10 Fakten zu Syrien

#SyriaNotSafe!

In Deutschland wird immer wieder über Abschiebungen nach Syrien diskutiert. Wir haben dazu hier die wichtigsten Fakten zusammengefasst – inklusive der zentralen Quellen zur Menschenrechtslage in Syrien.

Stand
Letzte Aktualisierung:
August 2019

1. Syrien ist ein Folterstaat

Schon lange vor Beginn des Aufstands im Jahr 2011 stützte das Assad-Regime seine Herrschaft auf Unterdrückung, Überwachung, willkürliche Inhaftierung, systematische Folter und Tötungen.

Seit 2011 erlitten weit über 100.000 Menschen Folter durch Assads Geheimdienste und regimeloyale Milizen. Zehntausende starben unter Folter oder an unmenschlichen Haftbedingungen. Rund 100.000 Menschen sind in den Foltergefängnissen verschwunden.

Auch aktuell dienen Folter, Verschwinden-Lassen und Hinrichtungen dem Regime als probate Mittel zur Herrschaftssicherung – die Verantwortlichen müssen bislang keine Strafe fürchten.

1.1 Allgemeine Informationen zum Thema Folter in Syrien

Folter, Vergewaltigungen und andere Misshandlungen durch staatliche Sicherheits- und Geheimdienste sind flächendeckend verbreitet und werden systematisch angewendet, insbesondere in Haftanstalten, aber auch an Checkpoints und bei Hausdurchsuchungen. Viele Gefangene werden wiederholt routinemäßig gefoltert und dem systematischen Entzug von Nahrung, Wasser, Frischluft, Medikamenten und medizinischer Hilfe ausgesetzt.

Neben anderen Quellen berichtet auch die Commission of Inquiry der UN, dass selbst inhaftierte Kinder unter 13 Jahren gefoltert werden, unter anderem, um deren Familien unter Druck zu setzen. Folter in Syrien ist umfangreich belegt, die folgende Quellensammlung ist längst nicht abschließend.

1.1.1 Allgemeine Quellen zum Thema Folter

Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018:

Im Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom November 2018 heißt es, dass „Polizei, Justizvollzugsorgane und vor allem Sicherheits- und Geheimdienste systematisch Folterpraktiken“ anwenden, „insbesondere gegenüber Oppositionellen oder Menschen, die vom Regime als oppositionell eingestuft werden.“ (S.15) Konkret geht der Lagebericht auf „systematischen Anwendung von Folter in insgesamt 27 Einrichtungen“ ein, betont aber, dass davon ausgegangen werde müsse, dass Folter auch in anderen dezentralen Hafteinrichtungen unter Regimekontrolle verübt werde (S.16).

Weiter heißt es, Folter mache in Syrien auch vor Kindern nicht halt. (S.16) Der Lagebericht führt hierzu etwa den Fall von Hamza Ali Al-Khateeb an, der bereits im Mai 2011 zu Tode gefoltert wurde: Als „das Regime im Mai 2011 den Leichnam des 13-jährigen Hamza Ali Al-Khateeb an seine Familie in Daraa übergab, [wies dieser] der schwere Prellungen, Quetschungen, Brandmale, verstümmelte Genitalien und drei Schusswunden“ auf. (S.16)

Über die Haftbedingungen heißt es: „Gefangene werden auf engstem Raum zusammengepfercht, Leichen mitunter erst nach Tagen weggeräumt, medizinische Versorgung besteht kaum, und hygienische Zustände sind furchtbar.“ (S.18)

Der Bericht hält fest, dass es in Syrien „keine realistischen Möglichkeiten einer effektiven strafrechtlichen Verfolgung von Folter oder anderen kriminellen Handlungen durch Sicherheitskräfte“ gibt. (S.16)

Caesar-Fotos

Ein zentraler Beweis für die systematische Folter in syrischen Haftanstalten sind die sogenannten Ceasar-Files, eine Sammlung von 55.000 Fotos, die mindestens 6.700 Leichen dokumentieren, die Spuren von Folter, Misshandlung oder Verhungern aufweisen. Die Bilder wurden 2014 von einem desertierten Fotografen der syrischen Militärpolizei in zwei Militärkrankenhäusern in der Nähe von Damaskus aufgenommen und von ihm außer Landes geschmuggelt. Weder die Bundesregierung noch die UN haben Zweifel an der Echtheit der Fotos.

Informationen von ECCHR zu den Caesar-Fotos:

https://www.ecchr.eu/fileadmin/Hintergrundberichte/Hintergrundbericht_Syrien_Folter_CaesarFotos_StrafanzeigeDeutschland_ECCHR_20170921.pdf

Recherche von HRW zu den Ceasar-Fotos:

https://www.hrw.org/news/2015/12/16/syria-stories-behind-photos-killed-detainees

UN-Untersuchung zu den Ceasar-Files:

https://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2014/244

UN OHCHR: «Surrounded by Death»: Former Inmates of Aleppo Central Prison (8/2014)

https://www.ohchr.org/Documents/Countries/SY/AleppoCentralPrison.pdf

HRW: If the Dead Could Speak – Mass Deaths and Torture in Syria’s Detention Facilities (12/2015)

Bericht von Human Rights Watch auf der Grundlage der Ceasar Files und Aussagen von Opfern und Überläufern.

https://www.hrw.org/report/2015/12/16/if-dead-could-speak/mass-deaths-and-torture-syrias-detention-facilities

UN Human Rights Council: Out of Sight (3/2016)

Die Vereinten Nationen werfen dem Assad-Regime systematisch begangene Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor und sprechen von Vernichtung:

„Detainees held by the Government were beaten to death, or died as a result of injuries sustained due to torture. Others perished as a consequence of inhuman living conditions. The Government has committed the crimes against humanity of extermination, murder, rape or other forms of sexual violence, torture, imprisonment, enforced disappearance and other inhuman acts.“

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass stets Zehntausende Menschen in den Foltergefängnissen inhaftiert sind: „Eyewitness accounts and documentary evidence strongly suggest, however, that tens of thousands of people are detained by the Syrian Government at any one time.“ 

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/A-HRC-31-CRP1_en.pdf

The New Yorker: The Assad-Files (4/2016)

https://www.newyorker.com/magazine/2016/04/18/bashar-al-assads-war-crimes-exposed

Amnesty International: It Breaks the Human: Torture, Disease and Death in Syria’s Prisons (8/2016)

„Torture and other ill-treatment have been perpetrated by the Syrian intelligence services and other state forces for decades, fostered by a culture of impunity that is reinforced by Syrian legislation. However, since the current crisis in Syria began in 2011, the situation has become catastrophic, with torture committed on a massive scale.“

„Based on the evidence presented in this report, as well as prior research by Amnesty International and the documentation of credible national and international monitoring groups, Amnesty International considers that the torture and other ill-treatment of detainees carried out by the Syrian government since 2011 have been perpetrated as part of an attack against the civilian population, pursuant to a state policy, that has been widespread, as well as systematic, and therefore amounts to a crime against humanity.“

https://www.refworld.org/docid/57b8681e4.html

Amnesty International: “Human Slaughterhouse” (2/2017)

Im Bericht  “Human Slaughterhouse – Mass Hangings and Extermination at Saydnaya Prison” geht Amnesty International auf der Grundlage von Zeugenaussagen von Gefängnismitarbeitern und Inhaftierten davon aus, dass von September 2011 bis Dezember 2015 im Saydnaya-Gefängnis zwischen 5.000 und 13.000 Menschen hingerichtet wurden. Der Bericht geht neben den Massenhinrichtungen auch detailliert auf die typischen Folterpraxen im Saydnaya-Gefängnis ein.

https://www.amnesty.org/download/Documents/MDE2454152017ENGLISH.PDF

Amnesty International: Report 2017/18

„Folter und andere Misshandlungen von Inhaftierten in Gefängnissen sowie durch den staatlichen Sicherheitsdienst und die Geheimdienste waren auch 2017 weit verbreitet und wurden systematisch angewendet, was erneut zu vielen Todesfällen in Gewahrsam führte. So starben im Saydnaya-Militärgefängnis zahlreiche Häftlinge, nachdem man sie wiederholt gefoltert und ihnen systematisch Nahrung, Wasser, Frischluft, Medikamente und medizinische Hilfe verweigert hatte. Ihre Leichen wurden in Massengräbern verscharrt.“ 

https://www.ecoi.net/de/dokument/1425111.html

USDOS – US Department of State: Country Report on Human Rights Practices 2017 – Syria 

Der Bericht des US-State-Departments zählt die typischen Foltermethoden des Assad-Regimes auf:

„The government continued the use of torture and rape, including of children. (…)Activists, the COI, and local NGOs reported thousands of credible cases of government authorities engaging in frequent torture to punish perceived opponents, including during interrogations. Observers reported most cases of torture or mistreatment occurred in detention centers operated by each of the government’s security service branches. Human Rights Watch (HRW) and the COI reported regular use of detention and torture of government opponents at checkpoints and facilities run by the air force, Political Security Division, General Security Directorate, and Military Intelligence Directorate.“ 

„The COI noted that torture methods remained consistent. These included beatings on the head, bodies, and soles of feet (“falaqua”) with wooden and metal sticks, hoses, cables, belts, whips, and wires. Authorities also reportedly sexually assaulted detainees; administered electric shocks, including to their genitals; burned detainees with cigarettes; and placed them in stress positions for prolonged periods of time. A substantial number of male detainees reported being handcuffed and then suspended from the ceiling or a wall by their wrists for hours.

Other reported methods of severe physical torture included removing nails and hair, stabbings, and cutting off body parts, including ears and genitals. Numerous human rights organizations reported other forms of torture, including forcing objects into the rectum and vagina, hyperextending the spine, and putting the victim onto the frame of a wheel and whipping exposed body parts. Additionally, officers reportedly continued the practice of “shabeh,” in which they stripped detainees naked, hung them for prolonged periods from the ceiling, and administered electrical shocks. In August 2016 AI and the Human Rights Data Analysis Group published a detailed account of 12,270 documented killings and extensive use of torture in Sednaya Prison.

The use of psychological torture by the government also reportedly increased. One commonly reported practice was detention of victims overnight in cells with corpses of previous victims. The SNHR reported that psychological torture methods included forcing prisoners to witness the rape of other prisoners, threatening the rape of family members (in particular female family members), forcing prisoners to undress, and insulting prisoners’ beliefs.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/1430098.html

Syria’s Disappeared: The Case against Assad (5/2017)

Der Film „Syria’s Disappeared: The Case against Assad“ dokumentiert drei Fälle von Folter und Verschwinden-Lassen und kontextualisiert diese mit aus Syrien geschmuggelten Fotos und Dokumenten zum Repressionsapparat Assads. Die Uraufführung fand statt im United States Holocaust Museum.

http://syriasdisappeared.com
https://youtu.be/zkpeKOGv2Wg

Syrian Network for Human Rights (SNHR): Out of Sight (6/2018)

Der jährlich erscheinende Bericht summiert die in der Datenbank der Organisation dokumentierten Fälle von Folter mit Todesfolge aller Kriegsparteien. Insgesamt zählt der Bericht im Zeitraum März 2011 bis Juni 2018 13.197 Todesopfer, darunter 167 Kinder und 59 Frauen. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Das Assad-Regime ist für 99 Prozent dieser Opfer verantwortlich. 

http://sn4hr.org/wp-content/pdf/english/Out_of_sight_en.pdf

Lawyers & Doctors for Human Rights: “Death Became a Daily Thing”: (12/2018)

Der Bericht mit dem Untertitel „The Deliberate and Systematic Failure to Provide for Health and Medical Care in Syrian Detention Centres“ widmet sich dem Thema Verweigerung medizinischer Versorgung von Gefangenen:

http://ldhrights.org/en/wp-content/uploads/2018/12/Death-Became-a-Daily-Thing.pdf

Die Zeit: Weniger wert als ein Tier (3/2019)

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/syrien-folter-gefaengnisse-opfer-assad-regime/komplettansicht

The Nation: How One Man Survived Syria’s Gulag (5/2019)

Die Caesar-Fotos werden durch zahlreiche Zeugenaussagen gestützt und kontextualisiert, unter anderem von Omar Alshogre:

https://www.thenation.com/article/how-one-man-survived-syrias-gulag/

New York Times: Inside Syria’s Secret Torture Prisons: How Bashar al-Assad Crushed Dissent (5/2019)

Ausführliche Darstellung der bisher bekannten Faktenlage mit mehreren Einzelfalldarstellungen:

https://www.nytimes.com/2019/05/11/world/middleeast/syria-torture-prisons.html

1.2 Sexualisierte Folter und Vergewaltigung als Kriegswaffe

Die UN wie zahlreiche Menschenrechtsorganisationen berichten von systematischer sexualisierter Folter von Frauen, Kindern und teilweise auch von Männern. Ein Bericht der UN-Untersuchungskommission zu sexualisierter Gewalt in Syrien von März 2018 lässt den Schluss zu, dass das Assad-Regime Vergewaltigung als Kriegswaffe einsetzt. 

1.2.1 Quellen zum Thema sexualisierte Folter

UN Human Rights Council: „I lost my dignity“ (3/2018)

Der Bericht mit dem Untertitel „Sexual and gender-based violence in the Syrian Arab Republic“ stellt fest, dass das Regime systemtisch und weit verbreitet Vergewaltigung und sexualisierte Folter einsetzt:

„Government forces and associated militias have perpetrated rape and sexual abuse of women and girls and occasionally men during ground operations, house raids to arrest protestors and perceived opposition supporters, and at checkpoints. In detention, women and girls were subjected to invasive and humiliating searches and raped, sometimes gang- raped, while male detainees were most commonly raped with objectsand sometimes subjected to genital mutilation. Rape of women and girls was documented in 20 Government political and military intelligence branches, and rape of men and boys was documented in 15 branches. Sexual violence against females and males is used to force confessions, to extract information, as punishment, as well as to terrorise opposition communities. Rapes and other acts of sexual violence carried out by Government forces and associated militias during ground operations, house raids, at checkpoints, and during detention formed part of a widespread and systematic attack directed against a civilian population, and amount to crimes against humanity. After February 2012, these acts also constitute the war crimes of rape and other forms of sexual violence, including torture and outrages upon personal dignity.“ 

https://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/CoISyria/A-HRC-37-CRP-3.pdf

LSE Center for Women, Peace and Security: “You want Freedom? This is your Freedom“ – Rape as a Tactic of the Assad Regime (3/2017)

„Massive harassment of female prisoners, sexual assaults and repeated rapes have become part of the repressive arsenal of the Syrian government as it started to feel under threat. (…) the pattern of sexual crimes reveal that pro-regime security forces have been committing rapes in the midst of the conflict, intentionally and strategically, in circumstances and facilities under their authority and have moreover been targeting specific women. As rape has certainly not been opportunistic (besides a few exceptions), understanding how the government has been instrumentalising sexual violence militarily and politically enables us to grasp the regime’s strategy to defeat and subjugate the opposition using sectarian discourse. Sexual crimes have been part of the regime’s policy of repression and display some common patterns and a degree of organisation, which raises the issue of the responsibility of high-level officials.“

http://www.lse.ac.uk/women-peace-security/assets/documents/2017/wps3Forestier.pdf 

Lawyers & Doctors for Human Rights: 
Voices from the Dark: Torture and Sexual Violence Against Women in Assad’s Detention Centres (7/2017)

Falldokumentationen und Analysen sexualisierter Folter gegenüber Frauen und Mädchen:

http://ldhrights.org/en/wp-content/uploads/2017/07/Voices-from-the-Dark.pdf

Lawyers & Doctors for Human Rights:  
„The Soul has Died“: Typology, Patterns, Prevalence and the Devastating Impact of Sexual Violence Against Men and Boys in Syrian Detention (3/2019
)

Falldokumentationen und Analysen sexualisierter Folter gegenüber Männern und Jungen:

http://ldhrights.org/en/wp-content/uploads/2019/03/The-Soul-Has-Died-Male-Sexual-Violence-Report-English-for-release-copy.pdf

Syria Justice and Accountability Centre (SJAC):
“Do you know what happens here?” An Analysis of Survivor Accounts of SGBV in Syria (01/2019)

https://syriaaccountability.org/wp-content/uploads/SGBV-report.pdf

1.3 Verfahren gegen Folterer des Assad-Regimes in Deutschland

In Deutschland und auch in anderen Europäischen Staaten sind Klagen und Ermittlungsverfahren gegen hochrangige Funktionäre des syrischen Regimes anhängig. Grundlage hierfür ist das Weltrechtsprinzip, das es ermöglicht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und andere schwere Straftaten vor nationalen Gerichten zur Anklage zu bringen, auch wenn sie von Ausländern im Ausland verübt wurden. In Deutschland wurden bereits Haftbefehle gegen Folterer des Regimes ausgestellt.

