Der rot-schraffierte Bereich zeigt die geplante „Sicherheitszone“ der Türkei an.

Die militärische Offensive der Türkei

Die Türkei hat mit ihrer lang geplanten militärischen Luft- und Bodenoffensive auf den Nordosten Syriens begonnen. Wir erklären, wen das konkret betrifft und beleuchten die politischen Hintergründe.

Der rot-schraffierte Bereich zeigt die geplante „Sicherheitszone“ der Türkei an.

Die Region

Der offizielle Name der betroffenen Region lautet seit September 2018 “Autonome Verwaltung Nordost-Syrien” (NES), auch bekannt als Rojava. Sie besteht aus sieben Unterregionen, sogenannten Kantonen: Afrin, Jazeera, Euphrat, Raqqa, Tabqa, Manbij und Deir Ezzor. In der im Dezember 2016 überarbeiteten Verfassung der Region wird sie auch als “Demokratische Föderation Nordsyriens” bezeichnet.  

Nordost-Syrien ist fünfmal so groß wie der Libanon. Die Region teilt sich eine 400 Kilometer lange Grenze mit der Türkei. Rund 80 Prozent der natürlichen Ressourcen Syriens befinden sich in diesem Gebiet, vornehmlich Erdöl und Erdgas, aber auch Wasser und Weizen. 

Etwa 5 Millionen Menschen leben in Nordost-Syrien, darunter zum einen ca. 100.000 Binnenflüchtlinge, die in schlecht situierten Camps untergekommen sind. Zum anderen befinden sich hier auch ca. 7.000 IS-Kämpfer in Haft, die von kurdischen Kräften festgenommen wurden. Bislang ist unklar, was genau die Türkei mit ihnen vorhat.

Die Interessenlage

USA

Seit 2015 haben die USA die kurdischen Truppen im Kampf gegen den IS unterstützt. Enger lokaler Partner der USA war die SDF. Im Dezember vergangenen Jahres kündigte US-Präsident Donald Trump jedoch an, seine Truppen abzuziehen, den IS erklärte er für besiegt, damit sei sein Hauptziel erreicht. Diese Entscheidung brachte Trump massive Kritik ein, sodass er 200 Soldat*innen im Nordosten Syriens stationiert ließ. Nun sollen aber auch diese abgezogen werden – die SDF sieht sich damit von ihrem stärksten Verbündeten allein gelassen.

Syrian Democratic Force

Die Syrian Democratic Force (SDF) ist eine militärische Allianz aus vor allem kurdischen, arabischen und asyrischen Gruppen. Sie wird von der kurdischen Verteidigungseinheit YPG geführt und als offizielle militärische Gruppe der Region Nordost-Syrien betrachtet. Die SDF besteht aus 60.000-70.000 Kämpfer*innen. Bei Kämpfen gegen dschihadistische Milizen zur Rückeroberung des Nordostens von Syrien kamen 10.000 SDF-Kämpfer*innen ums Leben. Die Türkei nimmt die SDF, darunter vor allem die YPG, als Bedrohung für ihre territoriale Sicherheit wahr, da sie als enger Partner der PKK gesehen wird. Seit der Ankündigung der militärischen Türkei-Offensive verhandelt die SDF mit dem Assad-Regime über eine mögliche Kooperation zur Bekämpfung der türkischen Einsatzkräfte in Nordost-Syrien.

Türkei

Die Hauptsorge der Türkei ist, dass der Einfluss der YPG in Nordost-Syrien militärisch, finanziell und politisch weiter wächst. Ihrer Überzeugung nach hat Washington zu wenig getan, um die Situation zu beschwichtigen. Aus Ankaras Perspektive hat die Unterstützung und der Schutz der YPG durch die USA in den letzten vier Jahren zu einem politischen und militärischen Erstarken der PKK geführt. Die USA versprach der Türkei 2017 ihr monatlich eine Übersicht über die Waffen zu geben, die sie der YPG überreicht hat. Laut Abkommen sollten diese nach dem Sieg über den IS an die USA zurückgegeben werden. Das ist bislang jedoch nicht passiert und auch die USA forderte bis vor Kurzem die Waffen von der YPG nicht zurück. Dieses Vorgehen sorgt auf türkischer Seite für Unruhe. 

Zudem herrschen große Unstimmigkeiten zwischen der Türkei und den USA im Bezug auf eine mögliche Sicherheitszone. Beide Seiten beanspruchten für sich die Kontrolle über eine solche Zone. Ankara beharrt darauf, dass türkische Einheiten komplette Autorität ausüben können, möglicherweise in Kooperation mit lokalen Vertretungen – ähnlich wie sie es in der Militäroperation Schutzschild Euphrat und Afrin getan haben. Auf der anderen Seite fordert die YPG von den USA eine international verwaltete Pufferzone, die eine türkische Invasion abhalten und ihre Hegemonie in Nordost-Syrien aufrecht erhalten kann.