© Adopt a Revolution

Kunst als Akt des Widerstandes

Adopt a Revolution war in Syrien – und hat dort letzten Monat spontan ein Konzert mitveranstaltet. Die Veranstaltung „Abdulwahab Al-Mulla meets Sheikh Imam“ beleuchtete die Rolle von Musik, Poesie und künstlerischem Ausdruck im Kampf gegen Autoritarismus und Ungerechtigkeit. Ein Bericht von unserem Teammitglied Omar Doxi.

© Adopt a Revolution

Im Mai 2026 hatte ein Team von Adopt a Revolution die Gelegenheit, Amir in seinem neu eingerichteten Tonstudio in Salamiyah zu besuchen. Wir kennen Amir schon seit vielen Jahren und arbeiten seit langem mit ihm zusammen. Nachdem er 2018 aus Ost-Ghouta nach Azaz im Nordwesten Syriens vertrieben worden war, arbeitete Amir mit dem Hooz-Zentrum zusammen, einer zivilgesellschaftlichen Organisation und einem unserer langjährigen Partner. Während all dieser Jahre musste die Musik in den Hintergrund treten.

Nach dem Sturz des Assad-Regimes konnte Amir endlich in seine Heimatstadt zurückkehren und das tun, was er sich so sehr gewünscht hatte: wieder Musik zu machen. Zurück in Salamiyah richtete er sein eigenes Tonstudio ein – als Ort der Kreativität, der Zusammenarbeit und der Gemeinschaft. Bald darauf gründete er die Yorgo Band und brachte lokale Musiker*innen zusammen, die seine Leidenschaft für Musik teilten.

Als wir das Studio besuchten, war die Band gerade bei einer Probe, sang und jammte zusammen. Sie fragten uns, was wir hören wollten, und wir wünschten uns Protestlieder. Sie spielten voller Begeisterung und erinnerten uns daran, wie tief diese Lieder über Generationen hinweg nachhallen und fest im kollektiven Gedächtnis verankert sind.

Inspiriert von dieser Begegnung luden wir die Yorgo Band ein, in einem Projektzentrum in Damaskus aufzutreten. Sie nahmen die Idee sofort begeistert an. Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation „Bidayetna“ organisierten wir eine Abendveranstaltung in Damaskus, die der Rolle von Kunst als Akt des Widerstands gewidmet war.

Das Event beleuchtete die Rolle von Musik, Poesie und künstlerischem Ausdruck im Kampf gegen Autoritarismus, Besatzung und Ungerechtigkeit. Zugleich hilft Kunst, ein kollektives Gedächtnis zu bewahren und die Hoffnung aufrechtzuerhalten. Mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem die Lieder des ägyptischen Protestsängers Scheich Imam erstmals erschienen sind, sprechen sie weiterhin die Realitäten unserer Gesellschaften an und vermitteln die Stimmen, Sehnsüchte und Kämpfe gewöhnlicher Menschen. Neben diesen zeitlosen Werken reflektierten wir über das künstlerische Erbe der syrischen Revolution, aus der kraftvolle Lieder hervorgingen, die aus Belagerung, Bombardement, Vertreibung und Exil entstanden sind.

Die Podiumsdiskussion befasste sich mit:

  • der Rolle der Kunst bei der Bewahrung des kollektiven Gedächtnisses und dem Entstehen von Identität;
  • den Herausforderungen, denen Künstler gegenüberstehen, wenn sie ihre Unabhängigkeit wahren wollen und dies mit der Unterstützung durch Institutionen und Spender vereinbaren müssen;
  • Kreativität unter Zensur und Unterdrückung;
  • den persönlichen Erfahrungen von Künstler*innen, deren Leben von Konflikten und Exil geprägt wurde;
  • sowie der Verantwortung der Kunst, ein Raum für Hoffnung, Würde und Wandel zu bleiben.