1.3.1 Details zu Verfahren wegen Folter

Verfahren in Deutschland

Für Straftaten, die auf der Grundlage des Weltrechtsprinzips geahndet werden können, ist der Generalbundesanwalt zuständig. Die Organisation „European Center for Constitutional and Human Rights“ (ECCHR) hat in Zusammenarbeit mit den syrischen Menschenrechtsanwälten Anwar al Buni und Mazen Darwish bei der Generalbundesanwaltschaft Strafanzeigen gegen hochrangige Funktionäre des syrischen Repressionsapparats gestellt.

Mittlerweile hat die Generalbundesanwaltschaft Vefahren eröffnet und Haftbefehle erlassen. Im Juni 2018 hat der Bundesgerichtshof einen internationalen Haftbefehl gegen Jamil Hassan ausgestellt. Hassan ist Chef des syrischen Luftwaffengeheimdienstes und somit verantwortlich für Folter in tausenden Fällen.

https://www.ecchr.eu/fall/deutsche-justiz-erlaesst-haftbefehl-gegen-syrischen-geheimdienstchef-jamil-hassan

Im Februar 2019 hat die Bundesanwaltschaft Haftbefehle gegen zwei in Deutschland aufhältige syrische Staatsbürger vollstreckt, denen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bzw. Mitwirkung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen wird:

https://www.generalbundesanwalt.de/de/showpress.php?newsid=819

https://www.nytimes.com/2019/02/13/world/europe/germany-syria-arrests.html

Verfahren in anderen EU-Staaten

Auch in Österreich wird gegen hochrangige Mitarbeiter syrischer Geheimdienste ermittelt.

https://www.ecchr.eu/fall/der-weg-zu-gerechtigkeit-fuehrt-ueber-europa-zb-oesterreich

In Schweden und anderen EU-Staaten sind Strafanzeigen anhängig. Einen analytischen Überblick über Strafanzeigen und Verfahren in Europa mit Syrienbezug bietet die Website justiceinfo.net (Stand 2/2019):

https://www.justiceinfo.net/en/tribunals/national-tribunals/40383-european-justice-strikes-on-crimes-in-syria.html

1.4 Folter vor 2011

Bereits vor Beginn des Aufstandes im Jahr 2011 stützte sich das Assad-Regime auf einen ausgedehnten, faktisch nicht an Recht und Gesetz gebunden Überwachungs- und Repressionsapparat. Es liegen zahlreiche Berichte vor, die Fälle von willkürlichen Inhaftierungen, Folter und Verschwinden-Lassen lange vor dem Jahr 2011 dokumentieren.

Unter anderem liegen mehrere Fälle vor von Menschen, die vor Beginn des aktuellen Konflikts aus Deutschland nach Syrien abgeschoben und dort gefoltert worden sind.

Es gibt auch daher keinen Anlass für die Annahme, dass die Staatsorgane des Regimes nach einem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen von schweren Menschenrechtsverletzungen absehen werden. 

1.4.1 Quellen und Einzelfälle zu Folter vor 2011

Lagebericht des Auswärtigen Amtes von März 2009

Der Lagebericht von März 2008 ist vor dem Hintergrund zu lesen, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt kurz vor Abschluss eines Rückübernahmeabkommens stand, um insbesondere auch staatenlos gemachte syrische Kurden nach Syrien abschieben zu können. Auch wenn die Lage in diesem Bericht daher teils beschönigt wird, um das Abkommen zu rechtfertigen, weist er darauf hin, dass die Sicherheitsapparate verantwortlich sind für willkürliche Verhaftungen, Folter und Isolationshaft, dass Polizei, Justizvollzugsorgane und Geheimdienste systematisch Gewalt anwenden.

„Schon im normalen Polizeigewahrsam sind körperliche Misshandlungen an der Tagesordung. Insbesondere bei Fällen mit politischem Bezug wird physische und psychische Gewalt in erheblichem Ausmaß eingesetzt. Die Misshandlungen dienen dabei der generellen Gefügigmachung, ebenso wie der Erzwingung von Geständnissen, der Nennung von Kontaktpersonen und der Abschreckung. In den Verhörzentralen der Sicherheitsdienste ist die Gefahr körperlicher und seelischer Misshandlung noch größer. Hier haben weder Anwälte noch Familienangehörige Zugang zu den Inhaftierten, deren Aufenthaltsort oft unbekannt ist.“

Auch wenn hier anstatt des Begriffs „Folter“ nur von „Misshandlungen“ die Rede ist, ist klar: Hier wird systematische Folter beschrieben.

Weiter wird die Praxis des Verschwindenlassens der 70er und 80er Jahre bestätigt, damals seien „massenhaft Personen willkürlich festgenommen worden“ und in den Gefängnissen verschwunden – zitiert wird eine Schätzung von 17.000 verschwundenen Personen.

Lagebericht des Auswärtigen Amtes Juni 2009 

Der Lagebericht von Juni 2009 stellt klar, dass die Sicherheitsdienste weder gerichtlichen noch parlamentarischen Kontrollmechanismen unterworfen sind und dass sie für willkürliche Verhaftungen, Folter und Isolationshaft verantwortlich sind. Die verschiedenen Geheimdienste „arbeiten eigenständig und ohne Abstimmung untereinander. Jeder Geheimdienst unterhält eigene Gefängnisse und Verhörzentralen, bei denen es sich um rechtsfreie Räume handelt.“ Polizei, Justizvollzugsorgane und Geheimdienste wenden „systematisch Gewalt gegen Gefangene an. Bereits in gewöhnlichem Polizeigewahrsam sind körperliche Misshandlungen an der Tagesordnung. Insbesondere bei Fällen mit politischem Bezug wird physische und psychische Gewalt in erheblichem Ausmaß eingesetzt. Die Misshandlungen sollen der Abschreckung dienen sowie dazu, die Inhaftierten gefügig zu machen, Geständnisse oder die Nennung von Kontaktpersonen zu erzwingen. In den Verhörzentralen der Sicherheitsdienste ist die Gefahr körperlicher und seelischer Misshandlung noch größer. Hier haben weder Anwälte noch Familienangehörige Zugang zu den Inhaftierten, deren Aufenthaltsort oft unbekannt ist.“

In diesem Bericht bestätigt die Bundesregierung Tötungen in Haft: „Das Auswärtige Amt geht davon aus, dass regelmäßig Häftlinge durch Gewaltanwendung in syrischen Gefängnissen ums Leben kommen“. 

Ad-hoc Ergänzungsbericht des Auswärtigen Amtes, Dezember 2009

Der Bericht fasst insbesondere Fälle von Menschen zusammen, die unter anderem im Rahmen des im Juli 2008 geschlossenen Rückübernahmeabkommens aus Deutschland nach Syrien abgeschoben wurden, die dort intensiv von den Geheimdiensten verhört und inhaftiert wurden.

In der Regel, so der Bericht, würden Abgeschobene nach der Rückkehr von den Sicherheitsdiensten befragt. In 3 von insgesamt 28 Fällen seien Abgeschobene inhaftiert worden, ohne dass das Auswärtige Amt zum Verbleib der Inhaftierten erhalten habe. Angesichts der Tatsache, dass die syrischen Geheimdienste nach Angaben der Bundesregierung keinerlei Kontrolle unterworfen sind und systematisch Gewalt anwenden, muss davon ausgegangen werden, dass den Betroffenen physische oder psychische Gewalt drohte oder das sie dieser auch ausgesetzt wurden. Hierzu macht der Lagebericht keine Angaben.

Ein Fall ist besonders interessant: Der am 1. September 2009 abgeschobene K. wurde bei der Einreise befragt und erhielt die Auflage, sich an seine Heimatort bei einer Geheimdienststelle zu melden. Dort wurde er inhaftiert und nach Damaskus überstellt. Ihm wurde vorgeworfen, „falsche Nachrichten über den syrischen Staat im Ausland“ verbreitet zu haben, was nach syrischem Recht mit mindestens 6 Monaten Haft bestraft wird. Das Auswärtige Amt gibt an, dass eine Haftstrafe von 2 bis 3 Jahren als realistisch erachtet werden müsse. Hintergrund des Vorwurfs: K. hatte in Deutschland an einer Demonstration gegen das Deutsch-Syrische Rückübernahmeabkommen teilgenommen. Daraus geht hervor, dass der syrische Geheimdienst auch in Deutschland intensiv tätig ist, und dass Rückkehrer, die sich in Deutschland politisch geäußert haben, massiv gefährdet sind.

Ad-hoc Ergänzungsbericht des Auswärtigen Amtes, März 2010

Der Ad-hoc Lagebericht stellt Fällen von aus Deutschland nach Syrien abgeschobenen Personen dar, die nach der Rückkehr verhaftet wurden – in vielen Fällen aufgrund „illegaler Ausreise“. Die Personen wurden, wie aus dem Lagebericht hervorgeht, intensiv von den Geheimdiensten verhört und damit ganz offensichtlich einem hohen Folterrisiko ausgesetzt. Ob es zu Misshandlungen kam, wird vom Lagebericht nicht thematisiert.

Der Bericht schildert vor allem den Fortgang des Falles von K., der bereits im Ad-hoc-Ergänzungsbericht von Dezember 2009 thematisiert wurde. Der Bericht stellt dar, dass K. im Januar 2010 gegen Kaution entlassen wurde und wieder aus Syrien floh, und dass er „von Misshandlungen und Schlägen durch syrische Behördenmitarbeiter während seiner Haft“ berichtet hat. 

Amnesty International: It breaks the Human (8/2016)

Der Bericht von 2016 geht unter anderem auch auf Folter vor 2011 ein: „Torture and other ill-treatment have been used by the Syrian authorities to quell dissent for decades. It was particularly widespread in the 1980s and the early 1990s when the government was headed by Hafez al-Assad, father of current Syrian President, Bashar al-Assad. Arrests and torture and other ill- treatment of suspected opponents of the government were then, as they are now, mostly carried out by Syria’s four intelligence services, Air Force Intelligence, Military Intelligence, Political Security and General Intelligence (also referred to as State Security), as well as the Military Police. In a 1987 report, Amnesty International documented 38 different methods of torture and other ill-treatment practised by the Syrian security forces.“

https://www.refworld.org/docid/57b8681e4.html

Berichte von Amnesty International vor 2011:

Sämtliche Jahresberichte von Amnesty International vor 2011 dokumentieren Folter, oft mit Todesfolge, sowie die Praxis des Verschwinden-Lassens. 

https://www.amnesty.de/jahresbericht/2010/syrien

https://www.amnesty.de/jahresbericht/2009/syrien

https://www.amnesty.org/download/Documents/POL100012008ENGLISH.PDF

Einzelne Fälle mit Bezug zu Deutschland:

Syrer nach Abschiebung aus Deutschland gefoltert (2008)

Ein 24-jähriger Syrer, der im September 2008 ausgewiesen und nach Syrien abgeschoben wurde, ist dort in der Folge inhaftiert und gefoltert worden. Nachdem ihm die erneute Flucht nach Deutschland gelang, hat dieses Faktum das Verwaltungsgericht Wiesbaden in einem Urteil vom 13. Januar 2011 festgestellt und weitere Abschiebungsversuche untersagt. Das Gericht war im Eilverfahren angerufen worden, da die Ausländerbehörde dem jungen Syrer gedroht hatte, ihn erneut abzuschieben. Der Behörde war bekannt, dass er nach der Abschiebung in Syrien inhaftiert worden war. Das Verwaltungsgericht hat auf vielen Seiten des Urteils Details der erlittenen Folter dargestellt und die entsprechenden Angaben des Gefolterten für glaubhaft gehalten.

http://archiv.proasyl.de/de/presse/presse-archiv/presse-detail/news/syrer_nach_abschiebung_gefoltert

Fall Ismail Abdi (2010-2011): Bei Ausreise aus Syrien festgenommen

Der Deutsch-Syrer Ismail Abdi wird im August 2010 nach einem Besuch bei seiner Familie von syrischen Sicherheitskräften an der Ausreise gehindert, unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert und vor allem psychologisch unter Druck gesetzt, unter anderem durch wiederholte Androhung von Folter. Grund ist offenbar sein Einsatz in einer deutsch-syrischen Menschenrechtsinitiative. Nach seiner Haftentlassung im März 2011 darf er Syrien nicht verlassen. Erst im August 2011 kann er nach Deutschland zurückkehren. 

https://fluechtlingsrat-bw.de/files/Dateien/Dokumente/INFOS%20-%20Publikationen/Rundbrief/2012-3/rb12-3_26-27.pdf

https://www.gfbv.de/de/informieren/kampagnen/abgeschlossene-kampagnen/syrien-ismail-abdi-ist-frei

Fall Ferhad Ibrahim (2004 / 2006): Folter aufgrund falscher Anschuldigungen

Der syrische Kurde Ferhad Ibrahim wurde 2004 während seines Militärdiensts beschuldigt, in Proteste gegen das Assad-Regime verwickelt gewesen zu sein und Anschläge geplant zu haben, bei Verhören wird er gefoltert. Anschließend wird er in eine Strafkompagnie verlegt, die unter Lebensgefahr Minen an der Israelischen Grenze verlegen muss und wird dort verletzt. 2006 wurde er aufgrund einer Verwechslung im Libanon festgenommen und anschließend den syrischen Behörden übergeben, die ihn eine Woche lang folterten. Nachdem seine Familie Schmiergelder zahlt, kommt er frei, wird aber weiter schikaniert und flieht über Umwege nach Deutschland. 

https://www.proasyl.de/wp-content/uploads/2015/12/PRO_ASYl_Flyer_Schutz_ist_wie_ein_Geschenk_2011.pdf

Fall Mohammed Haydar Zammar: Von der CIA nach Syrien verschleppt, gefoltert, vom BND verhört: 

Der deutsche Islamist Mohammed Haydar Zammar, der mit den Attentätern des 11. Septembers 2011 in Kontakt stand, wurde lange von deutschen Behörden observiert. Als Zammar 2001 nach Marokko fliegt, wird er von der CIA mit Hilfe von Informationen der deutschen Dienste nach Syrien verschleppt und dort gefoltert. 2002 wurde er in syrischer Haft von Mitarbeitern des BND und des BKA verhört. Um die Kooperation zu ermöglichen haben deutsche Behörden einen Prozess gegen syrische Agenten platzen lassen. Zammar kommt 2013 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen der islamistischen Miliz „Ahrar ash-Sham“ und dem Assad-Regime frei.

https://www.sueddeutsche.de/politik/hamburger-islamist-zammar-verschleppt-verhaftet-ausgetauscht-1.1901694

Fall Anuar Naso: Als Minderjähriger aus Deutschland nach Syrien abgeschoben und dort misshandelt

Anuar Naso wird 2011 als 15jähriger mit seinem Vater aus Deutschland nach Syrien abgeschoben. Dort werden beide inhaftiert und misshandelt. Nach erneuter Flucht strandet Anuar Naso in Bulgarien, sein Vater landet dort in Haft. Erst nach zwei Jahren darf er zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren.

