Hunger als Waffe – eine Kriegsstrategie in Syrien

Madaya ist aktuell nur das jüngste Beispiel. Bereits seit mehreren Jahren setzt das Assad-Regime Hunger als Waffe ein. Ganze Stadtteile oder Städte werden belagert, was insbesondere im Winter dazu führt, dass Menschen an Mangelernährung oder extrem geschwächt an einfachen Krankheiten sterben. In mehreren Resolutionen hat der UN-Sicherheitsrat die Belagerung von ZivilistInnen in Syrien bereits verurteilt […]

Madaya ist aktuell nur das jüngste Beispiel. Bereits seit mehreren Jahren setzt das Assad-Regime Hunger als Waffe ein. Ganze Stadtteile oder Städte werden belagert, was insbesondere im Winter dazu führt, dass Menschen an Mangelernährung oder extrem geschwächt an einfachen Krankheiten sterben. In mehreren Resolutionen hat der UN-Sicherheitsrat die Belagerung von ZivilistInnen in Syrien bereits verurteilt und uneingeschränkten Zugang für humanitäre Hilfe gefordert. Bis heute versäumen es die Mitgliedstaaten, sie konsequent umzusetzen. Lesen Sie unsere Dokumentation aus drei belagerten Orten, in denen Adopt a Revolution eng mit syrischen AktivistInnen zusammenarbeitet!

Yarmouk Camp, Winter 2013/2014

Yarmouk ist ein Stadtteil im Süden von Damaskus, der aus einem palästinensischen Flüchtlingslager hervorgegangen ist. Zwar versuchte das Assad-Regime zu Beginn der Revolution im März 2011, sich als Verteidiger der palästinensischen Sache darzustellen; doch als in Yarmouk Proteste gegen das Regime ausbrachen, wurde der Stadtteil beschossen, abgeriegelt und belagert. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Belagerung im Winter 2013/2014, als in Yarmouk die ersten Menschen an Unterernährung starben. Im darauffolgenden Sommer bauten AktivistInnen Stadtgärten auf, um die Versorgung mit Lebensmitteln zu verbessern.

BewohnerInnen von Yarmouk stehen im Februar 2014 an, um von der Lebensmittelhilfe des Roten Halbmonds zu profitieren.
BewohnerInnen von Yarmouk stehen im Februar 2014 an, um von der Lebensmittelhilfe des Roten Halbmonds zu profitieren.
Durch solidarische Nachbarschaftshilfe, koordiniert unter anderem von unserem lokalen Partner, stabilisierte sich die Lage bis zum darauffolgenden Winter. Zudem ließ das Assad-Regime aufgrund des internationalen Drucks, Lieferungen von Lebensmitteln zu, die jedoch bei weitem nicht ausreichten, um die verbliebene Bevölkerung zu versorgen. Auch die Wasserversorgung ist seitdem durchgehend unterbrochen. Zwar war es Frauen und Kindern zeitweise möglich, das Lager zu verlassen, doch konnten sie nur in beschränktem Umfang Lebensmittel mit ins Lager bringen. Alle Männer wurden beim Versuch, das Lager zu verlassen, vom Assad-Regime festgenommen, mit der Gefahr in den berüchtigten Foltergefängnissen der Diktatur zu landen – die Belagerung konnte also keinesfalls als aufgehoben gelten.
BewohnerInnen von Yarmouk stehen im Februar 2014 an, um von der Lebensmittelhilfe des Roten Halbmonds zu profitieren.

Als die Terrororganisation IS Yarmouk am 1. April 2015 angriff und vor allem gegen die bewaffnete palästinensische Opposition kämpfte, riegelte das Assad-Regime das Lager wieder vollständig ab. Wegen der Kämpfe war es den BewohnerInnen unmöglich, ihre Häuser zu verlassen. Zudem waren sie der Übernahme des Camps durch die Terroristen ausgeliefert und konnten sich auch nicht in anderen Gebieten in Sicherheit bringen. Zur Zeit dieser Angriffe lebten noch rund 16.000 Menschen in Yarmouk. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verglich das Lager mit einem Todeslager. Nach ca. drei Wochen zog sich ISIS wieder aus Yarmouk zurück und überließ die militärische Kontrolle der al-Qaida-nahen Nusra Front. Seitens der syrischen Zivilgesellschaft werden auch IS und al-Nusra als Besatzer und Unterdrücker angesehen, weil sie eine demokratische, auf Menschen- und Minderheitenrechten beruhende Gesellschaft ablehnen.

Ende Dezember 2015 einigte sich das Assad-Regime mit der Terrororganisation IS auf freies Geleit von IS-Kämpfern und ihren Familien aus Yarmouk nach Raqqa, die Hochburg von IS in Syrien. Die syrische Zivilgesellschaft deutete dies als weiteres Indiz dafür, dass es bei der Besetzung von Yarmouk durch ISIS eine – zumindest stillschweigende – Zustimmung des Assad-Regimes gab, um sich des aufständischen Lagers Camp Yarmouk zu entledigen.

