365 Tage nach der Stunde Null

Unsere Partner*innen werfen einen Blick auf das vergangene Jahr und in die Zukunft.

Kunst als Gradmesser der Freiheit

Rezan Mesho, Qamishli

Rezan Mesho arbeitet für die Organisation Malva in Qamishli, die mit interaktivem Theater, Jugendprojekten und Initiativen zu kulturellen Rechten gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.

Ich blicke mit großer Ungewissheit auf die Zukunft Syriens. Als jemand, der im Kulturbereich arbeitet, trifft mich besonders, was derzeit mit der Kunst in Syrien geschieht. Die Zerstörung von Statuen wie auf dem Saadallah-Platz in Aleppo war für mich ein schockierendes Zeichen und ein Ausdruck tief sitzender Ablehnung von Kunst. Als dann auch an der Fakultät der Schönen Künste in Damaskus die Aktmalerei untersagt wurde, war klar: Der neue Staat hat keinen Platz für künstlerische Freiheit. Doch ohne Kunst verliert Syrien seine Seele und seine Zukunft.


Gespräche statt Gewalt

Huzeifa Al-Haram, Raqqa

Huzeifa Al-Haram arbeitet seit 2017 beim PÊL Civil Waves Zentrum und leitet heute das Büro in Raqqa. Er engagiert sich für Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt und setzt Projekte zur Jugend- und Frauenförderung, Reintegration von Rückkehrerinnen aus dem al-Hol-Camp und zur Bekämpfung von Hassrede um.

Wir alle haben berechtigte Angst vor einem neuen Krieg. Deshalb setzen wir gezielt auf Vernetzung und Dialog. Durch unsere Arbeit im Zentrum sehe ich, dass Begegnung wirklich etwas verändern kann. Wenn Menschen miteinander reden, einander zuhören und Vertrauen aufbauen, wächst Hoffnung. Für mich sind diese Projekte ein Beweis, dass Verständigung der einzige Weg ist, um nicht wieder in den Krieg zu stürzen.


Angst vorm Absturz

Najla Temo, Qamishli

Najla Temo ist eine von drei Leiterinnen des Frauenzentrums Sawiska. Gebürtig stammt sie aus Sere Kaniye/Ras al-Ain, von wo sie 2019 durch türkische Angriffe vertrieben wurde.

Einige meiner größten Befürchtungen sind leider wahr geworden: die Massaker in Suweida und an der Küste, die wiederkehrenden Angriffe auf Kurd*innen und die schwierige Rückkehr der Binnenvertriebenen aus Sere Kaniye, Afrin und Tell Abyad. Ich fürchte, dass Syrien in Diktatur, Armut und Vertreibung zurückfällt. Trotzdem hoffe ich, dass Dialog und internationale Unterstützung helfen können, Syrien vor einem erneuten Absturz zu bewahren.


Leugnen ist zwecklos

Anas Al-Rawi, Azaz/Deir ez-Zor

Anas Al-Rawi floh 2014 vor dem sogenannten »Islamischen Staat« aus Deir ez-Zor. In Azaz gründete er das Hooz-Zentrum, das Vertriebene aus verschiedenen Regionen zusammenbringt. Seit dem Sturz des Regimes reist das Team durchs Land, um Vorurteile abzubauen, gemeinsame Perspektiven zu entwickeln und die politischen Stimmen der Bevölkerung zu stärken.

Im April fürchtete ich vor allem, dass Syrien nach der Revolution in einen konfessionellen Konflikt abgleiten könnte. Heute ist meine größte Sorge, dass sich diese Spaltungen weiter vertiefen. Viele leugnen das Problem. Gerade dieses Verdrängen beunruhigt mich mehr als der Konflikt selbst. Dennoch habe ich Hoffnung. Ich sehe, dass ein neues Bewusstsein wächst, besonders unter jungen Menschen, die verstehen, wie gefährlich Spaltung ist. Ich sehe, dass der neue Verfassungsentwurf erstmals Rechte festschreibt, auf die wir uns berufen können. Und ich glaube fest daran, dass die Menschen, die den Sturz des Regimes erkämpft haben, nicht aufgeben werden, bis Syrien gerechter und freier ist.


Macht braucht Kontrolle

Mohammed Shakerdy, Atareb (Idlib)

Mohammed Shakerdy leitet das Zivile Zentrum Atareb. In Idlib setzte er sich über Jahre für eine unabhängige Zivilgesellschaft ein, in einem Umfeld, das von der Kontrolle der islamistischen Miliz HTS und des heutigen Übergangspräsidenten Ahmed al-Sharaa geprägt war.