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2013/06/SZ03062013.pdf

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2013/06/HAZ-03062013.pdf

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2013/06/HAZ-03062013_Interview.pdf

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2012/07/SZ-Artikel-26-07-2012.pdf

Fall Hussein Dauud: Schwere Folter nach Abschiebung aus Deutschland

Hussein Dauud wurde im Jahr 2000 aus Deutschland nach Syrien abgeschoben, dort festgenommen und massiv gefoltert, zwei Jahre bleibt er in Haft. Unter anderem wird ihm vorgeworfen, in Deutschland an Protesten gegen die syrische Regierung teilgenommen zu haben. Nach seiner Freilassung wird er weiter von den Geheimdiensten drangsaliert, zum Militärdienst gezwungen und mit einem Ausreiseverbot belegt. Erst 2010 gelingt im die Flucht nach Deutschland, wo er schließlich als Flüchtlings anerkannt wird.

https://www.nds-fluerat.org/6732/aktuelles/syrischer-fluechtling-hussein-d-abgeschoben-gefoltert-anerkannt/

https://taz.de/Portraet-ueber-den-verfolgten-syrischen-Kurden-Hussein-Dauud/!5104255/

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2011/09/BAMF-Bescheid-anonymisiert.pdf

2. Verfolgung kann in Syrien jeden treffen

»Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.« Das ist die Logik des Regimes. Die Kriterien der Sicherheitsdienste, wer als Feind zu betrachten ist, sind zahlreich und komplex und erfassen einen großen Teil der syrischen Bevölkerung. Schon wer auch nur gegen das Regime sein könnte, kann festgenommen, gefoltert und getötet werden.

Aufgrund der hochgradigen Willkür der Sicherheitsdienste und regimeloyalen Milizen ist letztendlich niemand vor Verfolgung sicher. Das gilt insbesondere für RückkehrerInnen. Es gibt zahlreiche belegte Fälle von RückkehrerInnen, die von Sicherheitsdiensten des Regimes festgenommen und gefoltert wurden und teils in Haft verschwunden sind.

2.1 Überwachung und gezielte Verfolgung

Syrien ist ein ausgeprägter Überwachungsstaat. Die Geheimdienste unterhalten große Informanten-Netzwerke und überwachen die Kommunikation der BürgerInnen. Geheimdienste sowie regimeloyale Milizen kontrollieren auf den Straßen mit fest eingerichteten sowie mobilen Checkpoints und führen Tür-zu-Tür-Kontrollen durch. Dabei überprüfen die Sicherheitskräfte mit Hilfe von Laptops und Bar-Code-Scannern die IDs von Personen, die ihnen verdächtig erscheinen. Sie prüfen dabei unter anderem, ob die kontrollierten Personen auf einer Fahndungsliste stehen.

„Durch den langsamen Rückgang der Kampfhandlungen steigt auch der Einfluss und Zugriff der Sicherheitsbehörden und Geheimdienste wieder.“

Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018, S. 23

Laut Lagebericht des Auswärtigen Amtes (11/2018) gelten 1,5 Millionen SyrerInnen als offiziell gesucht, andere Quellen sprechen von 3 Millionen Namen auf den Fahndungslisten des Regimes.  

Besonders intensiv überwacht werden Bevölkerungsteile aus den ehemals oppositionell kontrollierten Gebieten. Wenn sie mit Personen im Ausland oder in Landesteilen jenseits der Regimekontrolle kommunizieren, müssen sie fürchten, sich verdächtig zu machen. Die große Angst der in Regime-Gebieten lebenden Menschen vor Repressionen erschwert die Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen in diesen Regionen erheblich.

Auch in Deutschland überwachen syrische Geheimdienste Syrerinnen und Syrer. Dies geht aus mehreren Fällen hervor, in denen aus Deutschland abgeschobene oder zurückgekehrte Personen in Syrien wegen politischer Aktivitäten in Deutschland festgenommen und gefoltert wurden. (Siehe Kapitel 2.3)

2.1.1 Quellen zu Überwachung und gezielter Verfolgung

PAX: Siege Watch #10 part 1 / Tenth Quarterly Report Part 1 – Eastern Ghouta February–April 2018 (6/2018)

PAX beschreibt Überwachungsmaßnahmen und massive Befragungen jener Menschen, die nach der Eroberung Ost-Ghoutas in der Region blieben: „A number of displaced Siege Watch contacts had spoken to relatives or friends who stayed behind in Eastern Ghouta since the surrender. These calls were risky for the people who stayed, and they were able to have only brief, stilted conversations, because the mere fact that such a phone call occurred might be enough to draw unwanted attention from government intelligence services. These contacts said that their families in Eastern Ghouta were interrogated in their own homes as soldiers looted their belongings. They were asked if they had loved ones who were sent to the north, and if so, what were their names; leaving people afraid of future retribution if their displaced loved ones names were on one of the government’s lists. Interrogation questions have focused intensively on determining the names of people who took photos and videos of the aftermath of chemical attacks launched during the final offensive.“

https://www.paxforpeace.nl/publications/all-publications/siege-watch-10-part-1

Needa: Leaks reveal list prepared by the Syrian regime for 3 million persons inside and outside the country (8/2018)

https://nedaa-sy.com/en/news/7626

Atlantic Council: Breaking Ghouta (9/2018)

„Those who remained behind are under the constant surveillance of the Syrian security state and endure daily humiliations, arrests, forcible recruitment into the armed forces, and restrictions on their freedom of movement.“

http://www.publications.atlanticcouncil.org/breakingghouta/post-reconciliation/

Finish Immigration Service Fakta: Fact-Finding-Mission to Beirut and Damascus, April 2018 (12/2018) S.38

Der Finish Immigration Service beschriebt Überwachungsmaßnahmen wie etwa die zahlreichen Checkpoints sowie die Spitzelinfrastruktur des Regimes: „The Syrian government has lists of people it perceives to be opposing it in one way or another. The authorities could have obtained the names of these people in the beginning of the uprising or during the war or from detained people under duress.270 Also, there can be people who act as informants and provide names for the government. These people go to the government authorities after reconciliation and tell them the identities of the alleged activists or supporters of the AOGs [Armed Opposition Groups]. The Syrian government has a good capacity to monitor telephones and social media. It is possible that through monitoring it can include people on the lists of wanted people.“ Der Bericht enthält eine Liste mit Profilen, die der Recherche des Finish Immigration Service zufolge besonders von Verfolgung bedroht sind wie etwa zivile AktivstInnen.

https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Syria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.pdf

Syria Justice and Accountability Centre (SJAC): Walls Have Ears – An Analysis of Classified Syrian Security Sector Documents (4/2019)

Anhand von umfangreichen Dokumenten syrischer Sicherheitsdienste, die von SJAC und von Commission for International Justice and Accountability (CIJA) in Syrien geborgen werden konnten, analysiert SJAC Muster des syrischen Überwachungsstaats.

https://syriaaccountability.org/wp-content/uploads/Walls-Have-Ears-English.pdf

Zaman al Wasl: Second Batch of Assad’s Wanted-list Released (3/2018)

https://en.zamanalwsl.net/news/article/33732

2.2 Willkür der Verfolgung

Die Verfolgungshandlungen des Assad-Regimes sind durch ein hohes Maß an Willkür gekennzeichnet. Jede Person, die auch nur verdächtigt wird, dem Regime gegenüber illoyal gesinnt zu sein, kann Opfer von Verfolgungshandlungen werden – von Schikanen und Übergriffen an Checkpoints über willkürliche Inhaftierung, Folter, Verschwinden-Lassen bis hin zur Tötung.

Der Verdacht, dem Regime ablehnend gegenüberzustehen, kann sich etwa auf den Herkunftsort, auf eine bestimmte Nachbarschaft, auf die Zugehörigkeit zu einer konfessionellen oder ethnischen Gruppe oder zu einem bestimmten Milieu, zu einer Familie, auf Bekanntschaften mit anderen Verdächtigen, auf Denunziationen durch Informanten oder auf andere Faktoren stützen, die für die Betroffenen selbst in vielen Fällen intransparent sind.

Die weitgehende Unberechenbarkeit von Verfolgungshandlungen wird unter anderem dadurch bedingt, dass der Repressionsapparat sich aus vielen unterschiedlichen Akteuren zusammensetzt, die teils mit großer Unabhängigkeit agieren und eigenen Interessen nachgehen. Auch Menschen, die sich subjektiv nicht als Gegner des Regimes betrachten, können daher Opfer von Verfolgung werden. Das trifft insbesondere auf RückkehrerInnen zu.

2.2.1 Quellen zur Willkür der Verfolgung

Lagebericht des Auswärtigen Amtes (11/2018)

Der Lagebericht (11/2018) verweist auf die Praxis der Sippenhaft: „[Es] sind zahllose Fälle dokumentiert, bei denen einzelne Familienmitglieder, nicht selten Frauen oder Kinder, für vom Regime als feindlich angesehene Aktivitäten anderer Familienmitglieder inhaftiert und gefoltert werden. Solche Sippenhaft wird Berichten zufolge in einigen Fällen auch angewendet, wenn vom Regime als feindlich angesehene Personen Zuflucht im Ausland gesucht haben. Ferner sind Fälle bekannt, bei denen diese Sippenhaft bereits bei bloßem Verdacht auf mögliche Annäherung an die Opposition angewandt wird.“ (Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018, S.17)

UNHCR-Erwägungen zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen (11/2017)

Laut UNHCR ist es “typisch (…) für den Konflikt in Syrien (…), dass die verschiedenen Konfliktparteien oftmals größeren Personengruppen, einschließlich Familien, Stämmen, religiösen bzw. ethnischen Gruppen sowie ganzen Städten, Dörfern und Wohngebieten, aufgrund ihrer Verbindungen eine politische Meinung unterstellen” und sie aufgrund dieser Unterstellungen verfolgen.

https://is.gd/UNHCR_Erw_Nov17

Kein eindeutiges Gewaltmonopol (Div. Quellen)

Zum Repressionsapparat gehören neben den Geheimdiensten zahlreiche regimeloyale Milizen –  lokale syrische Milizen, iranisch finanzierte Milizen wie z.b. die afghanisch-schiitische Fatemiyoun-Miliz oder die libanesische Hizbollah, irakisch-schiitische Milizen, russische Truppen, russische Militärpolizei und Söldner-Unternehmen wie die russische Wagner-Gruppe. Einem Teil der Milizen werden neben Kriegsverbrechen auch Plünderungen, Entführungen, Schmuggel und andere kriminelle Machenschaften zum Zwecke der eigenen Bereicherung vorgeworfen. Viele Beobachter diagnostizieren eine Warlordisierung oder Feudalisierung Syriens und damit einhergehend einen Souveränitätsverlust des Staates. Es ist daher auch in den vom Assad-Regime gehaltenen Regionen nur in begrenzter Hinsicht von einem Gewaltmonopol des Staates auszugehen. 

Im Lagebericht (11/2018) heißt es dazu: „Übergriffe durch nicht-staatliche Akteure haben stark zugenommen. Dabei handelte es sich zunächst vor allem um Übergriffe regimetreuer Milizen, bei denen der Übergang zwischen politischem Auftrag, militärischen bzw. polizeilichen Aufgaben und mafiösem Geschäftsgebaren fließend ist.“

ZivilistInnen in Syrien sehen sich daher auch innerhalb der regimekontrollierten Landesteile der Willkür unterschiedlicher regimeloyaler Bewaffneter ausgesetzt. Auch wenn das Assad-Regime in der Vergangenheit in einzelnen Fällen regimeloyale Bewaffnete für Vergehen wie etwa Plünderungen bestrafte, ist der syrische Staat nicht in der Lage, seiner Schutzverantwortung gegenüber der Zivilbevölkerung zuverlässig nachzukommen.

„Ferner überlagern sich die Verhaftungskampagnen des Regimes mit Schutzgelderpressungen und anderen Formen der Kriegsökonomie.“ (Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018, S.17)

EASO: COI Meeting 11+12/2017: https://is.gd/EASO_COI_MEETING 

USDOS: Country Report 2017: https://is.gd/USDOS_2017_Syria

Spiegel, 25.01.2019: https://is.gd/8A0vSk

Der Spiegel 8.3.2017: https://is.gd/tDAijR

Business Insider, 18.8.2018: https://is.gd/OVGRzD

Chatham House 7/2017 https://is.gd/eEcxyX

Middle East Institute 13.7.2017: https://is.gd/pcr9Qt

SFH: Zwangsrekrutierung 3/2017, S.3: https://is.gd/AX0DAK

War on the Rocks, 22.11.2017: https://is.gd/0WoMR9

Siehe zur Frage der „Warlordisierung“ Kapitel 8.6

Amnesty International: ‚It Breaks the Human‘: Torture, Disease and Death in Syria’s Prisons (8/2016)

„Amnesty International’s research since the beginning of the crisis in 2011 indicates that anyone who could be perceived to be opposing the government is at risk of being arbitrarily detained or forcibly disappeared and subjected to torture and other ill-treatment and possibly death in custody. Grounds for arrest on suspicion of opposing the government vary and can include peaceful activism, such as being a human rights defender, journalist or other media worker, providing humanitarian or medical support to civilians in need or having been involved in organizing or attending pro-reform demonstrations. Having a relative who is wanted by the security forces or being “reported” by an informer, including reports that are motivated by financial profit or personal grievances, can also lead to arrest. Majd, an accountant and photographer who spoke to Amnesty International about his experience in detention, explained: “Most people were detained solely because of what informers had said about them. The informer’s report was considered a reality, and you needed to confess to that.”

