Der Krieg kam für viele Beobachter*innen nicht überraschend – doch sein Ausmaß ist verheerend. Seit fast zwei Wochen hält der militärische Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran die Region in Atem. Zahlreiche Staaten sind bereits in die Eskalation hineingezogen worden. Neben militärischen Auseinandersetzungen umfasst der Konflikt gezielte Angriffe auf politische und militärische Führungsfiguren, Versuche interner Destabilisierung, Drohungen gegen Energieinfrastruktur sowie wirtschaftlichen Druck.
Die bisherigen Opferzahlen sind hoch: mindestens 1.300 getötete Zivilistinnen im Iran und rund 700 Tote im Libanon. Bombardierung, Vertreibung, Tod und Angst – all das ist unseren Partnerinnen in Syrien nicht unbekannt.
„Wir selbst haben die Gewalt des iranischen Regimes und seiner Verbündeten erlebt. Die Proteste im Iran, die so brutal niedergeschlagen wurden, haben wir verfolgt – und mitgefühlt. Denn wir wissen, wie es sich anfühlt, auf der Straße sein Leben zu riskieren.
Wir kennen auch Krieg, Bomben und Vertreibung aus eigener Erfahrung. Unsere Gedanken sind bei all jenen, die von diesen tödlichen Angriffen betroffen sind. Dieser Krieg muss so schnell wie möglich aufhören – wir hoffen auf ein baldiges Ende der Gewalt.“ Partnerin in Damaskus
Syrien versucht, sich herauszuhalten
Die Luftangriffe der USA und Israels sowie der Tod von Ali Khamenei am 28. Februar 2026 markieren den bisherigen Höhepunkt einer Entwicklung, die im Oktober 2023 begann. Seitdem hat sich die regionale Konfrontation zwischen Israel, den USA und dem Iran zunehmend verschärft. Zugleich wurden in den vergangenen Jahren die iranischen Stellvertreterstrukturen in Gaza, dem Libanon, Syrien und dem Jemen demontiert oder stark geschwächt.
„Am Morgen des 1. März schlug in unserer Nachbarschaft in Ain Terma ein herabfallendes iranisches Raketenteil ein. Mehrere Menschen wurden verletzt. Ein Kind starb, nachdem es sich so sehr erschrak, dass es tödlich stürzte. Für uns reißt das schreckliche Wunden wieder auf. Erinnerungen an die Zeit der Belagerung, an tägliche Bombardierungen, Phosphorgeschosse und unzählige Tote. Wir hatten gehofft, dass die Zeit von Gewalt und Krieg nun hinter uns liegt und unsere Wunden endlich heilen können.“ Partnerin in Ost-Ghouta
Syrien versucht, sich herauszuhalten. Das Land ist militärisch geschwächt, wirtschaftlich am Boden und hat kein Interesse an neuen Konflikten. Doch allein aufgrund seiner geographischen Lage ist das kaum möglich. Der syrische Luftraum wird zum Korridor für Raketen und Kampfflugzeuge. Wie schon während des 12-Tage-Krieges im Juni 2025 fliegen iranische Raketen und Drohnen über Südsyrien und werden dort regelmäßig von Israel abgefangen.
Alltagsleben unter Druck: Preise, Treibstoff, Unsicherheit
Auch wirtschaftlich ist der Krieg bereits deutlich spürbar. Nach ersten Preissteigerungen zu Beginn des Ramadan haben die Lebensmittelpreise in den größeren Städten weiter angezogen. Grund sind unterbrochene Importe und gestiegene Transportkosten. In Syrien, wo mehr als 80 Prozent der Haushalte als nicht ernährungssicher gelten, hat das folgenreiche Auswirkungen.
