Ein Schneesturm und starke Regenfälle prägten die vergangenen Tage in Aleppo. In dieser Zeit mussten viele Menschen ihre Häuser verlassen. Viele flohen zu Fuß, ohne Wasser, ohne Kleidung. „Sie mussten weite Strecken zurücklegen und konnten nichts mitnehmen“, berichtet Safa Kamel, Leiterin der Fraueninitiative KLYA, die Nothilfe für Vertriebene organisiert. „Nicht einmal das Nötigste.“
Auslöser der Flucht waren militärische Auseinandersetzungen zwischen Truppen der syrischen Übergangsregierung und kurdischen Kräften in einer der größten Städte des Landes. In mehreren Stadtteilen Aleppos kam es zu schweren Kämpfen, besonders in den Vierteln Sheikh Maqsoud und Ashrafiyah. Die Übergangsregierung forderte Zivilist*innen auf betroffene Gebiete zu verlassen, erklärte Stadtteile zu militärischen Sperrzonen und begann eine groß angelegte Operation gegen kurdische Kräfte und lokale Verteidigungseinheiten, die mit den Syrian Democratic Forces (SDF) verbunden sind. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als 140.000 Menschen vertrieben, mindestens 24 Menschen wurden getötet.
Aleppo als Spiegel des politischen Stillstands
Hinter der militärischen Eskalation steht ein politischer Stillstand. Ein Abkommen vom 10. März 2025 sollte die Beziehungen zwischen Damaskus und den SDF neu ordnen und die Eingliederung kurdischer Kräfte und Institutionen in den Staatsapparat regeln. Doch die Umsetzung stockt, Vertrauen scheint Mangelware.
Für viele zivilgesellschaftliche Akteur*innen ist das Geschehen in Aleppo deshalb mehr als ein lokaler militärischer Zwischenfall. „Was in Aleppo geschehen ist, zeigt deutlich, dass Syrien weiterhin nach einer militärischen Sicherheitslogik und nicht nach einer politischen Logik regiert wird“, sagt Hejar Amin von PÊL Civil Waves in Hassaka. Die Übergangsphase habe bislang keinen neuen Gesellschaftsvertrag hervorgebracht. Die Eskalation sei kein isoliertes Ereignis gewesen, sondern habe die Fragilität der Lage offengelegt, gesellschaftliche Spaltungen vertieft und einen Diskurs des gegenseitigen Misstrauens verstärkt.
Auch Mohamed Shakerdy vom zivilen Zentrum Atareb erkennt in den Ereignissen ein bekanntes Muster. Militärische Gewalt werde genutzt, um Meinungsverschiedenheiten zwischen syrischen Akteuren zu entscheiden. Das sei Ausdruck widerstreitender Interessen und des Fehlens eines echten Dialoghorizonts. Das Wohl der Menschen spiele dabei keine zentrale Rolle.
Verhärtete Fronten, wachsende Angst
Wie sehr die Eskalation das gesellschaftliche Klima belastet hat, berichten zivilgesellschaftliche Akteur*innen aus dem Nordosten des Landes. Die Lage sei geprägt von klaren Spaltungen und abgegrenzten Einflusszonen. Die jüngsten Ereignisse hätten die Spannungen zwischen den Akteuren weiter verschärft. Innerhalb der dortigen kurdischen Bevölkerung nehme die Ablehnung der syrischen Übergangsregierung, aber auch Spannungen gegenüber der arabischen Bevölkerung spürbar zu. Viele Menschen nähmen die militärische Eskalation in Aleppo nicht als begrenzte Maßnahme wahr, sondern als Angriff auf sich selbst. Daraus sei eine tiefe Vertrauenskrise entstanden.
Gleichzeitig schaut die kurdische Gesellschaft zunehmend kritisch auf die Handlungen der SDF, der Wunsch nach einem Ende der Militarisierung wird größer. Zugleich rücken andere aus Angst näher an bewaffnete Strukturen heran. Nicht immer aus Überzeugung, sondern aus dem Bedürfnis nach Schutz.
Die größte Sorge vieler Menschen ist, dass die Übergangsphase in eine neue Form der Ausgrenzung mündet und die Machthaber es nicht schaffen diplomatische Lösungen zu finden. Es wächst die Angst, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen pauschal stigmatisiert und von politischer Teilhabe ausgeschlossen werden. Viele fürchten weitere Eskalationen, kollektive Übergriffe und neue Vertreibungen. Im schlimmsten Fall erneuten Krieg.
Die Kosten trägt die Bevölkerung
Bassam Alahmad von Syrians for Truth & Justice (STJ) sieht in den Ereignissen von Aleppo vor allem ein Warnsignal. Er macht deutlich, wie fragil die aktuelle Lage in Syrien sei. Auch formelle Abkommen könnten keinen nachhaltigen Frieden garantieren, wenn sie politisch nicht getragen und umgesetzt würden. Die Vorstellung, das Land befinde sich bereits in einer Phase stabilen Übergangs und des Wiederaufbaus, erscheine vor diesem Hintergrund verfrüht. Was als politischer Prozess hätte verhandelt werden müssen, sei erneut auf eine militärische Ebene verschoben worden.
Diese Dynamik wird zusätzlich verschärft durch den öffentlichen Austausch gegenseitiger Anschuldigungen zwischen der Übergangsregierung und den SDF. Hejar Amin spricht von einem Versagen, Konflikte politisch zu bewältigen. Statt ernsthafter Dialoge dominierten Schuldzuweisungen und Delegitimierung. Das verstärke Angst und Spaltung in der Gesellschaft. Zivilist*innen gerieten dabei zunehmend zwischen die Fronten, ebenso Aktivist*innen, die seit einem Jahr versuchen, Brücken zu bauen.
Die militärische Eskalation in Aleppo hat die bestehenden Bruchlinien nicht neu geschaffen. Er hat sie vertieft und verfestigt und damit die politische Spaltung Syriens weiter vorangetrieben. Wie sehr diese Entwicklung die Menschen belastet, beschreibt Shakerdy so: „Die Menschen in ganz Syrien sind erschöpft. Sie wollen nur endlich ohne Angst leben und arbeiten, um ihre Bedürfnisse zu decken. Sie suchen Sicherheit und Stabilität. Genug Vertreibung, genug Krieg, genug Leid.“
