Nach dem Abzug der SDF patrouillieren syrische Regierungssoldaten im Lager al-Hol im Nordosten Syriens. (AP Photo/Ghaith Alsayed)

Was passiert in Nordost-Syrien?

In den vergangenen Wochen ist Syrien erneut an den Rand eines offenen inneren Krieges geraten. Die Konfrontation zwischen der Übergangsregierung und den SDF wirkt auf den ersten Blick wie ein plötzlicher Gewaltausbruch. Tatsächlich sind sie das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über Monate aufgebaut hat. Ein Überblick.

Nach dem Abzug der SDF patrouillieren syrische Regierungssoldaten im Lager al-Hol im Nordosten Syriens. (AP Photo/Ghaith Alsayed)

Als Anfang Januar 2026 in Aleppo gekämpft wurde, war das kein isolierter Zwischenfall, sondern Ergebnis eines politischen Stillstands. Ein Abkommen vom 10. März 2025 sollte die Beziehungen zwischen Damaskus und den Syrian Democratic Forces (SDF) neu ordnen und die Eingliederung kurdischer Kräfte und Institutionen in den syrischen Staatsapparat regeln.

Doch nach der Unterzeichnung geschah: nichts. Die Umsetzung blieb aus, Vertrauen wurde nicht aufgebaut. Gleichzeitig wuchs der Druck aus den arabisch geprägten Regionen Nordostsyriens, die eine rasche Reintegration in den syrischen Staat forderten.

Statt einer politischen Einigung setzte die Übergangsregierung Anfang Januar auf militärische Fakten. Ziel war die Übernahme der bislang kurdisch kontrollierten Stadtteile Aleppos. In Sheikh Maqsoud und Ashrafiyah kam es zu schweren Kämpfen zwischen Regierungstruppen und kurdischen Kräften. Die Übergangsregierung forderte die Zivilbevölkerung auf, die betroffenen Gebiete zu verlassen, erklärte ganze Viertel zu militärischen Sperrzonen und begann eine groß angelegte Operation gegen kurdische Kräfte und lokale Verteidigungseinheiten, die mit den SDF verbunden sind. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als 140.000 Menschen vertrieben, mindestens 24 Menschen getötet.

Der rasche Bedeutungsverlust der SDF

Bereits während der Kämpfe zeigte sich, wie brüchig die Machtbasis der SDF geworden war. Arabische Kämpfer innerhalb des Militärbündnisses wechselten die Seiten. Am 8. Januar erklärten sämtliche Angehörige des Baqqara-Stammes in Aleppo ihren Austritt. Zwei Tage später schwiegen die Waffen in der Stadt. Die kurdischen Stadtteile Aleppos stehen seitdem unter militärischer Kontrolle der Übergangsregierung, die verbliebenen SDF-Einheiten zogen sich ostwärts zurück.

Dieser Rückzug beschleunigte eine Entwicklung, die sich zuvor bereits abgezeichnet hatte. Elf arabische Stämme aus Ostsyrien erklärten in kurzer Folge ihre Loyalität zur Regierung in Damaskus. Auch ihre Männer verließen die SDF. Das Selbstverwaltungsprojekt verlor damit in weiten Teilen der arabisch geprägten Gebiete faktisch seine soziale Basis, insbesondere in Raqqa und Deir ez-Zor, die seit dem Sieg der SDF über den sogenannten Islamischen Staat (IS) 2017 beziehungsweise 2019 unter Kontrolle der Selbstverwaltung gestanden hatten.

SDF: Ein Bündnis aus Mangel an Alternativen

Diese Dynamik lässt sich nur verstehen, wenn man den Blick auf die Jahre vor dem Sturz des Assad-Regimes richtet. Insbesondere in den arabisch geprägten Regionen Nordostsyriens lebten viele Menschen unter der Herrschaft der Selbstverwaltung weniger aus politischer Zustimmung, sondern mangels realer Alternativen gab. Auch die dortigen, traditionell konservativen Stämme gingen vielfach pragmatische Arrangements mit der SDF ein, die eher auf situativen Interessen als auf langfristiger politischer Übereinstimmung beruhten.

Die politischen Bindungen in diesen Gebieten waren dabei schon lange vor der Präsenz der SDF von Instabilität geprägt. Lokale Stämme hatten in der Vergangenheit wiederholt mit wechselnden Machtzentren kooperiert, darunter auch mit bewaffneten dschihadistischen Gruppen bis hin zum IS. Dauerhafte, belastbare Loyalitäten konnten sich unter diesen Bedingungen kaum herausbilden.

