zwischen Mut und Vorsicht. Es gibt heute mehr Freiraum als früher, aber keine klare Linie, was erlaubt ist und was nicht. Misstrauen, Bürokratie und der Versuch, zivilgesellschaftliche Arbeit zu kontrollieren, erschweren vieles. Hinzu kommt ein anhaltendes Sicherheitsvakuum, das viele Menschen, etwa aus Suweida oder der Küstenregion, davon abhält, sich öffentlich zu äußern oder ihre Stadt zu verlassen. Zudem besteht die reale Gefahr, aufgrundpolitischer Ansichten körperlich angegriffen zu werden. Dennoch entstehen funktionierende Netzwerke, verlässliche Kommunikationskanäle und lokale Allianzen. Sie sind der Beweis, dass gesellschaftliche Veränderung möglich ist, selbst unter schwierigen Bedingungen.
„Wir sehen, wie schnell Worte zu Waffen werden können. Deshalb glauben wir an die Kraft des Dialogs – selbst mit denen, mit denen es schwerfällt, zu sprechen.“
– Partner von Bidayitna
Unsere Partner*innen handeln dort, wo die Übergangsregierung versagt. Sie bringen Menschen zusammen, bauen Vertrauen auf und zeigen, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt gelebt werden kann.
Mit Ihrer Spende unterstützen Sie diese Arbeit direkt: Sie ermöglichen Aufklärung, Dialog und Netzwerkbildung, stärken junge Menschen und Frauen und helfen dabei, Brücken über gesellschaftliche, ethnische und konfessionelle Gräben hinweg zu bauen. Jede Unterstützung trägt dazu bei, dass Zusammenhalt entsteht, wo Parolen zerreißen, und dass Syrien eine gemeinsame, gerechte und inklusive Zukunft erleben kann.
ADOPT A REVOLUTION: WIR BLEIBEN DRAN!
Im Morgengrauen ziehen Menschen durch die Straßen von Homs, Daraa oder Aleppo. Sie tragen Plakate, rufen nach Freiheit und Gerechtigkeit. Viele wissen: Wer hier protestiert, riskiert alles: Gefängnis, Folter, oft den Tod. So begann 2011 der syrische Aufstand. Aus diesem Mut entstand Adopt a Revolution, eine deutsch-syrische Menschenrechts- und Solidaritätsorganisation, die Aktivist*innen unterstützte, die trotz Angst und Verfolgung mutig für ein demokratisches und pluralistisches Syrien eintraten.
Heute, ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes, ist Syrien noch immer zerrissen. Staatliche Strukturen existieren nur bruchstückhaft, bewaffnete Gruppen setzen immer wieder ihre eigenen Regeln durch und die Gesellschaft trägt tiefe Narben von Krieg und Unterdrückung. Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie muss erstritten und gelebt werden. Und: Veränderung braucht Beharrlichkeit, Netzwerke und den Mut vieler Einzelner.
Adopt a Revolution unterstützt genau diesen Aufbau von unten: Wir fördern Dialog und Vernetzung zwischen Regionen und gesellschaftlichen Gruppen, stärken zivilgesellschaftliche Initiativen und begleiten basisnahen Wiederaufbau. Der Geist der Revolution zeigt sich heute nicht auf großen Plätzen, sondern in lokalen Versammlungen, solidarischen Projekten zwischen ehemals verfeindeten Regionen und in der unermüdlichen Arbeit jener Menschen, die trotz Rückschlägen an eine freie, würdige Zukunft glauben.
Unser Abgesang erklingt erst, wenn Demokratie Wirklichkeit wird. Bis dahin bleibt unsere Arbeit und Unterstützung notwendig. Und dringender denn je.
Ermöglichen Sie unsere solidarische Unterstützung mit Ihrer Spende!
VIELEN DANK!