Nach dem Sturz des Regimes hoffte ich, dass sich endlich etwas ändert und die neuen Machthaber wirklich im Sinne der Menschen handeln. Doch bis heute bleibt vieles beim Alten: Macht wird zentralisiert, Transparenz fehlt und der Wiederaufbau hängt vor allem vom Engagement der Bevölkerung ab, die trotz der katastrophalen wirtschaftlichen Lage versucht, mit ihren wenigen verfügbaren Mitteln das Nötigste selbst in die Hand zu nehmen. Für mich zeigt das, wie wichtig eine unabhängige Zivilgesellschaft ist. Sie ist die einzige Kraft, die Transparenz fordert, die Bedürfnisse der Menschen sichtbar macht und den Weg zu einem gerechten Syrien offenhält.


Die Kraft der Zivilgesellschaft

Huda Khaity, Idlib/Ost-Ghouta

Huda Khaity leitete ein Frauenzentrum im oppositionell kontrollierten, vom Assad-Regime belagerten Ost-Ghouta. Als die Region 2018 vom Regime eingenommen wurde, wurde sie in die von der islamistischen HTS kontrollierte Region Idlib vertrieben und baute dort wieder ein Zentrum auf, um Bildungs- und Beratungsangebote für Frauen zu ermöglichen. Jetzt ist sie mit ihrem Team zusätzlich auch wieder in Ost-Ghouta aktiv.

Trotz aller Konflikte, Gewalt, Instabilität und Armut glaube ich an die Kraft der syrischen Zivilgesellschaft. Sie ist das Schönste, was aus der Revolution hervorgegangen ist, und spielt eine zentrale Rolle dabei, die Krisen zu überwinden. Überall engagieren sich Menschen, sammeln Erfahrungen und gestalten den Wandel mit. Sie zeigen, dass Veränderung möglich ist und dass Syrien sich aus eigener Kraft erneuern kann.


Die Freiheit bleibt ein Traum

Hana Yaziji, Suweida

Die Rechtsanwältin und Aktivistin Hana Yaziji (Pseudonym) hat sich jahrelang unter steter Gefahr der Verhaftung gegen die Unterdrückung des Regimes eingesetzt. Im Juli erlebte sie die Massaker in Suweida mit und baute mit ihrer Organisation ein Aufnahmezentrum für Geflüchtete aus den zerstörten, umliegenden Dörfern in der Stadt auf.

Ich dachte, die Zukunft Syriens würde nach dem Sturz Assads großartig sein. Ich habe geglaubt, dass jeder Anfang schön ist, doch meiner wurde zu einem Albtraum. In Suweida sah ich, wie Syrer Syrer töteten, nur weil sie einer anderen Religion angehörten. Freund*innen und Angehörige wurden ermordet, unsere Häuser niedergebrannt. Syrien existiert nur noch auf der Karte, in Wirklichkeit aber ist es tief gespalten. Wenn die Täter nicht bestraft und die Opfer nicht gerecht behandelt werden, wird es in Zukunft kein Syrien mehr geben.


Die Jugend gibt Hoffnung

Marianna Karkoutly, Berlin

Mariana Karkoutly ist Mitbegründerin und Leiterin des Untersuchungsprogramms von Huquqyat, einer Organisation syrischer Juristinnen, die sich für rechtliche Aufarbeitung und Rechenschaft in Syrien einsetzt. Sie arbeitet daran, Fälle von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu dokumentieren und zur juristischen Verfolgung aufzubereiten.

Mein Blick auf die Interimsregierung ist im Laufe der Zeit nüchterner geworden. Ich hatte auf mehr Offenheit, Transparenz und Mut gehofft, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sehe jedoch viele alte Muster wiederkehren. Gleichzeitig erlebe ich vor allem bei jüngeren Syrer*innen, dass sie neu darüber nachdenken, was Gerechtigkeit bedeuten kann – jenseits institutioneller Strukturen, hin zu Heilung und Anerkennung. Ihre Perspektiven sind erfrischend und geben mir Hoffnung. Dieses Jahr hat meine Überzeugung gestärkt, dass ein Regimewechsel – ohne eine echte politische und juristische Transformation – hohl bleibt. Ich glaube jedoch an die langsame und beharrliche Arbeit des Aufbaus, in der die Grundlagen eines anderen und gerechteren Syriens entstehen.