15 Jahre für ein Syrien für Alle.

Eine Revolution endet nicht per Dekret, und nicht mit dem Sturz eines Diktators. Sie endet erst, wenn ihre Ziele Wirklichkeit geworden sind.

Unsere unvollendete Revolution

Vor fünfzehn Jahren brachen wir Syrer*innen das Schweigen – friedlich, gegen ein System, das jede Spur von Freiheit erstickte, und im Bewusstsein, dass jeder Schritt auf die Straße unser Leben kosten konnte. Wir forderten nur das, was allen Menschen zusteht: Freiheit, Würde, Gerechtigkeit. Politische Teilhabe und Rechtsstaatlichkeit. Doch im Syrien des Assad-Regimes war selbst das ein revolutionärer Anspruch.

Diese Revolution war ein Aufbruch, wie unser Land ihn nie zuvor erlebt hatte. Überall entstanden lokale Initiativen, Nachbarschaftskomitees und selbstorganisierte Netzwerke. Dieses Engagement, dieser Mut, der plötzlich sichtbar wurde – er erfüllt uns bis heute mit Stolz.

Und ja: Wir haben erreicht, was lange unmöglich schien. Assad ist nicht mehr an der Macht. Sein Sturz war das Ergebnis jahrelangen zivilen Widerstands und unzähliger Opfer.

Doch heute wird diese Geschichte verkürzt, entstellt und ausgehöhlt. Viele reduzieren sie auf einen Kampf zwischen Regime und Islamisten – und machen die treibende Kraft der Revolution unsichtbar: die Menschen, die unermüdlich friedlich für Gleichberechtigung und Teilhabe kämpften.

Auch die Übergangsregierung beansprucht die Revolution für sich, und reproduziert in ihrem Namen Ausgrenzung und autoritäre Strukturen. Übergangspräsident Ahmad al‑Sharaa erklärte bereits: „Die Revolution ist vorbei“, man solle das revolutionäre Denken hinter sich lassen.

Doch eine Revolution endet nicht per Dekret, und nicht mit dem Sturz eines Diktators. Sie endet erst, wenn ihre Ziele Wirklichkeit geworden sind.

Wie soll Vertrauen entstehen, wenn zentrale Machtpositionen heute von Akteuren der jihadistisch geprägten Hayat Tahrir al‑Sham (HTS) besetzt werden? HTS war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, doch nie Träger unserer Forderungen. Dass ihre Werte nicht auf unseren basieren, zeigt sich nun erneut: Was fehlt, ist ein echter nationaler Dialog, eine pluralistische Übergangsordnung und eine inklusive Vision für alle Syrer*innen.

Die syrische Revolution war nie ein ideologisches oder islamistisches Projekt. Sie war ein Aufstand für Selbstbestimmung – getragen von Menschen unterschiedlicher Hintergründe, verbunden durch das Streben nach Würde und Freiheit.

Ein demokratisches, gerechtes Syrien entsteht nicht allein durch einen Machtwechsel. Die Werkzeuge des Wandels haben sich verändert – doch unser Auftrag bleibt derselbe: ein Syrien für alle aufzubauen.

Assads Sturz ist kein Schlussstrich. Die Revolution ist kein Moment, der hinter uns liegt – sie ist eine Erfahrung, die uns prägt und die wir weitertragen. Und auch wenn wir unserem Ziel nähergekommen sind: Unsere Forderungen müssen heute mehr denn je verteidigt werden.

Beitrag von Mohamed Shakerdy

Mohamad Shakerdy beteiligte sich seit2011 in Atareb bei Aleppo an Protesten und wurde Mitglied des lokalen Koordinationskomitees (LCC). Im Untergrund organisierte er Demonstrationen, filmte Proteste und dokumentierte Regimegewalt.

Nach der Befreiung der Stadt gründete er mit Mitstreiter*innen das Zivile Zentrum für politischen Austausch und zivilgesellschaftliche Initiativen, das seit 2012 mit Adopt a Revolution kooperiert.

Trotz der militärischen Übernahme Atarebs durch die HTS Miliz 2019, engagierte sich Mohamad Shakerdy weiterhin für Dialog, politische Bildung und Teilhabe – bis heute.

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