„Das Geld reicht ohnehin nie. Wir haben in Syrien teilweise europäisches Preisniveau bei nur 200 Dollar Einkommen. Sollte der Krieg andauern und die Preise so bleiben, ist völlig unklar, wie die Menschen überleben sollen. Es kann sein, dass das die Spannungen in der Gesellschaft zunehmen und das eine sehr gefährliche Situation wird.“ Partnerin in Damaskus
Auch bei Treibstoff verschärft sich die Lage: Bereits in der ersten Woche des Krieges bildeten sich lange Schlangen an den Tankstellen. Der syrische Staat hat kaum Möglichkeiten, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges abzufedern – etwa durch Subventionen oder wirtschaftliche Hilfsprogramme.
Kein militärischer Hotspot – bisher
Militärisch ist Syrien kein zentraler Schauplatz dieses Krieges. Viele pro-iranische Milizen, darunter auch Teile der Hisbollah-Strukturen, haben Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes verlassen.
Größere interne Kämpfe oder Luftangriffe der USA oder Israels auf syrischem Territorium gelten derzeit daher als eher unwahrscheinlich. Auch als Ziel iranischer Angriffe erscheint Syrien derzeit wenig wahrscheinlich. Iran konzentriert seine Angriffe vor allem auf Ziele, mit denen sich wirtschaftlicher Druck auf die USA und ihre Verbündeten ausüben lässt.
Hinzu kommt, dass die USA in den vergangenen Monaten viele ihrer Militärstützpunkte im Osten Syriens geräumt und ihre militärische Präsenz im Land deutlich reduziert haben. Doch die Frage bleibt: Wie lange kann das so bleiben, wenn sich um das Land herum die Auseinandersetzungen weiter zuspitzen?
Spannungen an der libanesischen Grenze
Während die Auswirkungen des Krieges auf Syrien anfangs vor allem im Zusammenhang mit einer möglichen kurdischen Beteiligung zur Unterstützung des langjährigen Partners USA diskutiert wurden, richtet sich der Blick inzwischen stärker auf die libanesische Grenze.
Damaskus hat nach Kriegsbeginn sowohl die Grenze zum Libanon als auch zum Irak verstärkt militärisch gesichert. Offiziell soll dies dem Schutz des eigenen Territoriums dienen sowie Waffen- und Drogenschmuggel und das Eindringen von Hisbollah-Kämpfern verhindern.
Seit dem Sturz des Assad-Regimes versucht die neue Führung, ihre außenpolitischen Beziehungen neu auszurichten und stärker mit arabischen Staaten sowie westlichen Akteuren, insbesondere den USA, zusammenzuarbeiten. Übergangspräsident Ahmad al-Sharaa betonte öffentlich mehrfach die Notwendigkeit einer Deeskalation. Für den Wiederaufbau des Landes ist Stabilität entscheidend.
Wie sich die Lage an der Grenze weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten – doch die Spannungen nehmen zu. Seitens der USA steht der Gedanke im Raum, die syrische Armee perspektivisch eine Rolle bei der Entwaffnung der Hisbollah spielen zu lassen. Eine solche Entwicklung wäre riskant und würde bestehende konfessionelle Spannungen weiter verschärfen.
Bedrohliche Ungewissheit
Viele Menschen in Syrien verfolgen die Entwicklungen mit großer Sorge.
„Wir haben keine Ahnung, wohin es geht. Diese Ungewissheit fühlt sich bedrohlich an. Ob regionale Destabilisierung oder ein möglicherweise langer Krieg im Libanon – wir wissen nicht, welche Konsequenzen das alles für Syrien haben wird.“ (Partner in Aleppo)
Fest steht: Je länger der Krieg anhält, desto komplizierter und gefährlicher wird die Lage in der gesamten Region, und damit auch für Syrien. Die Aussagen von US-Präsident Trump über den weiteren Verlauf des Krieges sind widersprüchlich. Auch wie Iran weiter reagiert, bleibt offen. Für Syrien bedeutet die Situation vor allem eines: eine neue Phase der Unsicherheit – in einem Land, das seit mehr als fünfzehn Jahren kaum eine Pause vom Krieg kennt.