„Grounds for arrest on suspicion of opposing the government are often extremely flimsy and can include having provided humanitarian support to those displaced by the conflict, or being “reported” to a member of the security forces by an informer.“

https://www.refworld.org/docid/57b8681e4.html

Finish Immigration Service Fakta: Fact-Finding-Mission to Beirut and Damascus, April 2018 (12/2018)

Der Finish Immigration Service listet Profile auf von Personen, die typischerweise vom Assad-Regime gesucht werden. Der Auflistung ist vorangestellt, dass letztlich aber alle Menschen auf den Fahndungslisten des Regimes landen können: „All in all, ending up being wanted by the government might be based on a wide variety of reasons, all of which are not necessarily listed below. Ending up being wanted can also be completely arbitrary.“

„People can check their status and whether they are wanted or not by the government from the central database that is in use in Syria. If one’s name is not on the list of wanted people, however, it is not a 100 % guarantee that one is not wanted by the government.“

„Many people do not know if they are wanted by the government. The authorities do not notify the person who is being wanted and one can be wanted by the government without knowing it. OHCHR has documented some incidents where individuals were informed that their names did not appear on government wanted lists, but they were detained anyway. Some people have expressed concern that different security services might have their own lists, so information that a person may not appear on a particular list may not be a guarantee that the name doesn’t appear on another services list.“

https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Syria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.pdf

Amnesty International: Gutachten für das VG Magedburg (9/2018)

„Jeder, der vermeintlich Kritik an der Regierung äußert, läuft Gefahr, verhaftet und gefoltert oder gar getötet zu werden. Dabei reicht es aus, verdächtigt zu werden, die Regierung abzulehnen etwa durch Leisten medizinischer oder humanitärer Hilfe. Ebenso kann die Verwandtschaft zu gesuchten Personen oder die bloße Anschuldigung, man habe sich regimekritisch geäußert, zu einer Festnahme führen. Auch persönliche oder finanzielle Motive koönnen dabei Grund einer solchen Anschuldigung sein.“[…] Amnesty International weist zusammenfassend darauf hin, dass es für die syrischen Regierungsbehörden keiner stichhaltigen Beweise bedarf, dass eine Person regierungskritisch gesinnt ist. Festnahmen, und somit auch die Gefahr der Misshandlung bis hin zu Folter und Todesgefahr bestehen bereits für Personen, die aus einem der oben genannten Gründe verdächtigt werden, in Verbindung zur Opposition zu stehen.“ 

https://is.gd/AI_Gutachten_VG_MAgd_Sep18

Amnesty International: Gutachten für das VGH Hessen (9/2018)

Amnesty International weist “insbesondere auf den hohen Grad der in Syrien vorherrschenden Willkür staatlichen Handelns” hin, dass “das Verhalten der Sicherheitsbehörden, wie bei Befragungen oder Inhaftierungen, charakterisiert.” “Willkürliche Verdächtigungen und Generalverdacht gegen bestimmte Personengruppen sind zentrale Bestandteile der Praxis syrischer Sicherheitsbehörden und müssen somit bei jeder Gefahreneinschätzung eines Einzelfalls mitbedacht werden.”

https://is.gd/AI_Gutachte_VHG_Hessen_Sep18

Stiftung Wissenschaft und Politik (Muriel Asseburg): Perspektiven für Flüchtlinge statt Anreize zur Rückkehr nach Syrien (4/2019)

„Selbst wenn zum Zeitpunkt der Flucht aus Syrien keine politische Verfolgung vorlag: Menschen, die aus Oppositionsgegenden stammen, werden als Verräter, Oppositionelle oder Terroristen gesehen. Im Sommer 2017 betonte Präsident Baschar al-Assad die in seinen Augen positiven Effekte von Krieg, Flucht und Vertreibung: Syrien sei nun eine homogenere und gesündere Gesellschaft. Auch drohen Regimerepräsentanten damit, dass drei Millionen geflüchtete Syrerinnen und Syrer auf den Fahndungslisten des Geheimdienstes stünden und bei Rückkehr mit Konsequenzen zu rechnen hätten. Informationen der Behörden, ob Personen gesucht werden oder nicht, sind nicht zuverlässig. Willkürliche Verhaftungen und das Verschwindenlassen durch Regimekräfte, aber auch durch die kurdische PYD und jihadistische Gruppierungen dauern fort. Überdies werden nach wie vor Männer im Alter von 18-42 Jahren zwangsrekrutiert. Nicht zuletzt hat der UNHCR keinen ausreichenden Zugang zu allen Landesteilen, um die Sicherheit und Versorgung von Rückkehrenden zu gewährleisten.“

https://www.swp-berlin.org/kurz-gesagt/2019/perspektiven-fuer-fluechtlinge-statt-anreize-zur-rueckkehr-nach-syrien/

Chatham House: Understanding the characteristics of the new emerging state in Syria (6/2019)

Der Analyst Haid Haid zeigt auf, dass das Regime in manchen Teilen das Landes, die es wieder eingenomen hat, nur begrenzt Kontrolle ausüben kann und von einem eindeutigen Gewaltmonopols des Staates nicht überall ausgegangen werden kann – vor allem aufgrund der Präsenz verschiedener regime-loyaler Milizen und iranischer und russischer Truppen.

https://syria.chathamhouse.org/research/understanding-the-characteristics-of-the-new-emerging-state-in-syria

Syrians for Truth and Justice: Homs: Children/Students Arrested for Unknown Reasons (3/2019)

https://stj-sy.org/en/1212/

Financial Times: Climate of Fear deters Syrian refugees from returning home (7/2019)

Die Financial Times berichtet über einen Rückkehrer, der Opfer von Zwangsrekrutierung wurde und Korruption und Willkür anprangert: „If someone is annoyed with you, they write a report to the intelligence and then you will disappear.“

https://www.ft.com/content/630b11f8-9d9a-11e9-b8ce-8b459ed04726

2.3 Rückkehrergefährdung

Zahlreiche Quellen bestätigen, dass RückkehrerInnen am Flughafen, an Checkpoints oder auch nach ihrer Rückkehr systematisch von den Geheimdiensten befragt werden. Syrischen Flüchtlingen und Asylsuchenden droht bei Rückkehr erhebliche Gefahr, im Rahmen solcher Befragungen verdächtigt zu werden, das Assad-Regime abzulehnen und daher Opfer willkürlicher Inhaftierung, von Folter und Verschwinden-Lassen zu werden.

Dies gilt insbesondere für Personen, die sich im Ausland regimekritisch geäußert haben, da das syrische Regime Exil-Communities bespitzelt – auch in Deutschland. Ebenso sind Wehrdienstentzieher und Deserteure massiv gefährdet. Darüberhinaus können RückkehrerInnen aber auch aus ihnen selbst nicht transparenten Gründen oder bloßer Willkür Opfer von Verfolgung werden.

2.3.1 Quellen zum Thema Rückkehrergefährdung

Lagebericht des Auswärtigen Amtes (11/2018)

Der Lagebericht von November 2018 geht an mehreren Stellen auf die Gefährdung von RückehrerInnen ein:

„Innerhalb der besonders regimenahen Sicherheitsbehörden, aber auch in Teilen der vom Konflikt und der extremen Polarisierung geprägten Bevölkerung gelten Rückkehrer als Feiglinge und Fahnenflüchtige, schlimmstenfalls sogar als Verräter bzw. Anhänger von Terroristen“ (S.21).

Der Bericht hält fest, dass es „weiterhin zahlreiche Berichte [gibt] über eine systematische, politisch motivierte Sicherheitsüberprüfung jedes Rückkehrwilligen, Ablehnung zahlreicher Rückkehrwilliger sowie Verletzung von im Rahmen lokaler Rückkehrinitiativen getroffener Vereinbarungen (Einzug in den Militärdienst, Verhaftung).“

Dem Auswärtigen Amt sind „Fälle bekannt, bei denen Rückkehrer nach Syrien befragt, zeitweilig inhaftiert wurden oder dauerhaft „verschwunden“ sind.“ Immer wieder seien Rückkehrer, vor allem solche, die als oppositionell oder regimekritisch erachtet werden, erneuter Vertreibung, Sanktionen bzw. Repressionen, bis hin zu Gefährdung für Leib und Leben ausgesetzt. Dies gelte insbesondere für Gebiete unter Regimekontrolle.“ (S. 23)

Asyl.net: Informationen zur Rechtssprechung (2/2017)

Es ist in der Rechtssprechung umstritten, ob allen nach Syrien zurückkehrenden oder abgeschobenen Flüchtlingen allein schon aufgrund der Tatsache, dass sie Syrien verlassen haben und/oder einen Asylantrag gestellt haben, vom Assad-Regime eine oppositionelle Gesinnung unterstellt wird, und ihnen eine daran kausal anknüpfende Verfolgung droht. Diese für die Erteilung des Flüchtlingsschutzes nach der Genfer Flüchtlingskonvention ausschlaggebende Frage wird von deutschen Gerichten unterschiedlich beurteilt. Informationen zur Rechtssprechungen finden sich auf Asyl.net.

https://www.asyl.net/view/detail/News/erste-ovg-entscheidungen-zum-schutzstatus-von-asylsuchenden-aus-syrien-veroeffentlicht/

Schweizer Flüchtlingshilfe: Syrien: Rückkehr – Auskunft der SFH-Länderanalyse (3/2017)

Die Schweizer Flüchtlingshilfe hat im Rahmen einer Auswertung zahlreicher Quellen dargelegt, dass Rückkehrer systematisch von den Geheimdiensten befragt werden. Das Fazit lautet: “Jede rückkehrende Person ist gefährdet. Prinzipiell muss davon ausgegangen werden, dass jede Person, die nach Syrien zurückkehrt, verhaftet und misshandelt werden kann.“

https://is.gd/SFH_Rueckkehr

Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation (ACCORD) (8/2018)

“Personen, deren Profil irgendeinen Verdacht erregt, (…) sind Berichten zufolge dem Risiko einer längeren incommunicado Haft und Folter ausgesetzt. Es wird berichtet, dass für Rückkehrer außerdem das Risiko besteht, inhaftiert zu werden, weil Familienmitglieder von den Behörden gesucht werden, weil sie ihren Militärdienst nicht geleistet haben, weil sie aus einem Gebiet stammen, das sich unter der Kontrolle der Opposition befindet, oder weil sie aufgrund ihrer konservativen Kleidung als religiös wahrgenommen werden. Andere werden, wie berichtet wird, ohne bestimmten Grund entsprechend der weit verbreiteten Willkür und des Machtmissbrauchs durch Sicherheitsbeamte inhaftiert und misshandelt.” ACCORD weist darauf hin dass das Inhaftierungsrisiko nicht nur unmittelbar bei Kontrollen im Zuge der Einreise, sondern auch nach der ersten Einreise weiterhin bestehen kann.

https://is.gd/ACCORD_Aug18

Die Zeit: Was Rückkehrern in Assads Syrien droht (8/2018)

https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-08/krieg-syrien-rueckkehr-fluechtlinge-wladimir-putin-angela-merkel

Amnesty International: Gutachten für das VGH Hessen (9/2018) 

 “Jeder, der sich im Ausland politisch engagiert oder geäußert hat, muss damit rechnen zur Zielscheibe des auch im Ausland aktiven syrischen Geheimdienstes zu werden.” Informationen von Amnesty International zufolge “besteht auch in Deutschland eine Überwachung von politisch aktiven Syrern durch vor Ort operierende syrische Geheimdienste, die einen engen Kontakt zur syrischen Botschaft pflegen und über ein breites Agentennetz verfügen. Aufgrund der Überwachung im Ausland, müssen in Deutschland lebende Zielpersonen bei einem Besuch in Syrien mit Festnahmen, Verhören und Misshandlungen rechnen.”

Amnesty International liegen zahlreiche Berichte darüber vor, “dass Kontrollen an Grenzübergängen an Flughäfen, Landesgrenzen und innersyrischen Kontrollpunkten oftmals mit Übergriffen und Festnahmen verbunden sind.  Personen, die inhaftiert werden, müssen befürchten, Übergriffen ausgesetzt zu sein, bis hin zu Verschwindenlassen, Folter und möglichem Tod in Haft.”

https://is.gd/AI_Gutachte_VHG_Hessen_Sep18

Weltbank-Studie: The Mobility of Displaced Syrians: An Economic and Social Analysis (2/2019)

Die Studie der Weltbank analysiert anhand von Daten des UNHCR, warum Flüchtlinge aus den Nachbarländern Syriens nach Syrien zurückkehren bzw. was sie davon abhält. Der Studie zufolge spielt die Sorge der syrischen Bevölkerung vor Verfolgung und fehlender Rechtsstaatlichkeit eine zentrale Rolle in der allgemeinen Einschätzung zur potentiellen Rückkehr. Willkürliche Gewalt seitens des Regimes sei der wichtigste Faktor, der Geflüchtete von der Rückkher abhält. Die Abwesenheit von Kampfhandlungen stelle dagegen keinen Auslöser für die Rückkehr dar, wenngleich die Einstellung gewaltsamer Auseinandersetzungen förderlich für potentielle Rückkehrbewegungen sei. Verschiedene andere Faktoren, wie z.B. wirtschaftliche Lage, Zugang zu Eigentum und Land, Vorhandensein grundlegender Dienstleistungen im Heimatland spielen ebenfalls eine gewichtige Rolle.

https://www.worldbank.org/en/country/syria/publication/the-mobility-of-displaced-syrians-an-economic-and-social-analysis

Washington Post: Assad urged Syrian refugees to come home. Many are being welcomed with arrest and interrogation. (6/2019)

https://www.washingtonpost.com/world/assad-urged-syrian-refugees-to-come-home-many-are-being-welcomed-with-arrest-and-interrogation/2019/06/02/54bd696a-7bea-11e9-b1f3-b233fe5811ef_story.html

Financial Times: Climate of Fear deters Syrian refugees from returning home (7/2019)

https://www.ft.com/content/630b11f8-9d9a-11e9-b8ce-8b459ed04726

SNHR: The Syrian Regime Continues to Pose a Violent Barbaric Threat and Syrian Refugees Should Never Return to Syria (8/2019)

Im Berichtszeitraum Januar 2014 bis August 2019 hat das Syrische Netzwerk für Menschenrechte (SNHR) 1.916 Fälle willkürlicher Inhaftierungen von Personen dokumentiert, die aus dem Ausland nach Syrien zurückgekehrt sind, darunter 219 Minderjährige und 157 Frauen. 1.132 der Inhaftierten seien wieder freigelassen worden, 784 seien weiterhin inhaftiert, 638 davon seien Opfer von „Verschwinden-Lassen“. 15 der Inhaftierten seien unter Folter gestorben. Elf der Todesopfer waren RückkeherInnen aus dem Libanon. SNHR betont, dass von den 1.132 aus der Haft entlassenen Personen ein Teil später nochmals inhaftiert wurde und/oder zwangsrekurtiert wurde. Die meisten Betroffenen seien direkt an Grenzübergängen von den Geheimdiensten festgenommen worden.

Der Bericht betont, dass die meisten Rückkehrer vor der Rückkehr eine syrische Botschaft oder ein Konsulat kontaktiert hätten, um eine Taswiya zu erhalten – ein Dokument, dass ihnen Unbescholtenheit bescheinigt – bzw. dass sie nicht auf einer Fahndungsliste stehen. In manchen Fällen – insbesondere bei Deserteuren – komme es vor, dass dieses Dokument und damit faktisch die Rückkehr verweigert werde. In vielen Fällen erhielten jedoch Personen ein solches Dokument, würden aber dann dennoch Opfer von willkürlicher Inhaftierung, Folter und Verschwinden-Lassen. Grund sei, dass die syrischen Geheimdienste unterschiedliche Fahndungslisten führten und eine Sicherheitsgarantie eines Dienstes nicht vor der Festnahme durch einen anderen Geheimdienst schütze. Diese Praxis habe nach SNHR Methode, sie beträfe hunderte der dukomentierten Fälle. SNHR betont daher, dass Sicherheitsgarantien des Regimes nicht vertrauenswürdig seien.