Für die BewohnerInnen von Yarmouk ist die Flucht aus der Belagerung besonders schwierig, da sie als PalästinenserInnen keinen Pass haben und deshalb selbst dann das Land nicht verlassen könnten, wenn sie es wollten. Häufig werden sie aufgrund der Adresse in ihren Personaldokumenten von syrischen Behörden sofort verdächtigt, der Opposition anzugehören. Dies setzt sie an den zahlreichen Checkpoints, etwa in Damaskus oder bei einer Reise durch Syrien, der erhöhten Gefahr aus, festgenommen und in der Folge gefoltert zu werden.

In Yarmouk sind die AktivistInnen des Watad Centers aktiv, um die lokale Bevölkerung zu organisieren, besser mit der anhaltenden Belagerung umzugehen. Sie koordinieren den Anbau von Gemüse in Stadtgärten und die Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige. Stärken Sie diese Arbeit!

Jetzt Spenden für Yarmouk!

Moadamieh, Winter 2013/2014

Bereits im Januar 2013 war die Lage in Modadamieh, einem Stadtteil im Westen von Damaskus, durch Belagerung so angespannt, dass das lokale Komitee eine Kampagne koordinierte: „Break the Siege – Brecht die Belagerung“. In deren Zusammenhang ging der Aktivist Qusai Zakharia in einen Hungerstreik und berichtete in einem Blog auf Englisch für seine Erlebnisse. Das brachte ihm einerseits internationale Solidaritätsbekundungen ein, darunter vom Linguisten Noam Chomsky, andererseits verlangte das Assad-Regime bei späteren Verhandlungen explizit seine Auslieferung. Qusai konnte später dennoch in den Libanon und dann die USA entkommen, wo er unter anderem vor dem UN-Sicherheitsrat über die Strategie des Aushungerns sprach.

Moadamieh mit seinen knapp 100.000 BewohnerInnen war seit Anfang 2012 belagert, genauso wie das benachbarte Daraya und mehrere weitere Stadtteile im Süden und Osten von Damaskus. „Zuerst wurde das Wasser abgestellt, dann richtete die Armee Checkpoints an allen Zufahrtswegen ein. Frauen können passieren, aber keine Lebensmittel reinbringen, alle Männer zwischen 15 und 45 Jahren werden verhaftet und landen in den Foltergefängnissen“, beschrieb ein Aktivist des Komitees den Aufbau der Belagerung. Nachdem Hunde und Katzen gegessen wurden und die ersten Menschen an Hunger gestorben waren, einigte sich die bewaffnete Opposition mit dem Regime auf einen lokalen Waffenstillstand: In der Stadt wurde Anfang 2014 wieder die Fahne des Regimes gehisst, Soldaten konnten durch die Stadt patrouillieren, ohne angegriffen zu werden. Im Gegenzug wurde nicht die Belagerung aufgehoben, sondern lediglich Lebensmittel in geringen Mengen in die Stadt gelassen. Nach 15 Monaten Belagerung erhielten die BewohnerInnen einmalig pro Person 200g Reis, 100g Zucker, eineinhalb Brote und ein paar Dosen Fertiggerichte.

„Beugt euch oder sterbt vor Hunger“ ist einer der Slogans, den Bewaffnete bereits in anderen Städten an den Zugängen zu belagerten Ortschaften an die Wände geschrieben haben.
„Beugt euch oder sterbt vor Hunger“ ist einer der Slogans, den Bewaffnete bereits in anderen Städten an den Zugängen zu belagerten Ortschaften an die Wände geschrieben haben.
Die Belagerung von Moadamieh hält bis heute an. Insbesondere eine Verbindung in das besser versorgte Daraya wird von Heckenschützen unterbunden, damit sich die Menschen der beiden Städte nicht zusammentun können. In den letzten beiden Monaten, zwei Jahre nach dem Waffenstillstand, wird Moadamieh wieder heftig beschossen und erneut über einen Waffenstillstand verhandelt. Am 6. Januar berichtete der Aktivist Kinan Rahmani über die Gespräche, die viel über die Dauer solcher Verhandlungen aussagen. Den Bericht des syrischen Aktivisten können Sie hier nachlesen.

Bereits seit Jahren wird Hunger gezielt als Waffe eingesetzt. Dabei begehen die Belagerer ganz bewusst Kriegsverbrechen, denn das Aushungern von ZivilistInnen ist nach internationalem Recht explizit verboten. Das Assad-Regime und weitere bewaffnete Kräfte nutzen die Belagerungen als Mittel, um Menschen in die Knie zu zwingen. Trotz völkerrechtlich bindender UN-Resolutionen werden diese Kriegsverbrechen von der internationalen Staatengemeinschaft seit Jahren sehenden Auges hingenommen. Der internationale politische Druck fehlt, um das Regime in die Verantwortung zu nehmen und auf eine Beendigung der Belagerungen zu dringen. Damit machen sich die Staaten mit schuldig an dem mittlerweile fast fünf Jahre andauernden Konflikt in Syrien.

