Das Camp in Deir Ballout ist gegen Regen und Kälte nicht gewappnet. Unsere Partner*innen vor Ort wollen das ändern.

Selbstorganisiert in Syrien gegen Kälte und Corona

Im Camp in Deir Ballout im Nordwesten Syriens leben derzeit 6.000 Menschen in Zelten. Unsere Partner*innen vor Ort helfen mit, dass zum ersten Mal echte Hilfe im informellen Camp ankommt. Sie wandeln die Zelte in feste Bauten um. Dabei müssen sie vorsichtig sein – denn selbstorganisierte Hilfe ist von den türkischen Besatzern nicht gern gesehen.

Das Camp in Deir Ballout ist gegen Regen und Kälte nicht gewappnet. Unsere Partner*innen vor Ort wollen das ändern.

Zelte soweit das Auge reicht. Eines neben dem anderen. Doch etwas ist neu. Zwischen den insgesamt 1.400 Zelten blitzen immer öfter feste Steinwände hervor. Denn im Deir Ballout Camp nehmen die Bewohner*innen die Dinge jetzt selbst in die Hand – mit Unterstützung unserer Partner*innen in der Region.

Insgesamt 6.000 Menschen bewohnen derzeit das Zeltlager, das 2018 für die Menschen errichtet wurde, die aufgrund es russisch-syrischen Abkommens aus Yarmouk vertrieben wurden. Einige seiner Bewohner*innen kommen zwar aus Daraa, der überwiegende Teil stammt aber aus Yarmouk im Süden von Damaskus. Dort lebten seit den 1950er Jahren insbesondere palästinensische Flüchtlinge, aber auch viele Syrer*innen aus sozial schwachen Familien waren dort untergekommen. Nun lebt ein Teil von ihnen in Deir Ballout.

Lange war das Camp vom nächsten lokalen Dorf abgeschnitten. Wer Lebensmittel kaufen wollte, musste einen Fahrer finden, der ihn hinbringt. Aber inzwischen entwickelt sich im Lager ein ökonomisches Eigenleben – es gibt beispielsweise einen kleinen Lebensmittelladen, einen Friseur und einen Produzenten von Baumaterialien. Nun werden die feinen Fäden zivilen Lebens weitergesponnen.

Feste Bauten mit Bad, statt Zelte und Kälte

Denn: Das Camp besteht ausschließlich aus Zelten und ist damit kaum winter- und kältefest und auch die Hygiene-Struktur ist desaströs. Es gibt einige Waschräume, die sich alle Bewohner*innen teilen müssen. Das ist insbesondere für die Frauen problematisch: Sie haben hier keine Privatsphäre und sind ungeschützt, sodass sie insbesondere nachts die Toiletten nicht aufsuchen können. Und: In Zeiten von Corona sind die Zustände nicht tragbar, die Ansteckungsherde zu vielfältig – die Ansteckungsrate steigt hier stetig an.

*Unsere Partner*innen vor Ort nennen wir hier nicht namentlich, denn Selbstorganisation und Community-Arbeit ist von den kontrollierenden Kräften vor Ort nicht gerne gesehen.

Das soll sich nun ändern. Die Bewohner*innen wollen die Zelte in feste Ein-Zimmer-Behausungen umwandeln. Die gesamte Zeltstruktur soll langfristig durch eine Blockstruktur ersetzt werden. Auch kleine Badezimmer sind für jedes „Haus“ geplant. „Das Camp ist bereits mit einem Abwasserkanal verbunden“, erklärt unser Partner*. „Dadurch ist es uns möglich ohne riesigen Aufwand einen Wasserzugang zu den einzelnen Hütten zu legen und so kleine private Badezimmer zu schaffen.“


Unsere Partner*innen vor Ort ersetzen Zelte durch feste Gebäude – damit Flüchtlinge sicher durch den Winter kommen. Helfen Sie mit Ihrer Spende mit!


Lokal organisiert und durchgeführt

Um das Projekt anzugehen, wurde ein fünfköpfiges Komitee eingerichtet, von denen alle selbst in dem Camp leben. Die Verteilung der Verantwortung ist ein wichtiger Punkt, um Korruption und Vetternwirtschaft vorzubeugen. Das Vorhaben läuft nicht über einen (in aller Regel männlichen) Vorsitzenden, den sogenannten Shawish, der einziger Ansprechpartner für Behörden und humanitäre Organisationen ist – und damit über viel Macht verfügt.

Stattdessen liegt das Häuserprojekt komplett in der Hand der Leute vor Ort. Alle Aspekte des Projekts sind lokal organisiert und produziert. Beispielsweise werden die Baumaterialien direkt im Camp hergestellt. „Es ist das erste Mal, dass die Hilfe, die in das Camp kommt von den Leuten vor Ort selbst koordiniert wird“, erklärt unser Partner Abdallah, der selbst 2018 nach Deir Ballout vertrieben wurde und heute das Projekt von Deutschland aus unterstützt. Mit diesem Ansatz arbeiten unsere Partner*innen auch gegen das Gefühl von Machtlosigkeit an. Denn statt zu Bittstellern von humanitärer Hilfe zu werden, versuchen sie trotz der Umstände ihre Handlungsfähigkeit zu erhalten. Damit bieten sie auch eine Lösung für die Fallstricke humanitärer Hilfe an. Denn zwar ist vor Ort eine türkische humanitäre NGO tätig, aber die arbeitet rein über hierarchische Strukturen.

Unterstützung ist dennoch wichtig

Unsere Partner*innen unterstützen die Bewohner*innen logistisch und finanziell beim Umbau des Camps. Mit ihrer emanzipatorischen kleinen NGO haben die Aktivist*innen selbst Erfahrungen gesammelt, wie sie die Regularien der türkischen Besatzer unterlaufen können.

Bereits 30 Prozent der Zelte sind in eine Wohnstruktur umgewandelt – über zwei Drittel des Camps fehlen allerdings noch. In den vergangenen Wintern haben die Bewohner*innen immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass ihre Zelte bei Regen überschwemmt wurden. Deshalb arbeiten die Aktivist*innen jetzt mit Hochdruck daran, weitere Häuser umzuwandeln, um mehr Familien dieses Schicksal zu ersparen.


Helfen Sie mit, unterstützen Sie unsere Partner*innen vor Ort und spenden Sie, damit bald alle Bewohner*innen im Camp eine feste Behausung und ein eigenes Badezimmer haben!