Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden, doch Regierung und Behörden bleiben weitgehend untätig. Von vielen Frauen fehlt bis heute jede Spur. Fünf Forderungen für den Schutz von Frauen.
Die Entführung von Battoul Alloush, einer Studentin aus Latakia, hat in Syrien erneut eine öffentliche Debatte über die Entführung von Frauen ausgelöst. Die junge Frau verschwand im April auf dem Gelände ihrer Universität. Ihre Mutter machte den Fall über soziale Medien öffentlich. Nachdem der Druck auf die Behörden zunahm, kam es Anfang Mai zu einer ungewöhnlichen Pressekonferenz: Um drei Uhr morgens präsentierten lokale Behörden die junge Alawitin mit Kopftuch vor Kameras. Battoul Alloush erklärte, sie sei nicht entführt worden, sondern freiwillig von zu Hause fortgegangen und zum sunnitischen Islam übergetreten.
Ihre Eltern widersprachen dieser Darstellung später öffentlich. Sie erklärten, Sicherheitsbehörden hätten ihnen zugesichert, ihre Tochter freizulassen, wenn sie den Vorwurf der Entführung zurücknähmen. Zudem bestritten sie, dass ihre Tochter freiwillig konvertiert sei. Battoul Alloush ist bis heute nicht zu ihrer Familie zurückgekehrt.
Über hundert dokumentierte Entführungsfälle
Battoul Alloush ist kein Einzelfall. Mehrere Untersuchungsberichte dokumentieren Entführungen von Frauen in Syrien:
- Bericht der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für Syrien
- Bericht von amnesty international
- Bericht der Syrian Feminist Lobby
- die syrische Menschenrechtsorganisation Syrians for Truth and Justice (STJ) veröffentlichte im Februar 2026 den Bericht Abduction in Syria: Alawite Women Most Targeted Amidst Transitional Government Inaction. Darin werden zahlreiche Fälle dokumentiert und Angehörige Betroffener kommen zu Wort.
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Über die dokumentierten Fälle hinaus dürfte die tatsächliche Zahl höher liegen. Viele Familien machen Entführungen aus Angst, Scham oder Sorge vor gesellschaftlicher Stigmatisierung nicht öffentlich.
Den vorliegenden Berichten zufolge richtete sich die große Mehrheit der dokumentierten Entführungen gegen alawitische Frauen. In einer kleineren Zahl von Fällen waren auch sunnitische, christliche, schiitische oder ismailitische Frauen betroffen.
Menschenrechtsorganisationen berichten im Zusammenhang mit den Entführungen von Lösegeldforderungen, Menschenhandel, Zwangsverheiratungen und geschlechtsspezifischer Gewalt.
Die psychischen und sozialen Folgen sind gravierend. Frauen fühlen sich nicht mehr sicher, allein zur Schule, zur Universität oder zur Arbeit zu gehen. Angst und Unsicherheit prägen den Alltag vieler Familien. Die Entführungen betreffen damit nicht nur die unmittelbaren Opfer, sondern wirken sich auf ganze Gemeinschaften aus.
„Wir erleben, dass viele Familien Angst vor Entführungen haben und deshalb die Bewegungsfreiheit ihrer Töchter einschränken. Das liegt daran, dass trotz zahlreicher Anzeigen und öffentlicher Aufmerksamkeit viele Fälle ungeklärt bleiben. Die zuständigen Behörden müssen unabhängige Ermittlungen einleiten, die Ergebnisse offenlegen und sicherstellen, dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden,“ sagt eine Projektpartnerin.
Keine ausreichenden Ermittlungen gegen Täter
Syrische Menschenrechtsorganisationen bewerten die Reaktion der Behörden bislang als unzureichend. Obwohl Angehörige in zahlreichen Fällen Anzeige erstattet haben, ist bislang kein Fall öffentlich bekannt geworden, in dem Ermittlungen zu einer Anklage oder Verurteilung der Täter geführt hätten.
Der syrische Präsident Ahmed al-Sharaa bezeichnete die Entführungen als kriminelle Einzelfälle und versprach öffentlich, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen – selbst wenn diese zu seinem engsten Umfeld gehören sollten. Konkrete Ermittlungsergebnisse gibt es bislang jedoch nicht.
Staatliche Stellen bestreiten zudem, dass es sich überhaupt um Entführungen handelt. So kam das Innenministerium in einer Untersuchung von 42 Fällen zu dem Ergebnis, dass lediglich ein Fall als Entführung einzustufen sei. In den übrigen Fällen seien die Frauen freiwillig fortgegangen oder vor familiärer Gewalt geflohen.
Straflosigkeit sendet ein fatales Signal
Solange Täter nicht verfolgt werden und Gewalt gegen Frauen straflos bleibt, bleibt das Risiko weiterer Entführungen bestehen. Wenn Frauen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion entführt werden und der Staat nicht wirksam reagiert, betrifft das die Sicherheit aller Syrer*innen und erschüttert das Vertrauen in den Rechtsstaat.
Partner*innen von Adopt a Revolution erheben fünf Forderungen für den Schutz von Frauen:
- Unabhängige und transparente Ermittlungen in allen angezeigten Entführungsfällen unter Begleitung nationaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen.
- Konsequente strafrechtliche Verfolgung der Täter und aller an den Entführungen beteiligten Personen und Netzwerke.
- Schutz und Unterstützung für Betroffene und ihre Familien, insbesondere vor Einschüchterung, Stigmatisierung und unbegründeten Anschuldigungen.
- Rechenschaftspflicht staatlicher Stellen, wenn Sicherheits- oder Verwaltungsbehörden Entführungen vertuschen, Ermittlungen behindern oder ihrer Schutzpflicht nicht nachkommen.
- Stärkung von Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit durch wirksame Maßnahmen zum Schutz von Frauen und zur Verhinderung weiterer Entführungen.
