Kein Halt für das Corona-Virus: Die Grenzen zu den Nachbarländern (hier libanesisch-syrische Grenze) sind offen, trotz hoher Infektionszahlen in den Anrainerstaaten

Corona in Syrien: Eine Katastrophe in Zeitlupe

Es war nur eine Frage der Zeit: Das Corona-Virus ist nun auch offiziell in Syrien angekommen. Insbesondere in Nordsyrien droht den Schwächsten im Land, den Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen, eine Katastrophe biblischen Ausmaßes – denn wegen des Konflikts ist das Gesundheitssystem ohnehin überlastet, falls es überhaupt noch existiert.

Kein Halt für das Corona-Virus: Die Grenzen zu den Nachbarländern (hier libanesisch-syrische Grenze) sind offen, trotz hoher Infektionszahlen in den Anrainerstaaten

Endlich hat das Assad-Regime den ersten Corona-Fall in Syrien bestätigt: Eine 20 Jahre alte Person, die laut dem syrischen Gesundheitsminister Nisar Yasidschi aus dem Ausland eingereist sei, war am vergangenen Sonntag positiv auf den Virus getestet worden. Noch wenige Tage zuvor waren Ärzte, die von entsprechenden Infektionen berichteten, von Sicherheitsdiensten eingeschüchtert und zu absoluter Geheimhaltung gedrängt worden, wie Mediziner der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigten.

Angesichts der Verbreitung des Virus in allen Nachbarländern Syriens und der engen wirtschaftlichen und militärischen Verbindungen in den selbst schwer betroffenen Iran war die Behauptung, Corona-frei zu sein, ohnehin äußerst gewagt. Schätzungen von Medizinern zufolge könnte es bereits am 11. März 2.000 Fälle gegeben haben – und bei einem Gesundheitssystem, das nach Jahren des Kriegs ohnehin überlastet und von Brain-Drain zersetzt ist, wird das Virus leichtes Spiel haben.


Ein Besuch in einem medizinischen Zentrum in Rif Damaskus offenbart die mangelnde Vorbereitung auf die Corona-Pandemie und die katastrophale Situation des Gesundheitssystems unter Assad.

Dass das Internationale Komitee vom Roten Kreuz nun vor einem „der schwersten Ausbrüche weltweit“ warnt, liegt aber weniger an den Gebieten unter Kontrolle des Assad-Regimes. In Nordsyrien, der Region Idlib und den Gebieten unter kurdischer Selbstverwaltung, sind die Voraussetzungen für eine katastrophale Entwicklung mit dramatischen Todeszahlen in kürzester Zeit erst recht erfüllt. Millionen Menschen leben hier in überfüllten Flüchtlingslagern, informellen Camps oder gar unter freiem Himmel auf engstem Raum zusammen – bei fast vollständiger Abwesenheit einer medizinischen Infrastruktur.

Schutzlos ausgeliefert

Aktivist*innen im Frauenzentrum in Idlib klären auf über der Corona-Virus und wie man sich schützen kann. Stärken Sie die Corona-Hilfe mit Ihrer Spende!

Bis zum Inkrafttreten des Waffenstillstands zwischen Russland und der Türkei vor rund drei Wochen waren Krankenhäuser ein bevorzugtes Ziel der russischen und syrischen Luftwaffe: Alleine 2019 wurden 85 Krankenstationen angegriffen, 2018 waren es sogar 142. Die brutale Offensive der Assad-Armee auf Idlib trieb nach UN-Angaben seit Dezember über eine Million Menschen in die Flucht. Social Distancing, also „Zu Hause bleiben“ und „Abstand zueinander halten“, ist keine Option, wenn die Bomben fallen und sich, wie unsere Partner*innen berichten, 10 bis 15 Menschen in jedem Zelt drängen – völlig ohne Zugang zu Toiletten, fließend Wasser oder Gesundheitseinrichtungen.

In Afrin werden alle Personen bei der Einreise über die Übergänge Deir Ballut und Ghazawia auf Fieber getestet.

„Genau das ist das Problem, unter dem die Menschen in den Camps schon die ganze Zeit leiden. Das Abwasser läuft offen über die Wege, es gibt keine unterirdische Kanalisation. Die Toiletten sind irgendwelche Erdlöcher etwas abseits der Camps. Es gibt keinen hygienischen Schutz, nicht mal eine Tür. Oft ist eine Decke, aufgehängt an einem Baum, das einzige, was etwas Sichtschutz und Privatsphäre bietet. Seit kurzem stellen ein paar Organisationen mobile Toiletten bereit: Das ist dann ein Raum mit einem Wasserkanister für die notdürftige Toilettenhygiene. Wasser oder Feuchttücher gibt es nicht. Von den mobilen Toiletten gibt es allerdings viel zu wenig – nur ein bis zwei pro Camp, dabei leben in den kleinsten Camps bereits über hundert Personen. Duschen gibt es überhaupt nicht.“

Souad, Partnerin von Adopt a Revolution in Idlib

Angesichts der katastrophalen humanitären Lage wäre es eine Katastrophe biblischen Ausmaßes, wenn sich das Virus in Idlib ausbreitet. Bislang gibt es in der Region noch keine bestätigten Fälle, allerdings konnte bislang auch noch niemand getestet werden. Zwar will die WHO nach Angaben von Regionaldirektor Rick Brennan diese Woche mit Tests auf das Corona-Virus in der Region Idlib beginnen. Aber selbst wenn Fälle identifiziert werden, stehen dort lediglich drei Krankenhäuser zur Verfügung, in denen Patienten intensivmedizinisch versorgt werden könnten – bei über drei Millionen Bewohner*innen.

