Frau Rashid: Das Abkommen zwischen der Übergangsregierung und den SDF sieht vor, dass im Gegenzug für die Auflösung der SDF die Rechte der Kurden anerkannt werden. Kann das als Durchbruch für die kurdischen Rechte betrachtet werden?
Meiner Meinung nach kann man es als wichtigen Schritt betrachten, aber nicht als einen vollendeten Erfolg an sich. Die Anerkennung der kurdischen Rechte auf dem Papier ist eine Sache, ihre Umsetzung in tatsächliche verfassungsrechtliche, politische und kulturelle Rechte ist eine andere.
Für mich wäre der wahre Erfolg erreicht, wenn es eine klare Anerkennung der kurdischen Identität und ihrer Rechte gäbe, Garantien für Sprache, Kultur, Bildung und politische Teilhabe bestünden und zudem die Regionen Nordostsyriens fair im syrischen Staat vertreten wären. Daher sehe ich das Abkommen als Beginn eines langen Weges und nicht als Ende der kurdischen Frage.
Wie erleben Sie die Umsetzung des Abkommens vom 29. Januar 2026 über die Integration der SDF in die neue syrische Armee und die Eingliederung der Autonomen Verwaltung in den syrischen Staat? Überwiegt das Bedauern über die Auflösung oder die Freude über die Zusicherung der Rechte für Kurden?
Meine Gefühle sind sehr gemischt. Ein Teil von mir freut sich, weil es endlich möglich scheint, vom Zustand des Krieges und militärischen Konflikts zu einer politischen Phase überzugehen – was an sich schon wichtig ist. Gleichzeitig gibt es ein Gefühl von Trauer und Verlust, denn die Autonome Verwaltung bestand für viele Menschen nicht nur aus Institutionen, sondern war eine gelebte Erfahrung, auf der große Hoffnungen ruhten und in der vieles als historischer Gewinn angesehen wurde.
Vielleicht ist es eher eine Sorge um die Zukunft als Bedauern über die Vergangenheit. Die Frage für mich lautet: Werden die positiven Errungenschaften der vergangenen Jahre in die neue Phase übertragen oder gehen sie mit der Auflösung der bisherigen Institutionen verloren?
Welche Fragen sind aus Ihrer Sicht noch offen und ungelöst?
Es gibt mehrere grundlegende Fragen für mich.
Erstens: Wie wird die endgültige Form der Beziehung zwischen Nordostsyrien und der Zentralregierung sein? Wird es eine echte lokale Verwaltung mit tatsächlichen Befugnissen geben oder lediglich eine zentrale Verwaltung dieser Gebiete?
Zweitens: Wie werden die kulturellen und nationalen Rechte der Kurden und anderer gesellschaftlicher Gruppen garantiert? Werden diese Rechte verfassungsrechtlich und gesetzlich geschützt sein, sodass sie nicht nur von vorübergehenden politischen Vereinbarungen abhängen?
Auch das Thema Sicherheit ist sehr wichtig: Werden die kurdischen Brigaden, die zuvor Teil der SDF waren, weiterhin für den Schutz der Regionen zuständig sein, oder könnte die Karte neu gezeichnet werden?
Und es gibt Fragen im Zusammenhang mit Land, Ressourcen, Institutionen und Mitarbeiter*innen, insbesondere: Wer wird die lokalen Ressourcen verwalten und wie werden sie verteilt?
Und schließlich ist die wichtigste Frage für mich: Wird das Abkommen tatsächlich zu einer echten politischen Partnerschaft führen oder nur zur Umbenennung von Institutionen, ihrer administrativen Eingliederung und der Ernennung bestimmter Persönlichkeiten in Führungspositionen?
Welche weiteren offenen Punkte gibt es?
Das Thema der Rückkehrer, insbesondere aus den Gebieten Ras al-Ayn (Tel Schaf und Tel Abyad), ist noch nicht gelöst; die Menschen konnten noch nicht in ihre Häuser zurückkehren. Der erste Konvoi von Rückkehrern wurde von Bewaffneten angegriffen, die selbst als Vertriebene in Ras al-Ayn leben und früheren Milizen der Syrischen Nationalen Armee (SNA) zuzuordnen sind. Zudem gibt es in Afrin nach wie vor Probleme, dass Rückkehrer ihr Eigentum zurückerhalten, obwohl nach dem Abkommen vom 29. Januar mehr als 16.000 Familien nach Afrin zurückgekehrt sind.
