4 Personen sitzen an einem Tisch und tauschen sich aus. Die Sicht ist von oben gezeigt. Ein blühender Baum im Hintergrund.
MHPSS Training Block 3: Diskussion

Empowerment der Zivilgesellschaft: der Schlüssel zum Wandel

Das Trainingsprogramm Mentale Gesundheit und psychosoziale Unterstützung stärkt 30 Mitarbeitende von Projektpartner*innen in ihrer Fachkompetenz und der professionellen Selbstfürsorge.

4 Personen sitzen an einem Tisch und tauschen sich aus. Die Sicht ist von oben gezeigt. Ein blühender Baum im Hintergrund.
MHPSS Training Block 3: Diskussion

In Syrien ist zivilgesellschaftliches Engagement oft ein Marathon unter extremen Bedingungen. Ob in Nachbarschaftszentren, Frauenprojekten oder im Dialog zwischen gesellschaftlichen Gruppen: Die tägliche Arbeit bedeutet, sich mit Trauma, Wut und den tiefen Wunden von Repression und Krieg auseinanderzusetzen und Konflikte zu moderieren. Das kostet viel Kraft. Psychosoziale Widerstandsfähigkeit ist unverzichtbar, um diese Herausforderungen auf Dauer zu bewältigen, zumal viele Projektmitarbeiter*innen im Laufe des Konflikts selbst vertrieben wurden oder Angehörige verloren haben. Das Trainingsprogramm Mentale Gesundheit und psychosoziale Unterstützung stärkt 30 Mitarbeitende von Projektpartner*innen in ihrer Fachkompetenz und der professionellen Selbstfürsorge.

Weit mehr als eine Fortbildung

Es war eine Premiere: erstmals kamen 30 Mitarbeitende unserer Projektpartner*innen aus ganz Syrien für ein Trainingsprogramm zusammen – von Idlib bis Suweida, von Homs bis Ost-Ghouta. Schon das ist außergewöhnlich, weil ein solcher Austausch lange Zeit nicht möglich war. Damit wird das Training selbst zu einem wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Annäherung.

Bereits in den ersten Diskussionen wurde klar, dass die Workshops viel mehr bedeuten als die reine Wissensvermittlung. „Es entstand ein Raum, der weit über ein klassisches Training hinausging: ein Ort des Vertrauens, der Offenheit und der Begegnung“, beschreibt Ranim aus Homs die Atmosphäre. Die Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen haben große Schritte aufeinander zu gemacht. Ein Teilnehmer beschrieb es so:

Ich schaue eigentlich pessimistisch auf die Gesamtsituation in Syrien. Aber solche Begegnungen machen mir Hoffnung. Wenn es uns im Kleinen gelingt, zusammenzukommen und uns zu verständigen, kann es auch im Großen möglich sein.

Die Säulen des Trainings: Kompetenz, Vertrauen, Empowerment

Das von der GIZ geförderte Trainingsprogramm vermittelt praxisnah und systematischpsychosoziales Wissen, damit Mitarbeiter*innen in ihrer täglichen Arbeit sensibel mit den Traumata von Vertriebenen, Frauen, Kindern und Jugendlichen umgehen können, aber auch mit den eigenen Belastungen. Das Trainingsprogramm fördert die Vernetzung zwischen Teilnehmer*innen und stärkt gezielt die Rolle der Frauen im gesellschaftlichen Transformationsprozess (feministisches Empowerment).

Stimmen von Teilnehmer*innen

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden verdeutlichen, wie wichtig die Reflexion über psychische Gesundheit und Selbstfürsorge für die Arbeit der Zivilgesellschaft in Syrien ist.

Für Naila (Ost-Ghouta) war das Training ein Wendepunkt für ihre Arbeit:

Ich gehe aus diesem Training mit mehr Wissen, aber vor allem mehr Vertrauen in mich selbst und meine Möglichkeiten, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben und etwas Positives in meinem Umfeld zu bewirken. Für mich war das ein Moment von Stärke: zu merken, dass ich nicht allein bin und dass ich Fähigkeiten entwickeln kann, die mir und anderen helfen.

Fardous aus Ost-Ghouta teilt ihre Erfahrung:

Ich bin nach dem Training wie ein Schmetterling nach Hause gegangen – leicht, ruhig und mit einem Gefühl von innerer Sicherheit. […] Wir haben einander zugehört, obwohl wir alle unterschiedlich sind – und gerade aus diesen Unterschieden konnten wir viel lernen.

Psychosoziale Unterstützung ist essenziell für Versöhnung und Wandel

Den Zusammenhang zwischen mentaler Gesundheit und Übergangsgerechtigkeit erklärt Jalal Noval, Psychotherapeut, Aktivist und Mitglied der Nationalen Kommission für Vermisste und Opfer des Verschwindenlassens. Als Gastdozent beim Training im April verdeutlichte er, dass gesellschaftliche Versöhnung und die Aufarbeitung von Unrecht nur möglich sind, wenn Menschen in der Lage sind, konstruktiv mit belastenden Erfahrungen umzugehen.

Denn auch heute sind viele Regionen Syriens weiterhin von Unsicherheit, wirtschaftlicher Not und politischer Fragmentierung geprägt. Psychosoziale Belastungen wirken fort und verstärken sich durch chronischen Stress und fehlende Perspektiven. In diesem Kontext scheitert Verständigung oft nicht am fehlenden Willen, sondern an Überforderung: Misstrauen, Angst und ungelöste Wut erschweren Dialog, blockieren Zusammenarbeit und lassen Konflikte schneller eskalieren.

Psychosoziale Unterstützung schafft die Grundlage dafür, dass Menschen wieder zuhören, Vertrauen aufbauen und konstruktiv miteinander arbeiten können. Genau darin liegt ihr transformatives Potenzial: Sie ermöglicht nicht nur Stabilisierung im Alltag, sondern eröffnet überhaupt erst Räume für Dialog, Versöhnung und langfristigen gesellschaftlichen Wandel.

Ein Blick in die Zukunft

Hala aus dem Umland von Homs fasst den Lernprozess für die Zivilgesellschaft in Syrien zusammen:

Obwohl wir so unterschiedlich sind, konnten wir diskutieren, zuhören und gemeinsam zu Ergebnissen kommen, die für alle tragfähig waren. […] Es zeigt, dass wir als Syrer*innen beginnen, anders miteinander umzugehen: ehrlicher, transparenter und mit mehr gegenseitigem Respekt.

Das Trainingsprogramm erstreckt sich insgesamt über fünf Monate. Noch bis Juni 2026 treffen sich die Teilnehmer*innen jeden Monat für vier Tage in Damaskus. Anschließend nehmen sie die Erfahrungen mit in ihre praktische Arbeit: Ob Frauenrechte, Kinderhilfe oder Friedensarbeit, psychosoziale Stärke ist das Fundament für zivilgesellschaftliches Engagement in Syrien. Mit Ihrer Unterstützung können wir diese Trainings ausweiten und mehr zivilgesellschaftliche Akteur*innen erreichen, die täglich unter schwierigen Bedingungen Räume für Dialog, Unterstützung und Zusammenhalt schaffen.