Die kurdisch geprägten Führungsstrukturen der Selbstverwaltung agierte in diesen Regionen bewusst zurückhaltend. Eigene gesellschaftspolitische Vorstellungen wurden kaum offensiv vertreten. Insbesondere progressive Ansätze, etwa im Bereich von Geschlechtergerechtigkeit, standen in einem Spannungsverhältnis zu den stark patriarchal geprägten Stammesstrukturen und hätten früh offene Konflikte riskieren können. Die Zusammenarbeit blieb damit politisch notwendig, gesellschaftlich jedoch fragil.

Parallel dazu wuchs in vielen Regionen die Unzufriedenheit über stagnierende wirtschaftliche Entwicklungen und fehlende Perspektiven. Städte und ländliche Räume litten unter jahrelanger Vernachlässigung und strukturellen Defiziten. Diese Situation wurde von vielen ertragen, aber nicht getragen. Mit dem Sturz der Diktatur Anfang Dezember 2024 veränderte sich diese Ausgangslage grundlegend. Zum ersten Mal entstand für viele die reale Aussicht, wieder Teil eines gesamt-syrischen Staates zu sein.

Der politische Bruch

Am 19. Januar 2026 scheiterten die diplomatischen Verhandlungen mit der Übergangsregierung endgültig. Beide Seiten schieben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Laut eines Regierungssprechers habe sich die SDF geweigert, das Abkommen umzusetzen, insbesondere mit Blick auf die Übergabe von Hasaka. Die SDF wiederum spricht von einem neuen Vorschlag aus Damaskus, der Selbstverwaltung und SDF faktisch auflösen würde.

Klar ist, dass für Übergangspräsident Ahmed Al.Sharaa die territoriale Einheit Syriens im Zentrum steht. Für die kurdische Seite würde dies den Verlust von Macht, Gebieten und mühsam erkämpften Rechten bedeuten.

Mit dem Abbruch der Verhandlungen verlagerte sich der Konflikt zurück auf die militärische Ebene. In Raqqa und Deir ez-Zor zogen sich die SDF zurück, bewaffnete Kräfte, die der Übergangsregierung nahestehen, übernahmen die Kontrolle. Darunter befinden sich Stammesmilizen und bislang nicht eindeutig zugeordnete Einheiten. Eine reguläre Stationierung der syrischen Armee hat dort bislang nicht stattgefunden. Auch das berüchtigte al-Hol-Lager, in dem über 30.000 IS-Kämpfer und Angehörige inhaftiert sind, ging von der SDF an Kräfte unter Kontrolle der Übergangsregierung über, ebenso ein Grenzübergang zum Nordirak. Die Selbstverwaltung rief indes zur Mobilisierung auf. In den kurdischen Städten füllten sich die Straßen, tausende Zivilist*innen reisten zur Unterstützung  aus der Türkei an, weitere wurden aus dem Nordirak erwartet. Der Konflikt wird offen als existenzieller Kampf definiert, nicht mehr nur politisch, sondern ethnisch aufgeladen Selbst in Deutschland kursieren Aufrufe nach Nordsyrien zu reisen und dort die Kurd*innen in Nordostsyrien zu verteidigen.

Am Abend des 20. Januar folgte überraschend eine Waffenruhe. Die Übergangsregierung legte einen konkreten Integrationsplan vor, dem die SDF innerhalb von vier Tagen zustimmen soll. Bis Samstag, 18 Uhr deutscher Zeit, gilt ein Waffenstillstand. In dieser Zeit sollen syrische Truppen nicht in kurdische Gebiete einrücken. Beide Seiten haben bekräftigt, sich an die Waffenruhe halten zu wollen. 

Ein Verlierer steht fest

Bis Samstag liegt nun ein Vorschlag auf dem Tisch. Die SDF hat faktisch kaum noch Spielraum. Ihr internationaler Rückhalt ist vollständig weggebrochen. Die USA, bislang wichtigster und größter Verbündeter, haben sich klar auf die Seite der Übergangsregierung gestellt. Politisch wie militärisch steht die SDF damit mit dem Rücken an der Wand. Ob sie diese Lage rational bewertet und dem Abkommen zustimmt, ist jedoch offen. Scheitert das Abkommen, droht ein offener Krieg.

Unabhängig vom Ausgang ist eines bereits jetzt klar: Die gesamte syrische Bevölkerung verliert. Denn mit der SDF droht jener Akteur zu verschwinden, der in den vergangenen Monaten als einziger systematisch über Fragen von Verfassung, Machtteilung und politischen Rechten mit der Übergangsregierung verhandelt hat.