Außerdem bleibt das Thema der Vermissten ungeklärt: Es gibt immer noch Vermisste, deren Schicksal unbekannt ist, insbesondere nach den Ereignissen im Januar in Ashrafiye und Sheikh Maqsoud, den kurdisch geprägten Stadtteilen von Aleppo und ebenso während des Rückzugs der SDF aus den Gebieten Dir Hafer in Richtung Hasaka.

Wie läuft der Prozess der Eingliederung der Autonomen Verwaltung in den syrischen Staat? Wo gibt es Probleme?
Probleme könnten insbesondere beim Thema Personal auftreten: Wer bleibt? Wer wird ausgeschlossen? Und werden Erfahrungen, Zeugnisse und frühere Dienstzeiten anerkannt? Außerdem gibt es ein Vertrauensproblem, da die Menschen wissen wollen, ob die neuen Institutionen die Region tatsächlich vertreten werden oder ob es zu Zentralisierung und Ausgrenzung kommt.
Ich bin der Ansicht, dass jede erfolgreiche Integration schrittweise und wohlüberlegt erfolgen muss. Lokale Fachkräfte sollten bleiben und nicht alles, was in den vergangenen Jahren aufgebaut wurde, darf einfach verschwinden, nur weil die administrative Zuständigkeit wechselt.
Welche Errungenschaften der Autonomen Verwaltung sollten unbedingt bewahrt werden?
Meiner Meinung nach dürfen viele Dinge nicht verloren gehen.
Erstens: Die Erfahrung der lokalen Verwaltung und der gesellschaftlichen Beteiligung, da die Menschen in der Region inzwischen Erfahrung in der Verwaltung ihrer täglichen Angelegenheiten haben.
Zweitens: Die Beteiligung der Frauen am politischen und administrativen Leben, da dies eine der auffälligsten sozialen und politischen Veränderungen der vergangenen Jahre war. Das muss meiner Meinung nach beibehalten und weiterentwickelt werden.
Drittens: Auch die Vielfalt und die Vertretung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen – Araber, Kurden, Assyrer und andere – sowie die Anerkennung der Besonderheit jeder Gruppe müssen Teil jeder zukünftigen Lösung sein.
Viertens: Für mich sind die Bildung in der kurdischen Sprache sowie der Erhalt der kurdischen Kultur und Identität die wichtigsten Errungenschaften, deren Fortbestand garantiert werden muss.
Was sind Ihre Erwartungen für die Zukunft in Nordostsyrien?
Ich erwarte eine schwierige Phase voller Verhandlungen und gehe nicht davon aus, dass alles schnell gelöst wird. Der Erfolg der nächsten Phase hängt stark von der Form der politischen Einigung und dem Willen der Zentralregierung ab, die Besonderheit der Region und die Rechte ihrer Bevölkerung tatsächlich anzuerkennen.
Wenn es eine echte Vereinbarung über Dezentralisierung, kulturelle und politische Rechte, faire Vertretung aller gesellschaftlichen Gruppen sowie den Erhalt bestehender Institutionen und Fachkräfte gibt, dann sehe ich die neue Phase als Chance für Stabilität und Wiederaufbau der Region.
Doch wenn die Integration nur bedeutet, alles Bestehende abzuschaffen und dem Nordosten eine vollständige Zentralisierung aufzuzwingen, dann glaube ich, dass neue Probleme auftauchen und das Gefühl der Marginalisierung und des Misstrauens zurückkehren wird.
Am Ende liegt meine größte Hoffnung darin, dass wir nicht zur Logik des Siegers und Verlierers zurückkehren. Die Menschen in Nordostsyrien haben in den vergangenen Jahren einen hohen Preis gezahlt. Was sie heute brauchen, ist eine Lösung, die ihre Rechte, ihre Würde und ihre Sicherheit innerhalb Syriens gewährleistet. Die Veränderungen dürfen nicht nur ein Übergang von einem Konflikt zum nächsten sein.
