Nach Trumps Rückzug vom Rückzug: Wie geht es in Nordsyrien weiter?

Die USA wollen nun doch ein kleines Truppenkontingent in Nordsyrien belassen. Zuvor hatten Abzugspläne Befürchtungen vor einer Eskalation geschürt. Doch auch wenn einige US-Soldaten bleiben, gibt es viele offene Fragen für die Zukunft der Region.

Nun bleiben also doch US-Soldaten in Nordsyrien stationiert. 400 sollen es sein, das entspricht 20 Prozent der ursprünglich vor Ort präsenten amerikanischen Truppen. Am 19. Dezember hatte US-Präsident Donald Trump noch vermeldet, „sofort“ und „komplett“ aus Syrien abziehen zu wollen – der „Islamische Staat“, so Trump, sei besiegt.

Die Abzugsankündigung hatte innerhalb der US-Regierung, auf internationaler Ebene, aber vor allem in Nordsyrien große Befürchtungen geweckt, da die gemeinsam mit den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) operierenden US-Truppen als Stabilitätsgarant für die kurdisch geprägte Region gelten: Sie halten die Türkei vom Angriff auf die Kurden ab und halten auch das Assad-Regime auf Abstand. Ein Truppenabzug der USA, so fürchteten sämtliche Beobachter, könnte zu einer türkischen Offensive in Nordostsyrien führen oder die kurdisch geprägte Selbstverwaltung dazu zwingen, sich unter den Schutz des Assad-Regimes und Russlands zu stellen.

Auch wenn 200 US-Soldaten militärisch relativ unbedeutend scheinen, bannen sie politisch die akute Gefahr eines Angriffs der Türkei: So lange amerikanische Truppen in Nordsyrien an der Seite der kurdisch geführten SDF präsent sind, ist eine Offensive Ankaras sehr unwahrscheinlich. Die 200 Mann sind zudem nicht allein: Sowohl die SDF als auch die US-Luftwaffe stehen ihnen weiter zur Verfügung.

Der Schaden ist schon angerichtet

Trotzdem hat die Abzugsankündigung Folgen, wie wir hier bereits notierten: Trumps Absichtserklärung hat allen Gegnern der SDF gezeigt, wie erratisch und labil ihr engster Alliierter ist. Die Verhandlungslage der Kurden gegenüber Assad hat sich so drastisch verschlechtert. Auch ihnen dürfte klar sein, dass sie nun rasch eine Lösung mit Damaskus aushandeln müssen. Niemand kann ausschließen, das Trump in wenigen Monaten doch wieder ganz abziehen will und es dann auch durchzieht.

Assad aber hat es, anders als die Kurden, ganz und gar nicht eilig. Seine Macht wird längst durch nichts und niemanden mehr bedroht. Wenn eine Partei aber dringend einen Deal braucht und die andere alle Zeit der Welt hat, dann bedeutet das einen eklatanten Nachteil für die erste Fraktion. Dennoch bleibt Assad für die SDF im Vergleich mit der Türkei das kleinere Übel.

Losgelöst vom kurdisch-türkischen Konflikt aber stellt sich eine ganz andere wichtige Frage: Wie geht es nun weiter mit den einst vom „Islamischen Staat“ gehaltenen Gebieten, die die SDF in den letzten Monaten erobert hat? Diese brauchen Sicherheit, stabile neue Verwaltungen, humanitäre Hilfe, Aufklärung und Aufarbeitung der Verbrechen des IS und eine Perspektive auf eine bessere Zukunft. Nur so lässt sich verhindern, dass sie erneut zum Nährboden für den Extremismus werden. Nur im Hinblick auf die Sicherheitslage aber sind Soldaten von Nutzen. Zur Lösung aller anderen Probleme braucht es Geld und kluge Langzeitstrategien. An beidem mangelt es.

So konstatierte erst jüngst der Anti-Terror-Experte von Human Rights Watch:

Mangelnde Planbarkeit erschwert Hilfe

Weil die Lage in Nordsyrien so unübersichtlich ist und sich durch ständige Kurswechsel der Akteure auszeichnet, ist niemand in der Lage, langfristige Maßnahmen zur Stabilisierung zu planen. So ist etwa unabsehbar, ob heute beschlossene westliche Hilfe für die Region künftig etwa dem Assad-Regime oder dem Iran zugutekommt – schließlich könnten sich die Machtverhältnisse längst geändert haben, bis die Hilfe Wirkung zeigt.

Dazu kommt, dass westliche Staaten wie Deutschland als auch internationale Hilfsorganisationen fürchten, sie könnten von der Türkei abgestraft werden, wenn sie sich auf Seiten der Kurden in Nordsyrien engagieren. Europa hat sich aufgrund des Flüchtlingsdeals stark von der Türkei abhängig gemacht.

Das ist unter anderem auch ein Grund, warum Deutschland, Frankreich, Großbritannien und andere europäischer Staaten trotz ihrer großen Empörung über den von Trump angekündigten Truppenabzug nicht bereit waren, die US-Truppen in Nordsyrien mit eigenen Truppen abzulösen. Wie das Wall Street Journal berichtet, hatte man in Washington offenbar gehofft, die Ankündigung des Abzugs könnte europäische Verbündete dazu bringen, die hinterlassene Lücke zu füllen. Diese Hoffnung musste die US-Regierung nun offenbar aufgegeben.

Jan-Niklas Kniewel