Lesen Sie den Bericht über Verhandlungen zur anhaltenden Belagerung von Moadamieh!

Zum Bericht aus Moadamieh…

Madaya, Januar 2016

Die Städte und Orte nahe der Grenze zum Libanon und unweit der strategisch wichtigen Autobahn von Beirut nach Damaskus gelten seit 2011 als Hochburgen der syrischen Oppositionsbewegung. Im Juli 2015 startete die syrische Armee mit massiver Unterstützung von rund 3.000 Hisbollah-Kämpfern eine Offensive, bei der täglich bis zu 50 Fassbomben, mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllte Ölfässer, aus Helikoptern auf die Menschen abgeworfen wurden. Teil der Offensive war die Abriegelung der beiden Nachbarstädte Zabadani und Madaya von der Außenwelt. Im Gegenzug griffen bewaffnete Gruppen der Opposition die Städte Foua und Kefraya im Norden Syriens an, die vornehmlich von Schiiten bewohnt werden, der religiösen Strömung, die Hisbollah und der Iran vertreten.

Iranische Unterhändler erzielten die Vereinbarung, dass die Belagerung der betroffenen Ortschaften – die von der bewaffneten Opposition bedrohten Orte Foua und Kefraya in Nordsyrien und die vom Assad-Regime belagerten Städte Zabadani und Madaya westlich von Damaskus – aufgehoben würde und für diese Gegend ein lokaler Waffenstillstand gelte. Zunächst brachten LKW Lebensmittel in diese Orte, um die Versorgung für mehrere Monate sicherzustellen. Doch während die Lieferung nach Zabadani verdorben war, AktivistInnen berichteten, das Haltbarkeitsdatum war seit mehr als zwei Jahren abgelaufen, kann das Regime die Foua und Kefraya auch mit Helikoptern aus der Luft versorgen.

In der Folge dieses Abkommens drangen Hisbollah-Kämpfer in die Außenbezirke von Zabadani ein, in die sich die Zivilbevölkerung aus dem Zentrum, in dem sich quasi nur noch Bewaffnete aufhalten, zurückgezogen hatten. In dem Zuge zerstörte die Miliz auch die Räume unseres Projektpartners, der dort Kurse zur Stärkung von Frauenrechten durchgeführt hatte. Die Hisbollah-Kämpfer vertrieben diejenigen, die im Verdacht standen, gegen das Assad-Regime zu sein, nach Madaya – quasi eine Aufteilung der Bevölkerung nach politischen Gesinnungen. Auch die Aktivistinnen unseres Projektpartners wurden nach Madaya vertrieben, wo sie ihre Kurse fortsetzen.

Eine Suppe aus Laub - zu Zeiten der Belagerung mitunter die einzige Nahrung für die Menschen in Madaya im Januar 2016.
Eine Suppe aus Laub – zu Zeiten der Belagerung mitunter die einzige Nahrung für die Menschen in Madaya im Januar 2016.
Im Bruch der ausgehandelten Vereinbarung wurde die Abriegelung um Madaya im Oktober enger gezogen, nachdem die mutmaßlichen GegenerInnen des Regimes dort konzentriert worden waren. Bei einem Treffen in Beirut, zu dem sie sich über die Berge aus Zabadani hatten schmuggeln lassen, erzählte eine unserer PartnerInnen aus der Zabadani unter Tränen: „Wir können keinen weiteren Winter dort aushalten. Die Menschen hungern und frieren. Es gibt nichts zu essen, es fehlen Brennstoffe und in den Bergen wird es im Winter unglaublich kalt.“

Mit dem einsetzenden Winter sind die letzten Lebensmittelvorräte in der Stadt aufgebraucht, nachdem sich die Lieferung von Ende Oktober als Verdorben herausgestellt hatte. Allein im Dezember sind 31 Menschen in Madaya verhungert. Zwar hat das Assad-Regime auf das internationale Medienecho der letzten Tage hin Lieferungen von Lebensmitteln durch die UN zugestimmt; gleichzeitig fürchten die Menschen in der Stadt, dass – wie in der Vergangenheit nach anderen Belagerungen – Lebensmittel nur vereinzelt und in viel zu geringem Umfang in die Städte gelassen werden, um tatsächlich von einem Ende der Belagerung sprechen zu können.

Insbesondere im Falle Madaya war bereits seit Monaten abzusehen, dass es zu Hungertoten kommen wird. Nichtsdestotrotz haben weder UN-Organisationen noch die Mitgliedstaaten genug Druck auf das Regime ausgeübt, damit es Lebensmittellieferungen ins Land lässt.

Bereits seit Anfang 2012 arbeitet Adopt a Revolution mit einem lokalen Komitee in Zabadani zusammen. Daraus ist eine Frauengruppe hervorgegangen, die sich auch jetzt in der Belagerung in Madaya weiter für die Umsetzung von Frauenrechten einsetzt. Stärken Sie die Arbeit der Frauen in Madaya mit Ihrer Spende!

Jetzt Madaya unterstützen!

Herzlichen Dank!