Das Team vom zivilen Zentrum Sawaedna in Ariha

Mit aller Macht gegen sexuellen Analphabetismus

Wie sich die Zukunft Syriens entwickeln wird, liegt auch in den Händen von Frauen und wie sie die Gesellschaft formen. Unsere Partnerinnen vom zivilen Zentrum Sawaedna bieten beispielsweise Kurse für Frauen und Teenager zu „reproduktiver Gesundheit” an. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, warum das wichtig ist.

Das Team vom zivilen Zentrum Sawaedna in Ariha

Als wir mit Marah und Sara vom zivilen Zentrum Sawaedna sprechen, hören wir immer wieder Bombardierungen im Hintergrund. Die Frauen sind unschlüssig, ob sie das Zentrum verlassen und nach Hause eilen wollen. Schließlich entscheiden sie sich dafür da zu bleiben. Zum einen sind sie die Geräusche und Angriffe, die sich in den letzten Tagen wieder intensiviert haben, gewöhnt. Zum anderen ist ihnen das Thema körperliche Unversehrtheit von Frauen und ihre Rechte zu wichtig, um jetzt abzubrechen.


„Wir stehen seit Jahren unter ständiger Bombardierung und versuchen vor allem zu überleben. Aber zum Überleben von uns Frauen gehört auch, dass wir Handlungsräume für unsere Interessen und Rechte erkennen und nutzen. Nur dann haben wir eine Zukunft“, erklärt unsere Partnerin Marah ihren Einsatz im zivilen Zentrum. “Bei uns in Syrien gibt es eine Kultur, viele Kinder zu bekommen. Dabei spielt das wohl der Mutter oder der Kinder oft keine Rolle. Verhütungsmittel sind verpönt, aber auch Abtreibungen kaum erlaubt und wenn dann fällt darüber der Mann die Entscheidung und nicht die Frau. Gleichzeitig sind es die Frauen, die alles innerhalb der Familie regeln. Das ist ein absurder Gegensatz”, erklärt unsere Partnerin vom zivilen Zentrum Sawaedna in Ariha.

Mit Aufklärung zur Selbstbestimmung

Der Raum für körperliche Selbstbestimmung ist für Frauen in Syrien, auch in Idlib, sehr begrenzt. Umso wichtiger ist es, dass die Frauen im ersten Schritt möglichst viel Wissen über ihren Körper und seine Funktionsweise sammeln und erfahren. „Es gibt keine öffentlichen Räume, sexuelle Aufklärung zu betreiben und deswegen wissen viele Teenager, aber auch erwachsene Frauen überhaupt nicht über ihren Körper Bescheid“, erklärt Marah. „Sie wissen nicht, wie er sich zusammensetzt und welche Funktionen die einzelnen Organe habe oder wie sich Krankheiten übertragen. Selbst die Frauen, die bereits schwanger waren, verstehen viele Zusammenhänge nicht.”

Da dieses Wissen aber essentiell ist, damit Frauen selbstbestimmt mit ihren Körpern umgehen können und um beispielsweise ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, leisten unsere Partnerinnen unermüdlich Aufklärungsarbeit.

„Meistens bekommen Frauen einen Tag vor der Trauung eine Schnelleinführung zum Thema sexuelle Beziehungen und Pflichten in der Ehe. Dabei fehlen sowohl Zeit als auch der Raum zum Nachfragen und Reflektieren. Bei uns im Zentrum ist das anders – wir bieten die Möglichkeit in einem sicheren Umfeld Fragen zu stellen und gemeinsam zu lernen. Das ist ein wichtiger Teil von Selbstbestimmung.” Denn auch in Syrien gibt es Vergewaltigungen in der Ehe, darüber sprechen ist aber ein Tabu. „Niemand sollte über deinen Körper entscheiden, außer du selbst. Und auch Frauen haben ihre eigenen Bedürfnisse. Sie müssen lernen zu sagen, wenn sie beispielsweise keinen Sex wollen oder ihre Vorlieben formulieren. Das ist aber gesellschaftlich nicht gewollt. Organisationen, die versuchen solche Themen voranzutreiben, sind derzeit einer massiven Hetzkampagne ausgesetzt. Der Vorwurf: Wir zerstören Familien und biedern uns dem Westen an. So ein Quatsch“, meint Sara. 