Wir gedachten auch der Künstler*innen, die für ihr Schaffen einen hohen Preis gezahlt haben. Zu ihnen gehört Abdulwahab Al-Mulla, der wegen seiner Lieder gewaltsam verschwunden ist und bis heute vermisst wird. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass Musik in Syrien oft weit mehr war als nur künstlerischer Ausdruck – sie war ein Akt des Widerstands.

Der Abend endete mit einem Auftritt der Yorgo Band, die Lieder von Sheikh Imam, Yas Khidr, Sana Moussa, Reem Al-Banna, Abdulwahab Al-Mulla und vielen anderen Künstler*innen spielten. Werke, die Generationen auf ihrem Streben nach Freiheit, Würde und Gerechtigkeit begleitet haben. Das Publikum blieb nicht still – sondern sang gemeinsam mit der Band und verwandelte das Konzert so in ein gemeinsames Erlebnis des Gedenkens, der Solidarität und der Hoffnung.

Heute ist es wichtiger denn je, solche Räume in Damaskus zu schaffen. Sie ermöglichen es uns nicht nur, Künstler zu ehren, die inhaftiert wurden, verschwunden sind, ins Exil gegangen sind oder ihr Leben verloren haben, sondern auch sicherzustellen, dass Musik und künstlerischer Ausdruck weiterhin gedeihen. In einer Stadt, die sich gerade von Jahrzehnten der Unterdrückung erholt, erobern solche Zusammenkünfte den öffentlichen Raum zurück, bewahren das kollektive Gedächtnis, stärken Gemeinschaften und bekräftigen, dass Kunst nach wie vor eines der mächtigsten Mittel für Widerstand, Heilung und sozialen Wandel ist.

Als sich der Abend dem Ende zuneigte, wurde uns bewusst, wie außergewöhnlich dieser Moment war. Jahrelang war es fast unvorstellbar, dass wir unsere syrischen Partner*innen eines Tages in ihrem Land treffen könnten statt nur online. Dass diese Veranstaltung überhaupt stattfinden konnte, ist ein Beweis für die Beharrlichkeit der unzähligen Syrer*innen, die trotz unvorstellbarer Widrigkeiten daran glaubten, dass das Assad-Regime eines Tages fallen würde.

Das syrische Volk hat einen immensen Preis gezahlt. Hunderttausende wurden getötet, Millionen vertrieben, und ganze Gemeinschaften mussten Inhaftierung, Folter, Belagerung und Verluste erleiden. Die Realität, mit der sie heute konfrontiert sind, wird dem Ausmaß dieser Opfer noch nicht gerecht. Syrien durchläuft weiterhin einen äußerst schwierigen und ungewissen Übergangsprozess. Der Weg zu Gerechtigkeit, Rechenschaftspflicht und dauerhaftem Frieden ist nach wie vor lang und beschwerlich.

Doch wenn die Vergangenheit eines gezeigt hat, dann ist es, dass Menschen das erreichen können, was einst unmöglich schien. Die Entschlossenheit, die Widerstandsfähigkeit und die Hoffnung, die die Syrer*innen während der Jahre der Revolution, der Unterdrückung und der Vertreibung getragen haben, haben das, was viele für unmöglich hielten, Wirklichkeit werden lassen. Dieser Glaube weckt weiterhin die Zuversicht, dass auch andere, scheinbar unmögliche Ziele – ein demokratisches, gerechtes und inklusives Syrien – verwirklicht werden können.

Der Weg zur Befreiung Syriens ist noch lange nicht zu Ende, doch die Menschen sind weiterhin entschlossen, den Kampf für Freiheit, Würde und Gerechtigkeit fortzusetzen. In diesem Sinne war der Abend weit mehr als eine kulturelle Veranstaltung. Er war ein Akt des Gedenkens und eine Würdigung der Lieder, Geschichten und künstlerischen Stimmen, die das kollektive Gedächtnis des Landes geprägt haben. Er hat erneut gezeigt, dass Kunst nicht nur die Vergangenheit bewahrt, sondern auch den Glauben an Veränderung am Leben erhält – und dass die Menschen gemeinsam weiterhin das erreichen können, was einst unmöglich schien.

Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt.