
In den vergangenen Tagen durchlebte Syrien gravierende Ereignisse. Während die Gewalt an der Küste des Landes für Entsetzen sorgte, verbreitete sich kurz darauf ein Bild, das bei vielen Hoffnung stiftete: Ahmad Al-Sharaa, Vorsitzender der Übergangsregierung, und Mazlum Abdi, Kommandeur der kurdischen SDF, besiegelten mit einem Handschlag eines der wichtigsten Abkommen seit dem Sturz des Assad-Regimes.
Der Deal sieht die Vereinigung der militärischen und administrativen Strukturen des Nordostens mit denen von Damaskus vor. Das Abkommen bekräftigt die territoriale Einheit Syriens und lehnt eine Teilung ab. Zudem sichert es nominell allen Syrer*innen das Recht auf politische Teilhabe und Zugang zu staatlichen Institutionen – unabhängig von Religion oder ethnischer Herkunft. Damit sendet die Übergangsregierung ein starkes Signal an Minderheiten: Ihre Integration in das neue Syrien ist gewollt.
Ein wichtiger Bestandteil der Vereinbarung ist die offizielle Anerkennung der kurdischen Gemeinschaft als indigene Gruppe mit verfassungsmäßigen Rechten und Staatsbürgerschaft. Unter dem Assad-Regime war dies nicht gegeben – etwa 200.000 Kurd*innen galten bis heute als staatenlos.
Freude und Erleichterung nach dem Abkommen
Nach der Einigung wurde in Qamishli, Hasaka und Raqqa gefeiert – aber auch in vielen anderen Teilen des Landes war die Freude auf den Straßen spürbar. Viele Menschen fürchteten ein Scheitern der Verhandlungen und neue Kämpfe. Jetzt überwiegt die Erleichterung: Das Abkommen sichert einen Waffenstillstand und verhindert weiteres Blutvergießen.
– Sawsan, Qamishli
Warum das Abkommen nach langer Zeit zäher Verhandlungen nun so schnell und unkompliziert auf den Weg gebracht wurde, dürfte auch mit den verübten Massakern an der syrischen Küste zu tun haben. Das Vertrauen in die Sicherheitskräfte der Übergangsregierung und damit auch Ahmad Al-Sharaa ist brüchiger als je zuvor. Ein Erfolg musste her. Aber auch der Druck durch den geplanten US-Truppenabzug in Nordostsyrien spielte eine entscheidende Rolle, um zu einer Einigung zu kommen.
Das Abkommen markiert für viele Kurd*innen einen historischen Wendepunkt:
Dieser Deal ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen politischen Kampfes der Kurd*innen gegen autoritäre Regime. Es könnte den Weg für eine neue Verfassung ebnen – hin zu einem demokratischen und dezentralisierten Syrien. Ein stabiler und selbstbestimmter Staat, ohne ausländische Einmischung etwa der Türkei oder Irans.
– Najla, Qamishli
Die Massaker an der Küste konnten weder international noch lokal verhindert werden. Wir hoffen, dass dieses Abkommen ein erster Schritt in Richtung einer echten Anerkennung und den Schutz aller für alle syrischen Bevölkerungsgruppen bedeutet – dazu gehören Kurd*innen und alle anderen Minderheiten.
– Hozeifa, Raqqa
Hoffnung, aber viele offene Fragen
Im Kontrast zur Gewalt in den Küstengebieten gibt das Abkommen Hoffnung. Doch viele Details bleiben unklar und sollen erst im Laufe des Jahres verhandelt werden. Spezielle Ausschüsse sind mit der Umsetzung betraut.
Wir hoffen das Beste. Die Ausschüsse brauchen Zeit, um offene Punkte zu klären. Wichtig ist, dass das Abkommen künftige Konflikte verhindert und beide Seiten davon profitieren.
– Rezan, Qamishli
Das Abkommen ist vorerst nur eine schriftliche Fixierung des Verhandlungsstandes – aber ein bedeutender Schritt in Richtung Stabilität.