Hohe Sterblichkeit äußerst wahrscheinlich

In Idlib, Hama und Aleppo versuchen die Weißhelme die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern, indem sie Schulen und andere wichtige Einrichtungen desinfizieren.

Auch in den Gebieten unter kurdischer Selbstverwaltung ist die Lage prekär und die Einrichtungen des Gesundheitswesens keineswegs auf eine Corona-Pandemie vorbereitet: Nur eins von 16 Krankenhäusern ist in der kurdischen Region vollständig einsatzbereit. Es stehen lediglich 28 Betten für intensivmedizinische Versorgung zur Verfügung, zehn davon mit Beatmungsgeräten. Dabei leben nach der türkischen Intervention vom vergangenen Herbst auch hier noch hunderttausende Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften wie Schulen und Sporthallen.

Auch die Situation der unter unmenschlichen Bedingungen Inhaftierten in Syrien könnte sich als katastrophal und tödlich erweisen, sollte Corona in den Gefängnissen ausbrechen, wie Human Rights Watch berichtet.

Während in allen drei Einflusssphären Syriens Schulen und Universitäten aufgrund der drohenden Pandemie geschlossen sind und die WHO in den Regime-Gebieten etwa durch die Vorbereitung von Quarantäneeinheiten die Bemühungen zur Linderung der Folgen eines Pandemieausbruchs unterstützt, sind insbesondere die Ärmsten und Schwächsten der drohenden Katastrophe nahezu hilflos ausgeliefert – die Millionen von Flüchtlingen in überfüllten, schlecht ausgestatteten Camps und informellen Unterkünften. Hier setzen zivile Aktivist*innen auf Selbstorganisation, um so zu versuchen, die katastrophalsten Folgen wenigstens abzumildern. Durch Desinfektions- und Aufklärungskampagnen, das Verteilen von Seife und Desinfektionsmitteln und das Verbreiten von Anleitungen zur Herstellung von Schutzmasken versuchen sie, der Katastrophe das entgegen zu setzen, was sie in der syrischen Revolution gelernt haben: Flexible Selbstorganisation und gegenseitige Solidarität, um die Schwächsten zu schützen.

Sollten diese Maßnahmen nicht erfolgreich sein, schätzen Ärzt*innen, dass allein in der Region Idlib gut 100.000 Menschen an den Folgen eines größeren Corona-Ausbruchs sterben könnten. Eine Zahl, die jedes der zahlreichen Massaker des seit neun Jahren anhaltenden Konflikts in Syrien weit in den Schatten stellt.


Das leisten unsere Projektpartner*innen in der Corona-Pandemie…

Desinfektionsmittel für Flüchtlingscamps

„Früher brauchten die Leute nur ein paar Tage, um sich von einer Erkältung zu erholen, nach allem, was die Flüchtlinge in den Camps durchgemacht haben, brauchen sie jetzt einen Monat – und jetzt droht auch noch die Corona-Pandemie“, beschreibt die Aktivistin Souad. Gemeinsam mit ihren Mitstreiter*innen setzt sie sich dafür ein, in den zahllosen und überfüllten Flüchtlingslagern und informellen Camps grundlegende Hygienestandards einzuführen. Mit Informations- und Aufklärungskampagnen, aber auch durch das Verteilen von Hygiene- und Desinfektionsmitteln unterstützen die Aktivist*innen die Ärmsten – andernfalls hätte das Virus leichtes Spiel, wenn 10 bis 15 Menschen in einem Zelt zusammenleben müssen.


Corona-Aufklärung im Frauenzentrum Idlib

Um einer Corona-Pandemie zu begegnen, bevor sie überhaupt ausbricht, klären die Mitarbeiter*innen des Frauenzentrums in Idlib auf über die Symptome einer Erkrankung mit dem Covid-19-Virus, welche Hygienemaßnahmen sinnvoll und in den zahlreichen überfüllten Flüchtlingscamps überhaupt anwendbar sind und wie sich die Gefahr einer Ansteckung in Zeiten des Krieges reduzieren lässt. Nach der Zerstörung zahlreicher Krankenhäuser in der Region durch russische und syrische Luftangriffe ist Prävention die wichtigste Maßnahme, wie Huda, die Leiterin des Frauenzentrums, erzählt.


Gesundheitsinformation via Radio – bei Welat FM

Das Welat-Radio sendet ohnehin auf kurdisch und arabisch, um die kurdisch-sprachige Bevölkerung zu erreichen, aber auch die zahlreichen Binnenflüchtlinge, die im Gebiet der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien leben. Die Selbstverwaltung hat mittlerweile eine strenge Ausgangssperre verhängt, weshalb es umso wichtiger ist, dass sich die Menschen zu Hause informieren können. Aber noch wichtiger ist es den Mitarbeiter*innen, die noch immer über hunderttausend Vertriebenen zu erreichen, die seit der türkischen Intervention vom vergangenen Herbst in der Region in provisorischen Flüchtlingsunterkünften leben, denn die angespannten hygienischen Bedingungen würden dort einen Ausbruch noch schneller eskalieren lassen.

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!