Frühzeitige Bildung für die nachkommenden Generationen

Eine weitere Zielgruppe sind Mädchen und Jungs im Teenager-Alter. „Wir sprechen mit den Jugendlichen über sexuelle Beziehungen, aber auch sexuelle Belästigung oder das Jungfernhäutchen. Die Kids haben keine Anlaufstelle, keinen Raum, um dazu Fragen zu stellen oder sich auszutauschen. Deshalb bieten wir ihnen die Möglichkeit, denn wir wollen, dass junge Menschen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein bekommen und für sich einstehen“, erklärt Sara die Ziele.

„Es ist doch total instinktiv, seinen Körper kennenzulernen. Schon kleine Kinder spielen an ihren Geschlechtsorganen herum, probieren sich aus und entdecken bei bestimmten Bewegungen bestimmte Gefühle. Wir müssen einen Raum schaffen, dass das nicht als etwas Schlechtes gilt. Denn es ist ein wichtiger Teil der Entwicklung des Kindes, der hier gesellschaftlich unterdrückt wird”, ergänzt Marah.

„Als ich noch ein Kind war, habe ich immer meine Schultern hochgezogen, um meine Brüste zu verstecken“, erinnert sie sich. „Als meine Periode einsetzte, bin ich weinend aus der Schule nach Hause gekommen. Meine Mutter hat sich immer im Badezimmer versteckt, wenn sie ihre persönliche Hygiene vollzogen hat, ganz so, als sei sie eine Kriminelle. So geht es eigentlich allen Mädchen. Es ist auch Ziel unserer Kurse, das zu durchbrechen. Es ist wichtig, dass Frauen ihre Körper kennen und Vertrauen in sich selbst entwickeln.”

Alternativen zu ständigen Schwangerschaften – gegen den Rat der Ärzte

Im zivilen Zentrum stehen auch ganz bewusst die Themen Verhütung und die körperliche Gesundheit der (jungen) Frauen auf dem Plan. Welcher zeitliche Abstand sollte zwischen zwei Schwangerschaften Minimum liegen oder was die Vor- und Nachteile hormoneller Verhütungsmittel sind. „Frauen müssen sich bewusst werden, dass ihr Körper Zeit für Regeneration braucht und jedes Jahr eine Schwangerschaft körperlich nicht leistbar ist. Und sie brauchen das Wissen, damit sie sich beim Arzt durchsetzen können und selbstbestimmt entscheiden können“, betont Sara. 

Denn viele Ärzte in der Region üben immer wieder massiven Druck auf ihre Patientinnen aus und versuchen ihnen Verhütungsmittel auszureden, weil es falsch sei Familie zu planen und zu regeln, so Sara. Die Aufklärung über die Funktionsweise der Pille ist daher unzureichend, was immer wieder zu ungewollten Schwangerschaften führt. „Einige Frauen glauben, dass sie die Pille nehmen könnten, nachdem sie Sex hatten. Oder dass es kein Problem ist, Hormone wild durcheinander zu schlucken. Bei uns lernen sie, wie Hormone wirklich wirken und wie man sie anwendet. Und sie geben das Wissen weiter – sie teilen und praktizieren das bei uns Erlernte mit ihren Töchtern, Schwiegertöchtern und Schwestern.“

Weitaus mehr als „nur“ sexuelle Aufklärung

So entsteht langsam ein ganz neues Bewusstsein und Umgang der Frauen zu sich selbst und ihren Körpern und verankern diese in den nachfolgenden Generationen. Noch benötigt es zivile Zentren und den Mut ihrer Aktivistinnen, die in geschützten Räumen den Anstoß geben. Das Ziel ist aber die langfristige Enttabuisierung und Frauen zu empowern.

Die Arbeit ist damit weitaus mehr „nur“ sexuelle Aufklärung, sondern beinhaltet eine große politische Dimension, die für Sara und Marah sehr wichtig ist. Denn es geht dabei auch um (soziale) Gerechtigkeit, die Gleichstellung von Mann und Frau und das eigene, feministische Verständnis von der Revolution. Deshalb ist die Aufklärungsarbeit rund um reproduktive Gesundheit ein wichtiger Aspekt eines größeren Bildes. Die Zukunftsvision ist klar: Alle Menschen unabhängig des Geschlechts müssen in allen Lebensumständen befähigt sein frei eigene Entscheidungen treffen zu können.


Die Arbeit des zivilen Zentrums Sawaedna geht in seiner Dimension weit über eine reine Aufklärungsarbeit hinaus. Die Aktivistinnen versuchen mit vielen kleinen Puzzlestücken langfristig eine gerechte Gesellschaft zu erschaffen, in der Frauen die gleichen Chancen und Rechte haben.

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