SNHR hat im selben Berichtszeitraum zudem Fälle von Binnenvertriebenen (IDPs) dokumentiert, die im Zuge ihrer Rückkehr in ihre Herkunftsorte inhaftiert wurden – SNHR berichtet in diesem Kontext von 426 Festahmen, von denen 119 freigelassen wurden und 184 in HAft verschwunden sind, zwei starben unter Folter.

Rückkehrbewegungen sind laut SNHR seit 2014 zu beobachten – aufgrund der schwierigen bis katastrophalen Lebensbedingungen von Geflüchteten in den Nachbarstaaten Syriens. Zur Zahl der Rückgekehrten insgesamt gibt es dem Bericht zufolge keine belastbaren Angaben. Der Bericht geht davon aus, dass bislang nur sechs Prozent der Geflüchteten aus dem Libanon zurückgekehrt sind und nur zwei Prozent aus Jordanien. Es gebe unter Geflüchteten kein Vertrauen gegenüber dem Assad-Regime und seinen Verbündeten.

„Niemand kann voraussagen, was einem Flüchtling widerfahren wird, der nach Syrien zurückkehren will. Vielleicht wird ihm die Einreise erlaubt. Vielleicht wird er nach einer gewissen Zeit ohne jede Erklärung verhaftet, wie es typisch ist für die syrischen Geheimdienste, und er verschwindet später, und vielleicht erhalten wir später die Information, dass er unter Folter starb. Es ist unmöglich herauszufinden, ob ein Flüchtling von allen Sicherheitsdiensten gesucht wird – das ist ein komplizierter Prozess, der viel Geld verschlingt. Der syrische Staat ist unter dem aktuellen Regime ein Mafia-Staat, und wir warnen Geflüchtete vor den Risiken der Rückkehr und rufen alle Staaten auf, das internationale Recht zu wahren und niemanden nach Syrien abzuschieben“.
Fadel Abdul Ghany, Chairman of the Syrian Network for Human Rights (SNHR)

http://sn4hr.org/wp-content/pdf/english/The_Syrian_regime_continues_to_pose_a_severe_barbaric_threat_and_Syrian_refugees_should_never_return_to_Syria_en.pdf

HRW: Syrians Deported by Lebanon Arrested at Home (9/2019)

Human Rights Watch berichtet über drei Personen, die Opfer völkerrechtswidriger Abschiebungen aus dem Libanon wurden und die anschließend in Syrien inhaftiert wurden, eine Person wurde offenbar Opfer von Verschwinden-Lassen.

https://www.hrw.org/news/2019/09/02/syrians-deported-lebanon-arrested-home

2.3.2 Öffentlich dokumentierte Fälle nach 2011

Foreign Policy: Rückehrer aus Deutschland „verschwunden“ (2/2019):

Nach einem Bericht von Foreign Policy sind zwei aus Deutschland zurückgekehrte syrische Füchtlinge bei ihrer Rückkehr von Sicherheitskräften des Regimes festgenommen worden und sind seither „verschwunden“. Mindestens eine der Personen hatte Rückkehrhilfen der Bundesregierung erhalten. 

https://foreignpolicy.com/2019/02/06/a-deadly-welcome-awaits-syrias-returning-refugees/

https://www.asyl.net/view/detail/News/berichte-ueber-verschwinden-syrischer-rueckkehrer

https://www.medico.de/blog/starthilfe-in-den-tod-17309

https://adoptrevolution.org/was-droht-gefluechteten-bei-rueckkehr-nach-syrien/

The National: Rückkehrer aus dem Libanon getötet (11/2018)

Der libanesischen Regierung liegen Berichte vor, nach denen mindestens 20 aus dem Libanon nach Syrien rückgekehrte Flüchtlinge in Syrien von regimeloyalen Kräften getötet wurden.

https://is.gd/nZo8DS

Recherchen der Irish Times (12/2017 und 3/2018)

Im März 2018 berichtete die Irish Times über vier Fälle von Geflüchteten, die unter anderem aus Europa nach Syrien zurückgekehrt waren und dort inhaftiert und getötet wurden. Der Irish Times liegen zudem Berichte vor über Verhaftungen von Personen, die aus Idlib in regimekontrollierte Regionen zurückkehrten. 

https://is.gd/OAj2PS

https://is.gd/5164HI

Majd Kamalmaz: US-Bürger inhaftiert und verschwunden (1/2019)

Im Februar 2017 verschwand der syrischstämmige US-Amerikaner Majd Kamalmaz bei einem Besuch in Damaskus, nachdem er an einem Checkpoint verhaftet worden war. Kamalmaz hatte zuvor zusichernde Auskünfte eingeholt, dass er sicher nach Syrien reisen könne, er galt nicht als Regimegegner.[1]  

https://is.gd/M8d9Zi

https://is.gd/2TPdv5

NPR: Thousands Of Refugees Returning To Syria End Up Detained, Imprisoned, Tortured (6/2019)

NPR beschreibt einen Fall eines Syrers, der in Syrien nach der Rückkehr aus dem Libanon festgenommenen wurde, obwohl er offenbareine Sicherheitsüberprüfung und entsprechende Zusicherungen des Regimes erhalten hatte (Taswiya).

https://www.npr.org/2019/06/24/735510371/thousands-of-refugees-returning-to-syria-end-up-detained-imprisoned-tortured?t=1561448118502

SNHR: The Syrian Regime Continues to Pose a Violent Barbaric Threat and Syrian Refugees Should Never Return to Syria (8/2019)

Im Berichtszeitraum Januar 2014 bis August 2019 hat das Syrische Netzwerk für Menschenrechte (SNHR) 1.916 Fälle willkürlicher Inhaftierungen von Personen dokumentiert, die aus dem Ausland nach Syrien zurückgekehrt sind, darunter 219 Minderjährige und 157 Frauen. 1.132 der Inhaftierten seien wieder freigelassen worden, 784 seien weiterhin inhaftiert, 638 davon seien Opfer von „Verschwinden-Lassen“. 15 der Inhaftierten seien unter Folter gestorben. Elf der Todesopfer waren RückkeherInnen aus dem Libanon. SNHR betont, dass von den 1.132 aus der Haft entlassenen Personen ein Teil später nochmals inhaftiert wurde und/oder zwangsrekurtiert wurde. Die meisten Betroffenen seien direkt an Grenzübergängen von den Geheimdiensten festgenommen worden.

http://sn4hr.org/wp-content/pdf/english/The_Syrian_regime_continues_to_pose_a_severe_barbaric_threat_and_Syrian_refugees_should_never_return_to_Syria_en.pdf

HRW: Syrians Deported by Lebanon Arrested at Home (9/2019)

Human Rights Watch berichtet über drei Personen, die Opfer völkerrechtswidriger Abschiebungen aus dem Libanon wurden und die anschließend in Syrien inhaftiert wurden, eine Person wurde offenbar Opfer von Verschwinden-Lassen.

https://www.hrw.org/news/2019/09/02/syrians-deported-lebanon-arrested-home


2.3.3 Inhaftierung von Abgeschobenen vor 2011

2008 schlossen Deutschland und das Assad-Regime ein Rücknahmeübereinkommen, um ausreisepflichtige SyrerInnen effektiver abschieben zu können. Politischer Hintergrund waren unter anderem weitreichende geheimdienstliche Kooperationen zwischen Deutschland und Syrien zur Terrorismus- und zur Fluchtbekämpfung.

In den Folgejahren kam es bis 2011 immer wieder zu Fällen, in denen aus Deutschland abgeschobene SyrerInnen in Syrien verhaftet und teilweise auch gefoltert wurden (vgl. Kapitel 1 unter „Folter vor 2011“).

Quellen: Ad-Hoc-Lagebericht (12/2019) u. a.

Ein Ad-hoc-Lagebericht des Auswärtigen Amtes bestätigte am 28. Dezember 2009 drei Inhaftierungsfälle. Einer der Betroffenen wurde nach seiner Abschiebung wegen unterstellter »Verbreitung falscher Nachrichten über den syrischen Staat im Ausland« angeklagt. Er hatte in Deutschland an einer Demonstration gegen das deutsch-syrische Rückübernahmeabkommen teilgenommen und war dabei in Deutschland vom syrischen Geheimdienst identifiziert worden.

Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage geht hervor, dass 2009 und 2010 von 73 abgeschobenen Personen 14 Personen inhaftiert wurden. 

https://www.proasyl.de/wp-content/uploads/2011/05/Vetrag_mit_Folteren.pdf

http://www.taz.de/!5154617

https://www.asyl.net/rsdb/m18322

http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/17/033/1703365.pdf

Fall Hussein Dauud: Schwere Folter nach Abschiebung aus Deutschland

Hussein Dauud wurde im Jahr 2000 aus Deutschland nach Syrien abgeschoben, dort festgenommen und massiv gefoltert, zwei Jahre bleibt er in Haft. Unter anderem wird ihm vorgeworfen, in Deutschland an Protesten gegen die syrische Regierung teilgenommen zu haben. Nach seiner Freilassung wird er weiter von den Geheimdiensten drangsaliert, zum Militärdienst gezwungen und mit einem Ausreiseverbot belegt. Erst 2010 gelingt im die Flucht nach Deutschland, wo er schließlich als Flüchtlings anerkannt wird.

https://www.nds-fluerat.org/6732/aktuelles/syrischer-fluechtling-hussein-d-abgeschoben-gefoltert-anerkannt/

https://taz.de/Portraet-ueber-den-verfolgten-syrischen-Kurden-Hussein-Dauud/!5104255/

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2011/09/BAMF-Bescheid-anonymisiert.pdf

Fall Anuar Naso: Als Minderjähriger aus Deutschland nach Syrien abgeschoben und dort misshandelt

Anuar Naso wird 2011 als 15jähriger mit seinem Vater aus Deutschland nach Syrien abgeschoben. Dort werden beide inhaftiert und misshandelt. Nach erneuter Flucht strandet Anuar Naso in Bulgarien, sein Vater landet dort in Haft. Erst nach zwei Jahren darf er zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren.

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2013/06/SZ03062013.pdf

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2013/06/HAZ-03062013.pdf

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2013/06/HAZ-03062013_Interview.pdf

https://www.nds-fluerat.org/wp-content/uploads/2012/07/SZ-Artikel-26-07-2012.pdf

Syrer nach Abschiebung aus Deutschland gefoltert (2008)

Ein 24-jähriger Syrer, der im September 2008 ausgewiesen und nach Syrien abgeschoben wurde, ist dort in der Folge inhaftiert und gefoltert worden. Nachdem ihm die erneute Flucht nach Deutschland gelang, hat dieses Faktum das Verwaltungsgericht Wiesbaden in einem Urteil vom 13. Januar 2011 festgestellt und weitere Abschiebungsversuche untersagt. Das Gericht war im Eilverfahren angerufen worden, da die Ausländerbehörde dem jungen Syrer gedroht hatte, ihn erneut abzuschieben. Der Behörde war bekannt, dass er nach der Abschiebung in Syrien inhaftiert worden war. Das Verwaltungsgericht hat auf vielen Seiten des Urteils Details der erlittenen Folter dargestellt und die entsprechenden Angaben des Gefolterten für glaubhaft gehalten.

http://archiv.proasyl.de/de/presse/presse-archiv/presse-detail/news/syrer_nach_abschiebung_gefoltert

Fall Ismail Abdi (2010-2011): Nach Familienbesuch bei Ausreise aus Syrien festgenommen

Der Deutsch-Syrer Ismail Abdi wird im August 2010 nach einem Besuch bei seiner Familie von syrischen Sicherheitskräften an der Ausreise gehindert, unter menschenunwürdigen Bedingungen inhaftiert und vor allem psychologisch unter Druck gesetzt, unter anderem durch wiederholte Androhung von Folter. Grund ist offenbar sein Einsatz in einer deutsch-syrischen Menschenrechtsinitiative. Nach seiner Haftentlassung im März 2011 darf er Syrien nicht verlassen. Erst im August 2011 kann er nach Deutschland zurückkehren. 

https://fluechtlingsrat-bw.de/files/Dateien/Dokumente/INFOS%20-%20Publikationen/Rundbrief/2012-3/rb12-3_26-27.pdf

https://www.gfbv.de/de/informieren/kampagnen/abgeschlossene-kampagnen/syrien-ismail-abdi-ist-frei

3. Das Assad-Regime lässt Zehntausende Menschen verschwinden

Willkürliche Inhaftierungen und die Praxis des Verschwinden-Lassens („enforced dissapearance“) gehören zum Standard-Repertoire des syrischen Repressionsapparats. In einem großen Teil der Fälle werden die Opfer willkürlicher Inhaftierung über Wochen, Monate oder Jahre in offiziellen oder inoffiziellen Haftanstalten festgehalten, ohne das ihre Angehörigen über ihren Verbleib erfahren. Diese Praxis terrorisiert nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern ihr familiäres und soziales Umfeld.

Schätzungen zufolge sind aktuell noch 80.000 bis 100.000 Menschen „verschwunden“. In vielen Fällen erfahren die Angehörigen erst Jahre später, dass ihre inhaftierten Angehörigen längst zu Tode gefoltert, an den Haftbedingungen gestorben oder  hingerichtet worden sind (Siehe Kapitel 4.). Willkürliche Festnahmen und auch die Praxis des Verschwinden-Lassens dauern weiter an.

3.1 Zahlen zum Thema willkürliche Inhaftierung und Verschwundene

Die Anzahl der Verschwundenen geht aus Dokumentationen syrischer Menschenrechtsorganisationen hervor – die allerdings lückenhaft sind: Aufgrund der Angst vor Repressionen schweigen viele Familien über ihre vermissten Angehörigen. Die syrische Regierung macht keine belastbaren Angaben zu inhaftierten Personen.

Es ist davon auszugehen, dass mehrere Zehntausend Menschen – vermutlich deutlich über Hunderttausend Menschen – in Syrien während des Konflikts Opfer von willkürlicher Inhaftierung und/oder Verschwinden-Lassens wurden und dass noch immer Zehntausende „verschwunden“ sind.

Syrian Network for Human Rights (SNHR)

Das Syrian Network for Human Rights (SNHR) dokumentiert laufend Fälle willkürlicher Inhaftierungen und von „Verschwinden-Lassen“ aller Kriegsparteien. Der überwiegende Teil der Verschwunden und Inhaftierten geht auf das Konto des Assad-Regimes. Zum Zeitpunkt März 2019 geht es von über 127.900 Menschen aus, die vom Regime willkürlich inhaftiert sind oder Opfer von Verschwinden-Lassen durch das Assad-Regime sind. Zum Zeitpunkt August 2018 geht SNHR von 81.652 Menschen aus, die in den Händen des Regimes „verschwunden“ sind.

SNHR veröffentlicht monatlich Berichte über willkürliche Verhaftungen und Verschwinden-Lassen. Diese zeigen, dass die Praxis der willkürlichen Verhaftungen und des Verschwinden-Lassens im ersten Halbjahr 2019 andauert:

http://sn4hr.org/blog/category/report/monthly-reports/detainees-and-enforced-disappearances-monthly-reports/

Amnesty International

Amnesty International schätzte im Juli 2018, dass seit Beginn des Konflikts in Syrien mindestens 82.000 Menschen Opfer von „Verschwinden-Lassen“ wurden.

https://www.ecoi.net/de/dokument/1439569.html

Violations Documentation Center

Die Datenbank des Violations Documentation Centers enthält im Mai 2019 66.900 Namen von Personen, die von Angehörigen als inhaftiert gemeldet wurden sowie 2800 Namen von Personen, die als vermisst gemeldet wurden. 

http://www.vdc-sy.info/index.php/en/detainees

http://www.vdc-sy.info/index.php/en/missing/

Syrian Observatory for Human Rights: Amid continued international silence and Russia’s false guarantees, the Syrian regime arrests more than 3600 people since April 2018, amid unknown fate and fears for their lives (6/2019)

Der Bericht geht davon aus, dass im Zeitraum April bis Juni 3600 Menschen Opfer von willkürlicher Inhaftierung und Verschwinden-Lassen durch das Assad-Regime wurden. 1200 Menschen seien nach Verhören freigelasen worden, 2400 seien noch inhaftiert, ihnen drohe Folter und Verschwinden-Lassen.

http://www.syriahr.com/en/?p=130225

SNHR: At least 2,460 Cases of Arbitrary Arrests Documented in Syria in the First Half of 2019 (7/2019)

http://sn4hr.org/wp-content/pdf/english/At_least_2460_Cases_of_Arbitrary_Arrests_Documented_in_Syria_in_the_First_Half_of_2019_en.pdf

SNHR: At least 589 Cases of Arbitrary Arrests Documented in Syria in July 2019 (8/2019)

Von den 589 Fällen wurden 296 Individuen, darunter 16 Kinder und acht Frauen, von Regime- oder regimeloyalen Kräften festgenommen. 213 dieser 296 Fälle wurden von SNHR als „Verschwinden-Lassen“ kategorisiert. Für 227 der 598 Fälle willkürlicher Verhaftung bzw. Verschwinden-Lassen sind laut SNHR PYD bzw. SDF/YPG verantwortlich.

http://sn4hr.org/wp-content/pdf/english/At_least_589_cases_of_arbitrary_arrests_in_Syria_in_July_2019_en.pdf

3.2 Quellen zum Thema willkürliche Inhaftierung und Verschwundene

Lagebericht des Auswärtigen Amtes (11/2018)

Laut Lagebericht sind seit Beginn des Aufstands im März 2011 „unzählige Fälle“ von willkürlicher Verhaftung, Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren, und Verschwindenlassen belegt. (S.8). Willkürliche Verhaftungen gingen von Polizei, Geheimdiensten und staatlich organisierten Milizen aus. „In wenigen Fällen erfolgt nach einiger Zeit die Überstellung der Festgenommenen von den Geheimdiensten an eine reguläre Haftanstalt und die Justiz. Ab diesem Punkt haben Familienangehörige und Anwälte in der Regel Zugang zu den betroffenen Personen“, so er Bericht. In „vielen anderen Fällen“ blieben die Personen jedoch „verschwunden“. Seit März 2011 sei den Angehörigen in einer Reihe von belegten Fällen von den beteiligten Sicherheitsdiensten nur noch die Leiche der festgenommenen Person übergeben worden. (S.9)

HRW: Torture Archipelago – Arbitrary Arrests, Torture, and Enforced Disappearances in Syria’s Underground Prisons since March 2011 (7/2012)

Bericht von Human Rights Watch über willkürliche Inhaftierungen und Verschwinden-Lassens zu Beginn des Konflikts:

https://www.hrw.org/sites/default/files/reports/syria0712webwcover_0.pdf

UN Human Rights Council: „Without a trace – enforced disappearances in Syria“ (12/2013)

Der Bericht der von den Vereinten Nationen eingerichteten Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission zu Syrien beschreibt das Muster des Verschwinden-Lassens, die Intentionen des Regimes und die Auswirkungen auf die Opfer und deren Familien. „Investigations uncovered a consistent country-wide pattern in which people – mainly adult males – have been seized by the Syrian security and armed forces, as well as by pro-Government militias, during mass arrests, house searches, at checkpoints and in hospitals. In some instances, the disappearances appeared to have a punitive element, targeting family members of defectors, activists, fighters as well as those believed to be providing medical care to the opposition.“

https://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/CoISyria/ThematicPaperEDInSyria.pdf

Amnesty International Jahresbericht 2017/18

“Die Sicherheitskräfte hielten 2017 nach wie vor Tausende Menschen ohne Anklageerhebung und Gerichtsverfahren über lange Zeit in Haft. Viele von ihnen waren unter Bedingungen inhaftiert, die den Tatbestand des Verschwindenlassens erfüllten. Es gab weiterhin keine Informationen über das Schicksal und den Aufenthaltsort Zehntausender Menschen, die seit Ausbruch des Konflikts im Jahr 2011 von Regierungskräften inhaftiert worden waren und seitdem „verschwunden“ sind. Unter ihnen befanden sich friedliche Regierungskritiker und -gegner sowie Familienangehörige, die anstelle ihrer von den Behörden gesuchten Angehörigen inhaftiert worden waren.”

https://is.gd/AI_JB1718

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (1/2019)

„Civilians in areas recently retaken by pro-government forces similarly suffered from a general absence of the rule of law, including in eastern Ghouta (Rif Dimashq) and Dar’a. As with areas under the control of armed groups and Hay’at Tahrir al-Sham terrorists, arbitrary detention and enforced disappearance were perpetrated with impunity. Detentions were used by government forces as a form of both retaliation and intelligence gathering.“

„Upon securing control over Duma (Rif Dimashq), Dar’a and northern Homs government forces engendered a climate of fear through a campaign of arbitrary arrests and detention. Indeed, while arbitrary detention throughout the Syrian Arab Republic continues to be perpetrated by all parties on the ground, the phenomenon has been most pervasive since 2011 in areas under government influence. During the reporting period, activists, civil defence volunteers, conscript deserters, recent returnees and others generally perceived to be opposition supporters were the most likely to be detained arbitrarily. Women with familial ties to opposition fighters or defectors were similarly detained for intelligence-gathering purposes or retribution.“

http://undocs.org/en/A/HRC/40/70

Amnesty International: Human Rights in the Middle East and North Africa: Review of 2018 (2/2019)

„Syrian security forces held thousands of detainees without trial, often in conditions that amounted to enforced disappearance. Tens of thousands of people remained disappeared, the majority since 2011. They included peaceful activists, humanitarian workers, lawyers, journalists, peaceful critics and government opponents as well as individuals detained in place of relatives wanted by the authorities.“

https://www.ecoi.net/en/file/local/2003684/MDE2499032019ENGLISH.pdf

Amnesty, HRW and others: „Syria: Tell Families of Missing the Fate of Loved Ones“ (5/2019) 

Im Mai 2019 richteten sich zahlreiche internationale und syrische Menschenrechtsinitiativen mit einem gemeinsamen Aufruf an das Regime und die Öffentlichkeit:

https://www.amnesty.org/en/latest/news/2019/05/syria-tell-families-of-missing-the-fate-of-loved-ones/

HRW: Syria: Detention, Harassment in Retaken Areas (5/2019)

Dokumentation von Fällen willkürlicher Inhaftierungen, Verschwinden-Lassen und Übergriffen in vom Assad-Regime zurückeroberten Gebieten Daraa, Süd-Damaskus und Ost-Ghouta.

https://www.hrw.org/news/2019/05/21/syria-detention-harassment-retaken-areas

4. Das Regime begeht Massenmord an Inhaftierten

Zahlreiche Quellen belegen, dass in den Hafteinrichtungen der syrischen Regierung seit 2011 Zehntausende Menschen durch Hinrichtungen, Folter, verweigerte medizinische Hilfe und Nahrungs- und Wasserentzug getötet wurden. Es ist davon auszugehen, dass diese Tötungen bis heute andauern.

„Gefangene werden auf engstem Raum zusammengepfercht, Leichen mitunter erst nach Tagen weggeräumt, medizinische Versorgung besteht kaum, und hygienische Zustände sind furchtbar.“

Lagebericht des Auswärtigen Amtes 11/2018, S.18
4.1 Quellen zu Tötungen in Haft

Die Caesar-Fotos

Im August 2013 schmuggelte ein Militärfotograf mit dem Decknamen „Caesar“ 53.275 Fotos aus Syrien. Die Bilder gelten als einer der wichtigsten Beweise für die Massentötungen von Gefangenen in den Gefängnissen des Regimes. “Ceasar” hatte als Militärfotograf seit 2011 die Aufgabe, Leichen von Menschen zu dokumentieren, die in Haft oder nach ihrer Überstellung aus einem Gefängnis in einem Militärkrankenhaus gestorben sind bzw. getötet wurden. Die Bilder zeigen mindestens 6.700 getötete Gefangene. Die meisten Leichen weisen Spuren von schwerster Unterernährung, brutalen Schlägen, Strangulation und anderen Folter- und Tötungsmethoden auf. Die Bilder wurden von den UN sowie von HRW und anderen Organisationen untersucht. Offenbar war Ziel der Fotodokumentation, die Ausführung von Befehlen zu dokumentieren. Sie belegen mutmaßlich von der syrischen Regierung beauftragte systematische Folter und systematische Tötungen.

Siehe UN Ceasar Letter 4/2014: https://is.gd/z2ekOF 

HRW 12/2015: https://is.gd/pwS9rJ

ECCHR 9/2017: https://is.gd/iV3zNn

Lagebericht des Auswärtigen Amtes (11/2018)

Nach dem Lagebricht des Auswärtigen Amtes sind „unzählige Fälle“ von „Folter und Tötung im Gewahrsam“ sowie Mordanschlägen belegt.“ (S.8) Der Bericht bestätigt, dass in vielen Fällen Angehörige nur die Leichen der Inhaftierten zurückerhalten.

UN – Untersuchungskommission zu Syrien: Out of Sight, Out of Mind – Deaths in Detention in the Syrian Arab Republic (2/2016)

Die UN-Untersuchungskommission (COI) hat wiederholt über die Praxis des Verschwindenlassens, systematische Folter und massenhafte Tötungen in Haft durch das Assad Regime berichtet. Der Bericht Out of Sight, Out of Mind: stellt die Taten detailliert dar, beschreibt zahlreiche Einzelfälle und beurteilt die Taten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit:

„Detainees held by the Government were beaten to death, or died as a result of injuries sustained due to torture. Others perished as a consequence of inhuman living conditions. The Government has committed the crimes against humanity of extermination, murder, rape or other forms of sexual violence, torture, imprisonment, enforced disappearance and other inhuman acts.“

Die UN-Untersuchungskommission (COI) geht angesichts der Einheitlichkeit der von zahlreichen Quellen beschriebenen Haftbedingungen davon aus, dass die katastrophalen Haftbedingungen nicht als Versagen, sondern als Maßnahme der Regierung anzusehen sind:

„[…] it is apparent that the Government authorities administering prisons and detention centres were aware that deaths on a massive scale were occurring. The accumulated custodial deaths were brought about by inflicting life conditions in a calculated awareness that such conditions would cause mass deaths of detainees in the ordinary course of events, and occurred in the pursuance of a State policy to attack a civilian population. There are reasonable grounds to believe that the conduct described amounts to extermination as a crime against humanity.“ 

Folter und Tötungen seien ebenso als politische Maßnahme anzusehen: „The acts were committed in pursuance of a policy to target civilians broadly perceived as associated with the opposition, evidenced by the systematic occurrence of crimes across geographic areas. The existence of a State policy is further demonstrated by the fact that significant State resources were employed in the commission of the crimes and the way in which numerous State institutions throughout the country actively participated and coordinated operations at various levels of the sequential conduct, during which custodial deaths and other crimes occurred. […]The role of State institutions, namely the intelligence agencies and armed forces, and their leadership in actively executing mass arrests, transfers of detainees, their ill treatment and torture, and subsequent issuance of death certificates to misrepresent the circumstances of death in an effort to conceal detainee abuse, demonstrate the existence of State policy and commonality of criminal purpose.“

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/A-HRC-31-CRP1_en.pdf

Amnesty International und Forensic Architecture: Inside Saydnaya: Syria’s Torture Prison (8/2016)

Amnesty International und Forensic Architecture haben anhand zahlreicher Zeugenaussagen ein digitales Modell des Saydnaya-Gefängnisses geschaffen:

https://saydnaya.amnesty.org

Amnesty International: “Human Slaughterhouse” (2/2017)

Im Bericht  “Human Slaughterhouse – Mass Hangings and Extermination at Saydnaya Prison” geht Amnesty International auf der Grundlage von Zeugenaussagen von Gefängnismitarbeitern und Inhaftierten davon aus, dass von September 2011 bis Dezember 2015 im Saydnaya-Gefängnis zwischen 5.000 und 13.000 Menschen hingerichtet wurden. Auf der Grundlage einer Datenanalyse schätzt die Human Rights Data Analysis Group, dass im Zeitraum März 2011 bis September 2015 insgesamt mindestens 17.723 Menschen in syrischen Gefängnissen getötet wurden. Das sind im Durchschnitt rund 300 Tote pro Monat. Laut Amnesty International gibt es keine Anhaltspunkte, dass die Tötungen beendet wurden.

https://www.amnesty.org/download/Documents/MDE2454152017ENGLISH.PDF

NYT: Syrian Crematory Is Hiding Mass Killings of Prisoners, U.S. Says (5/2017)

Die US-Regierung legte Bericht vor, nach denen es im Sednaya-Gefängniskomplex ein Krematorium zur Verbrennung der Leichen von Häftlinge gebe. Grundlage sind Interpretationen von Satellitenbildern. (Auch im Lagebericht des Auswärtigen Amtes von November 2018 wird erwähnt, dass die französische Regierung aufgrund nachrichtendienstlicher Erkenntnisse vermute, dass in Seydnaya ein Krematorium angelegt werde.)

https://www.nytimes.com/2017/05/15/world/middleeast/syria-assad-prison-crematory.html

NBC News: State Department: Assad’s Regime Built Crematorium to Burn Bodies of Executed Prisoners (5/2017)

https://www.nbcnews.com/news/us-news/state-department-assad-s-regime-built-crematorium-burn-bodies-executed-n759616

SNHR: Out of Sight (6/2018)

Das Syrian Network for Human Rights zählt in seinem Bericht “Out of Sight” im Zeitraum  März 2011 bis Juni 2018 “ 13.197 zu Tode gefolterte Menschen, darunter 167 Kinder und 59 Frauen. Für 99 Prozent der Opfer seien Sicherheitskräfte oder Verbündete des Regimes verantwortlich. Der Bericht geht davon aus, dass seit März 2011 insgesamt 121.829 Individuen willkürlich inhaftiert wurden, teilweise ohne Kontakt zur Außenwelt. Für 87 Prozent der Fälle sei das Regime verantwortlich.

http://sn4hr.org/wp-content/pdf/english/Out_of_sight_en.pdf

Washington Post: Syria’s once- teeming prison cells being emptied by mass murder (12/2018)

Die Washington Post berichtete am 23.12.2018, dass im Sednaya-Gefängnis zahlreiche Todesurteile verhängt und vollstreckt werden, um die Zahl der dort unter unmenschlichen Bedingungen inhaftierten politischen Gefangnenen zu reduzieren. Der Bericht stützt die auch Aussagen mehrerer Überlebender, der aus Sednaya frei kamen, sowie auf Satellitenbilder, die mutmaßliche Massengräber und offenbar im Gefängnishof liegende Leichen zeigen.

https://www.washingtonpost.com/graphics/2018/world/syria-bodies/?noredirect=on&utm_term=.02bc9936d112

Documenting the Death of 976 Individuals due to Torture in Syria in 2018 (1/2019)

Laut SNHR starben im Jahr 2018 insgesamt 976 Menschen durch Folter, 951 von ihnen durch das Assad-Regime, darunter auch 11 Kinder und zwei Frauen. Es gibt viele Anzeichen, dass die Praxis des Verschwindenlassens, der Folter und der Tötungen andauert.

http://sn4hr.org/blog/2019/01/02/52975/

NYT: (Anne Banard) Inside Syria’s Secret Torture Prisons: How Bashar al-Assad crushed Dissent (5/2019)

https://www.nytimes.com/2019/05/11/world/middleeast/syria-torture-prisons.html

The Nation: How One Man Survived Syria’s Gulag (5/2019)

https://www.thenation.com/article/how-one-man-survived-syrias-gulag/

The Syrian Observer / AL Modon: Hezbollah Arrests Them, and the Regime Executes Them (8/2019)

Der Syrian Obsevrer bzw. Al Modon berichtet über mehrere Verhaftungen, Todesurteile und Tötungen von Deserteuren.

https://syrianobserver.com/EN/news/52083/hezbollah-arrests-them-and-the-regime-executes-them.html

4.2 Häufung von Todesbenachrichtigungen ab 2018

Bereits im Januar 2018, vor allem aber im Mai und Juni 2018 aktualisierte die syrische Regierung die Zivilregister mit Daten der Geheimdienste und erklärte dabei Hunderte von Verschwundenen für tot. Dadurch erhielten Familien, die oft seit Langem nach ihren Angehörigen gesucht hatten, ohne Nachrichten über ihren Verbleib zu erhalten, plötzlich die Information, dass ihre verschleppten Angehörigen tot sind. Viele waren bereits vor Jahren oft relativ kurz nach ihrer Festnahme getötet worden. Wenn Totenscheine ausgestellt wurden, so verwiesen diese in der Regel auf natürliche Todesursachen wie etwa “Herzversagen”.

Syrians for Truth and Justice: Seeking Truth for Syria’s Disappeared (7/2018)

https://syriaaccountability.org/updates/2018/07/25/seeking-truth-for-syrias-disappeared/

Washington Post: Death notices for Syrian prisoners are suddenly piling up. It’s a sign Assad has won the war. (7/2018)

https://www.washingtonpost.com/world/death-notices-for-syrian-prisoners-are-suddenly-piling-up-its-a-sign-assads-won-the-war/2018/07/25/43ee2154-8930-11e8-8b20-60521f27434e_story.html

HRW, Amnesty International a.o.: To the Astana Working Group on Detentions and Abductions in the Syrian Conflict (8/2018)

https://www.ecoi.net/en/file/local/1442269/1226_1535979215_mde2490242018english.PDF

UN OHCHR: Report of the Secretary-General (9/2018) S.5 Pt. 19

https://www.ecoi.net/en/file/local/1444197/1226_1537959201_n1828671.pdf

UN Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (9/2018) S. 18 Pt. 99

https://www.ecoi.net/en/file/local/1443546/1930_1537263792_g1824615.pdf

Center on International Cooperation (NYU): Tackling the Impunity Gap in Syria – Detainees and Disappearances (9/2018)

https://cic.nyu.edu/sites/default/files/megally_tackling_the_impunity_gap_in_syria_detainees_and_disappearances_final_sept_12_2018.pdf

UN Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (IIIM): Death Notifications in the Syrian Arab Republic (11/2018)

https://adoptrevolution.org/wp-content/uploads/2019/06/INDEPENDENT-INTERNATIONAL-COMMISSION-OF-INQUIRY-ON-THE-SYRIAN-ARAB-REPUBLIC-27-NOVEMBER-2018-Death-Notifications-Syrian-Arab-Republic.pdf

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (1/2019)

„The Commission recalls that the scope and scale of arbitrary arrests and detention used by government forces as a tool of repression have led to the custodial deaths of thousands of Syrian civilians. In an unprecedented development, during the period under review, State entities provided government civil registry offices with information that thousands to tens of thousands of previously detained individuals were deceased. Civil registry offices in Hama, Ladhiqiyah, Hasakah and Damascus Governorates updated their civil status records accordingly to reflect the deaths. Most interviewees explained that the records they received at civil registry offices concerning their fathers, sons, brothers or spouses referred to natural causes of death, such as “heart attack” or “stroke”. Other detainees who perished shared common death dates, possibly indicating group executions. Families who did not obtain a death certificate were unable to move forward on related legal issues, including inheritance.“

http://undocs.org/en/A/HRC/40/70

HRW: World Report 2019 – Syria (1/2019)

„In July, the Syrian government updated civil registries to include death certificates for hundreds of individuals previously detained or disappeared by the government. The updates provided no specific details other than date and, occasionally, cause of death, and the government failed to provide the remains to the families. Meanwhile, the Syrian government continues to detain and mistreat individuals in areas under its control.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/2002172.html

Amnesty International: Human Rights in the Middle East and North Africa: Review of 2018 (2/2019)

„In May, the government disclosed the death of some of the disappeared by updating civil status records. For example, the relatives of brothers Yehya and Maen Sherbaji, who had received no information about their whereabouts or fate since they were forcibly disappeared in 2012, found out they were dead when the authorities updated the civil status records. In such cases, the authorities failed to provide the families with remains or information about the circumstances of the enforced disappearance and death.“

https://www.ecoi.net/en/file/local/2003684/MDE2499032019ENGLISH.pdf

Syrians for Truth and Justice: At least 700 death certificates delivered to the civil registry directorates in the province of Hama alone in early 2019 (6/2019)

https://stj-sy.org/en/new-notifications-declare-dead-hundreds-in-syrian-security-services-detention-facilities/

The Syrian Observer / AL Modon: Hezbollah Arrests Them, and the Regime Executes Them (8/2019)

„A source in eastern Qalamoun told Al-Modon that families of one of the prisoners in Saydnaya—a defected soldier—had received from the civil registry department in the town of al-Qutayfah in eastern Qalamoun a notification of the death of their son in the prison without clarifying the cause of death or handing over his body. The prisoner’s family tried to pay money through intermediaries to secure the hand over a body, but the regime refused, and then instructed them to hold a limited funeral for him.“

https://syrianobserver.com/EN/news/52083/hezbollah-arrests-them-and-the-regime-executes-them.html

5. Fast allen Männern droht Zwangsrekrutierung

Syrischen Männern fast jeden Alters droht Zwangsrekrutierung durch die syrische Armee oder regimeloyale Milizen. Wer sich dem Wehrdienst entzieht oder desertiert ist, dem drohen willkürliche Strafe, etwa Folter, sofortiger Fronteinsatz, Haft oder Hinrichtung.

Rekruten droht, dass sie gezwungen werden, sich an Kriegsverbrechen zu beteiligen. Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind Teil der militärischen Strategie des Assad-Regimes. Syrische Deserteure und Wehrdienstentzieher verletzen daher nicht „staatsbürgerliche Pflichten“ – sie weigern sich, in bewaffneten Einheiten zu dienen, die schwerste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen.

5.1 Mehr Informationen zum Thema Zwangsrekrutierung

Ein großer Teil der männlichen Bevölkerung Syriens ist auf der Flucht oder hält sich versteckt, um der Zwangsrekrutierung durch das Assad-Regime zu entgehen. Offiziell sind Männer im Alter von 18 bis 42 wehrpflichtig. Aufgrund der Willkür des Regimes können jedoch auch jüngere oder ältere Männer zur Armee oder in Milizen eingezogen werden. Der Wehrdienst ist seit 2011 faktisch unbefristet, so gut wie niemand wird offiziell aus der Armee entlassen.

Die syrischen Geheimdienste, die Armee und regimeloyale Milizen suchen an Checkpoints und bei Razzien nach Wehrdienstentziehern und Deserteuren. Werden Wehrdienstentzieher oder Deserteure gefasst, drohen ihnen Zwangsrekrutierung sowie willkürliche Strafen von Inhaftierung über Folter bis hin zur Hinrichtung. Es liegen auch Berichte vor, nach denen Wehrdienstentzieher ohne militärische Ausbildung direkt an die Front geschickt wurden. Angehörigen von Wehrdienstenziehern und Deserteuren droht, an deren statt inhaftiert und gefoltert zu werden.

Das Assad-Regime hat wiederholt Amnestien erlassen, um Wehrdienstentzieher und Deserteure zu motivieren, sich freiwillig zu stellen. Diese Amnestien bleiben jedoch größtenteils wirkungslos – unter anderem, weil es aufgrund der Willkür des syrischen Repressionsapparats den Betroffenen nicht garantiert werden kann, dass sie tatsächlich straffrei bleiben. Wehrdienstentziehung oder Desertion können als Indiz für Illoyalität gewertet werden, sodass den Betroffenen trotz Amnestie Verfolgung droht – mit allen potentiell tödlichen Konsequenzen. 

Die syrische Armee und die regimeloyalen Milizen begehen systematisch schwerste Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (vgl. Kapitel 9). Wehrdienstentziehung und Desertion von Syrern sind zwingend in diesem Kontext zu sehen: Wer versucht, dem syrischen Wehrdienst zu entgehen, verletzt nicht einfach nur „normale“ staatsbürgerliche Pflichten, sondern weigert sich, an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit teilzunehmen.

Syrische Wehrdienstentzieher und Deserteure haben Anerkennung dafür verdient, dass sie sich an den vom Assad-Regime verantworteten Verbrechen nicht beteiligen, und sie brauchen dringend Schutz. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte müsste dies hierzulande selbstverständlich sein. 

5.2 Quellen zum Thema Zwangsrekrutierung

Lagebericht des Auswärtigen Amtes (11/2018)

Laut Lagebericht gibt es „zahlreiche glaubhafte Berichte laut denen wehrpflichtige Männer, die auf den Einberufungsbescheid nicht reagieren, von Mitarbeitern der Geheimdienste abgeholt und zwangsrekrutiert werden. Junge Männer werden auch an Kontrollstellen verschleppt und zwangsrekrutiert.“ (S.24) Männer im wehrpflichtigen Alter würden vor die Wahl gestellt, an vorderster Front zu kämpfen oder sich den „für Plünderungen und Menschenrechtsvergehen berüchtigten Regimemilizen (National Defense Forces-NDF) anzuschließen.“

Syrische Armeeangehörige werden laut Lagebericht erschossen, gefoltert, geschlagen und inhaftiert, wenn sie Befehle nicht befolgen, neue Rekruten aus ehemaligen Oppositionsgebieten sollen in der Vergangenheit unmittelbar an die vorderste Front geschickt worden sein.

Der Lagebericht verweist zum Thema auf das Präsidialdekret Nr. 18/2018, das syrischen Deserteuren und Wehrdienstverweigerern im In- und Ausland Straffreiheit gewährt. Die Amnestie ist, wie der Lagebericht signalisiert, mit großer Skepsis zu betrachten. Von der Amnestie werden „Kriminelle“ sowie Personen, die auf Seite der bewaffneten Opposition gekämpft haben, ausgenommen. Vor dem Hintergrund der Willkür des Regimes haben viele Menschen kein Vertrauen auf die Wirksamkeit der Amnestie. Im Lagebericht heißt es: „Bereits zuvor wurden ähnliche Gesetze verabschiedet, diese blieben in der Umsetzung allerdings bislang wirkungslos.“ (S.12) Die Amnestie schütze zudem nur vor Strafverfolgung, nicht vor dem Einzug in die syrische Armee.

Ergänzend heißt es im Lagebericht: „Angesichts des Missbrauchs der Anti-Terror-Gesetze zur politischen Repression ist davon auszugehen, dass sie auch bei zurückkehrenden Wehrpflichtigen zur Anwendung kommen. So wird regelmäßig von Verhaftungen von und Anklagen gegen Rückkehrer gemäß der Anti-Terror-Gesetzgebung berichtet, wenn diesen Regimegegnerschaft unterstellt wird. Diese Berichte erscheinen glaubwürdig, können im Einzelfall aber nicht verifiziert werden.“ (S.12)

Schweizer Flüchtlingshilfe (SFH): Syrien: Zwangsrekrutierung, Wehrdienstentzug, Desertion – Auskunft der SFH-Länderanalyse (3/2017)

https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/mittlerer-osten-zentralasien/syrien/170323-syr-militaerdienst.pdf

Landinfo (Norwegian Country of Origin Information Centre): Syria: Reactions against deserters and draft evaders (1/2018) 

https://www.cgra.be/sites/default/files/rapporten/landinfo_report_syria._reactions_against_deserters_and_draft_evaders.pdf

European Asylum Support Office (EASO) COI Meeting Report / Syria 30 November & 1 December 2017 Valletta, Malta (3/2018)

Siehe insbesondere S.20 und S.39: 

https://www.ecoi.net/en/file/local/1427709/1226_1522073171_syria-coi-meeting-report-nov-dec-2017-published-march-2018.pdf

Finish Immigration Service Fakta: Fact-Finding-Mission to Beirut and Damascus, April 2018 (12/2018) S.6

Der Bericht geht anhand mehrere Quellen den Rekrutierungspraxen der syrischen Armee und den verschiedenen regimeloyalen Einheiten nach und den Optionen, die sich daraus für Wehrpflichtige ergeben. Laut diesem Bericht schätzen syrische Regierungskräfte im Rahmen der „Reconciliations“ auch Jungen im Alter von 15 oder 16 Jahren und Männer noch im Alter von 55 Jahren als „kampffähig“ ein und führen diese diese dem Rekrutierungsprozess zu. Zwangsrekrutierungen von Minderjährigen durch die syrische Armee werden jedoch nicht berichtet, allerdings freiwillige Rekrutierungen Minderjähriger durch regimeloyale Milizen.

Oft stehen Wehrpflichtige vor der Wahl, sich regimeloyalen (lokalen) Milizen anzuschließen oder in die reguäre Armee rekrutiert zu werden. Wer sich „freiwillig“ lokalen Milizen anschließt, kann unter Umständen darauf hoffen, nicht in umkämpften Gebieten eingesetzt zu werden. Dem Bericht zufolge gibt es allerdings keinen verlässlichen Schutz davor, in gefährlichen Regionen eingesetzt zu werden. Welche Optionen Wehrpflichtige haben, hängt von der Region, der Zugehörigkeit zu Minderheiten und zahleichen anderen Faktoren ab. Dies gilt auch für die Möglichkeiten, sich durch Bestechungsgelder vom Militärdienst freizukaufen oder durch Bestechung Priviliegien innerhalb des Militärdienstes zu erhalten.

Von Zwangsrekutierung in Verbindung mit Inhaftierung wird insbesondere gegenüber IDPs und Männern in vom Regime zurückeroberten Gebieten berichtet. Rekruten aus solchen Gebieten droht, dass sie ohne Ausbildung an die Front geschickt, in Todeskommandos gezwungen oder unmittelbar getötet werden: „Basically these people are being sent to the front lines to be killed.“

https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Syria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.pdf

6. „Versöhnung“ heißt Unterwerfung unter Willkürherrschaft

Mit „Versöhnungsabkommen“ und Amnestien will das Assad-Regime den Eindruck erwecken, es zeige Milde gegenüber seinen militärisch besiegten Gegnern, um den gesellschaftlichen Frieden wiederherzustellen. Doch weder Amnestien noch Versöhnungsabkommen bieten Schutz vor Verfolgung. Im Gegenteil: Ziel der “Versöhnung” im Sinne der Regierung ist die forcierte Kontrolle und Unterwerfung der BürgerInnen unter ihr Willkür-Regime.

Dass dem Assad-Regime wenig daran liegt, Geflüchtete in die Gesellschaft zu reintegrieren, zeigen auch eine Reihe von Maßnahmen, die Geflüchteten ihre Eigentumsrechte streitig machen und sie an der Rückkehr in ihre Heimatorte hindern. Die Wiederaufbaupläne des Regimes dienen nicht den Bedürfnissen der Geflüchteten, sondern dem Nepotismus des Regimes.

6.1 „Versöhnungsabkommen“ und Amnestien

Im Zuge der Rückeroberung der von oppositionellen Milizen gehaltenen Territorien verhandelte das Regime bzw. dessen russische Unterhändler in vielen Fällen lokale Abkommen mit den lokal vorherrschenden Milizen oder Repräsentanten der Communities aus. Diese Kapitulationsabkommen wurden von Region zu Region stark unterschiedlich gestaltet. Typischerweise sahen sie vor, dass Bewaffnete und ihre Angehörigen sowie ZivilistInnen, die nicht in die Hände des Regimes fallen wollten, in Bussen Richtung Norden fliehen konnten.

Oft sahen die Abkommen zudem vor, dass die in der Stadt oder Region verbleibende Bevölkerung zunächst von Zwangsrekrutierung und anderen Repressionen verschont bliebe. Typischerweise wurde vereinbart, dass zunächst die russische Militärpolizei die Kontrolle über die eingenommene Stadt oder Region übernimmt und erst nach einer Frist von meist sechs Monaten die Sicherheitskräfte des Regimes nachrücken. 

Diese lokalen “Versöhnungsabkommen” werden durch indiviuelle „Versöhnungsangebote“ ergänzt. Sie sehen vor, dass sich Individuen aus ehemals von oppositionell kontrollierten Territorien mit dem Assad-Regime “aussöhnen” können, wenn sie sich bei dessen Sicherheitskräften melden und ihre Loyalität gegenüber dem Regime bekunden. Als Bestätigung der „Versöhnung“ erhalten sie dann – unter Umständen – ein “Security-Approval” („Taswiya“).

Personen, die sich nicht um “Versöhnung” bemühen, weil sie fürchten, im Zuge der Prozedur von den Sicherheitsdienstens misshandelt, entführt oder getötet zu werden, sowie Personen, die kein Sicherheits-Approval erhalten, können z.B. Checkpoints nicht passieren und sind daher stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sie können in vielen Fällen keine Wohnung mieten, keine Immobilien kaufen oder verkaufen, können keine Eigentumsrechte geltend machen und bleiben vom Zugang zu Bildung oder anderen Gütern ausgeschlossen. 

Alle unabhängigen Berichte dokumentieren, dass sich das Regime weder an die kollektiven noch an die individuellen Versöhnungsabkommen hält bzw. aus diesen keinerlei Sicherheitsgarantien folgen. Immer wieder werden Menschen trotz Sicherheits-Approval Opfer schwerer Repressionen, etwa willkürlicher Festnahmen, Folter oder erniedrigender Behandlung und Verschwinden-Lassen.

6.1.1 Quellen zum Thema „Versöhnungsabkommen“

Bundestagsdrucksache 19/4421 Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage (9/2018)

In einer Antwort auf eine schriftliche Frage zu den Versöhnungsabkommen äußert die Bundesregierung, ihr lägen “Berichte von Organisationen aus zuletzt zurückeroberten Gebieten wie Daraa im südlichen Syrien und Ost-Ghouta nahe Damaskus vor, die die Verhaftungen sowie die Zwangsrekrutierung ehemaliger Oppositionskämpfer zum Inhalt haben. Diese Berichte stuft die Bundesregierung als grundsätzlich glaubhaft ein. Diese Praxis verstößt nach Kenntnis der Bundesregierung gegen Vereinbarungen die zwischen dem syrischen Regime und Mitgliedern der bewaffneten Opposition als Teil von sogenannten „Versöhnungsabkommen“ geschlossen wurden.” 

http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/19/044/1904421.pdf (S.60)

https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-bundesregierung-misstraut-baschar-al-assads-versoehnungsversprechen-a-1229927.html

European University Institute: Local Reconciliation Agreements in Syria – a non-starter for Peacebuilding (6/ 2017)

Ein Forschungsbericht mit dem Titel “Local Reconciliation Agreements in Syria – a non-starter for Peacebuilding” des European University Institutes, der Abkommen in den Jahren 2016 und 2017 untersucht, kommt zum Schluss, dass die “Versöhnungen” Teil der Strategie des Assad-Regimes und seiner russischen Verbündeten sind, strategisch bedeutsame Territorien zurückzuerobern, und dass diese die Konfliktursachen auf lange Sicht eher verstärken denn beheben. Als Hindernisse für eine echte Versöhnung erwähnt werden die Zwangsrekrutierungen, das Schickal der Tausenden Inhaftierten und Verschwundenen sowie Enteignungen.

http://cadmus.eui.eu/bitstream/handle/1814/46864/RSCAS_MED_RR_2017_01.pdf

Middle East Eye: The price of peace? How Damascus strikes deals with beaten rebels (9/2017)

Jonathan Steele kommt am Beispiel von Al Waer und Moadimiya zum Schluss, die Reconciliation-Agreements seien eine Art pragmatische Konfliktlösung, die letztlich vielen ehemaligen Rebellen und vielen ZivilistInnen zugute kämen. Seine Auffassung basiert allerdings auf Interviews, die unter Aufsicht des Regimes geführt wurden.

https://www.middleeasteye.net/big-story/price-peace-how-damascus-strikes-deals-beaten-rebels

Amnesty International: We leave or we die: Forced Displacement under Syrias „Reconciliation“-Agreements (11/2017)

Der Bericht beschreibt die Belagerung und die Bombardierungen der oppositionell kontrollierten Städte Daraya, Al Waer, Ost-Aleppo, Madaya und Zabadani und die anschließende Vertreibung großer Teile der Bevölkerung. Ebenso thematisiert er die Kriegsverbrechen von oppositionellen Milizen gegen die Städte Kefraya und Foua, deren Bevölkerung ebenfalls belagert und anschließend vertrieben wurde. Der Bericht kommt zum Schluss, dass die „Reconciliation-Deals“ tatsächlich als Vertreibungsmaßnahme und als Kriegsverbrechen zu sehen seien.

„Local agreements have increasingly become one of the Syrian government’s key strategies to force the opposition’s surrender. The agreements are presented by the government and its allies as a “reconciliation” effort, but, in reality, they come after prolonged unlawful sieges and bombardment and typically result not only in the evacuation of members of non-state armed groups but also in the mass displacement of civilians. In essence, the deals have enabled the government to reclaim control of territory by first starving and then removing inhabitants who rejected its rule. The population transfers on the now-infamous green buses have come to symbolise the dispossession and defeat.“

https://www.amnestyusa.org/wp-content/uploads/2017/11/We-leave-or-we-die_Syria-REPORT.pdf

EASO: EASO COI Meeting 11+12/2017 (3/2018)

Im Rahmen des Herkunftsländer-ExpertInnen-Meetings des European Asylum Support Office (EASO) zu Syrien wird über das Beispiel Al Tal im Norden Damaskus berichtet. Auch dort wurden die Zusagen des Regimes, auf Zwangsrekrutierungen zu verzichten, gebrochen.

https://www.ecoi.net/en/file/local/1427709/1226_1522073171_syria-coi-meeting-report-nov-dec-2017-published-march-2018.pdf (S.20)

PAX: Siege Watch 10. Part1 2-4/2018 (

Im Fall der Einnahme Ost-Ghoutas im März und April 2018 wurde seitens des Regimes und seiner russischen Unterhändler zugesagt, dass die Region in den ersten sechs Monate nach der Einnahme zunächst nur von russischer Militärpolizei kontrolliert werde und Zwangsrekrutierungen unterblieben. Nach einem Bericht von Pax sollen Schätzungen zufolge jedoch 9.000 Männer aus der Region, die entweder in Ost-Ghouta geblieben oder nach Damaskus geflohen waren, bis Juni 2018 zum Militärdienst gezwungen worden sein. Eingezogene aus “post-surrender communities” wie Ost-Ghouta würden an den Frontlinien als Kanonenfutter betrachtet. Alle, die im Kampf fielen, würden es der Regierung ersparen, sich in der Zukunft mit der Reintegration von Männern zu beschäftigen, die ihr gegenüber tief verwurzelte Ablehnung hegen. Pax berichtet über massive Überwachung der in Ost-Ghouta verbliebenen Bevölkerung, systematische Befragungen, Plünderungen und willkürliche Festnahmen. Im Zuge der Einnahme der Region durch das Assad-Regime im März 2018 kam es dem Bericht zufolge zu Erschiessungen von ZivilistInnen.

https://www.paxforpeace.nl/publications/all-publications/siege-watch-10-part-1 (S. 63ff)

UN (Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic): Sieges as a Weapon of War: Encircle, Starve, Surrender, Evacuate (5/2018)

In Ihrem Bericht “Sieges as a Weapon of War: Encircle, Starve, Surrender, Evacuate” (Mai 2018) beschreibt die UN-Untersuchungskommission die Versöhnungabkommen als integralen Bestandteil der Strategie des Assad-Regimes, von oppositionellen Milizen gehaltene Territorien zu belagern, auszuhungern, zur Aufgabe zu zwingen und anschließend zu evakuieren. Laut UN dienen die individuellen Versöhnungsabkommen den Regierungstruppen dazu, die Bevölkerung auf der Basis ihrer Loyalität zu kategorisieren. Einem Teil der Bevölkerung werde die “Versöhnung” verweigert. Dies treffe etwa medizinisches Personal, dass in oppositionellen Gebieten gearbeitet habe, zivilen Aktivisten und Angehörige von Kämpfern.

https://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/CoISyria/PolicyPaperSieges_29May2018.pdf (S.5) 

Atlantic Council: Breaking Ghouta (9/2018)

Atlantic Council berichtet über das Leben der Zivilbevölkerung im vom Assad-Regime im Frühjahr 2018 wieder eingenommenen Ost-Ghouta: „As in previous Syrian government sieges that ended in “reconciliation,” submission to the regime did not end the human rights abuses of local residents in eastern Ghouta. In the aftermath of the enclave’s gradual fall into government hands, the area witnessed the largest forced population transfer recorded throughout the Syrian civil war, a crime against humanity in and of itself,[1] which saw 66,369 people displaced from their homes in eastern Ghouta to the rebel-held north.[2] Those who remained behind are under the constant surveillance of the Syrian security state and endure daily humiliations, arrests, forcible recruitment into the armed forces, and restrictions on their freedom of movement.“

„»Reconciliation« is the term used by the Syrian government and its allies to describe deals between the opposition, those remaining in the area, and those being displaced. In some––not all–– cases, including in Ghouta, these agreements include guarantees for the safety of those choosing to remain in their homes under government control. The agreements call for unimpeded access to humanitarian organizations, and, in the case of Ghouta, the reconciliation included a six-month delay for recruitment of men of fighting age into the armed services. None of the points contained in the reconciliation agreements were upheld in eastern Ghouta.“

http://www.publications.atlanticcouncil.org/breakingghouta/post-reconciliation

Syria Direct: Life after reconciliation marred by arrests, broken promises as Syria’s southwest returns to government control (10/2018)

Aus der im Juli 2018 von Regime eingenommenen Region Daraa wird berichtet, dass das Regime die lokalen Versöhnungsabkommen bricht und individuelle Versöhnungsabkommen nutze, um die Bevölkerung zu kontrollieren. So können Personen, die keine individuelle “Versöhnung” – de fakto eine Statusklärung bei den Geheimdiensten – durchlaufen haben, sich nicht frei bewegen und bleiben von staatlichen Leistungen ausgeschlossen. Berichte sprechen von Festnahmen und dem Verschwinden-Lassen ehemaliger oppositioneller Kämpfer entgegen bisherigen Amnestie-Versprechen. Entgegen der Zusagen, dass lokale Kämpfer ihren Militärdienst in lokalen Verteidigungseinheiten absolvieren können, wurden offenbar etliche Männer zwangsrekrutiert und anderswo an die Front geschickt.

https://syriadirect.org/news/life-after-reconciliation-daraa-residents-grapple-with-opaque-political-process-as-key-pieces-of-agreement-falter

Finish Immigration Service Fakta: Fact-Finding-Mission to Beirut and Damascus, April 2018 (12/2018)

„Usually the reconciliation agreements state that the civilians should not face any consequences or infringements. However, according to Cambanis, in most of the cases that he has followed, after some time has passed there have been repercussions for the civilians if they did not leave the area. People have been arrested and then they have disappeared.“

„Three sources state that people might face repercussion after a certain period of time after the reconciliation process. According to Humanitarian Conflict Analyst the document mentioned above that the civilians, according to the source, had to sign and at the same time admit their guilt can be used at any time in a person’s life against him/her. The person could, for example, be detained and imprisoned on this basis. According to Researcher at Amnesty International because some people have to settle their status, it means that they can be detained because of this later on in life.431 Rami says that a person might face repercussions after some time. Even though the government would not accept an apology from an opposition fighter or an activist people could be put under surveillance for a long time. Rami claims that the government “will see if they can benefit from them in anyway” and “if [they] are really wanted” for something.“

https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Syria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.pdf

SJAC: Syrians Arrested, Killed Under Reconciliation Agreements (01/2019)

https://syriaaccountability.org/updates/2019/01/10/syrians-arrested-killed-under-reconciliation-agreements/

Enab Baladi: A year after the Syrian alienation: How has the situation in Eastern Ghouta changed? (2/2019)

Enab Baladi berichtet über Zwangsrekrutierungen und Verhaftungswellen in Ost-Ghouta:

https://english.enabbaladi.net/archives/2019/02/a-year-after-the-syrian-alienation-how-has-the-situation-in-eastern-ghouta-changed/

Crisis Group: Lessons from the Syrian State’s Return to the South (2/2019)

https://www.crisisgroup.org/middle-east-north-africa/eastern-mediterranean/syria/196-lessons-syrian-states-return-south

HRW: Syria: Detention, Harassment in Retaken Areas (5/2019)

„Syrian intelligence branches are arbitrarily detaining, disappearing, and harassing people in areas retaken from anti-government groups, Human Rights Watch said today. The abuse is taking place even when the government has entered into reconciliation agreements with the people involved.“

https://www.hrw.org/news/2019/05/21/syria-detention-harassment-retaken-areas

Middle East Institute: Forgotten Lives – Life unter regime rule in former opposition-eld East Ghouta (5/2019)

Der Bericht beschreibt Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen des Regimes und seiner iranischen und russichen Verbündeten in der Region Ost-Ghouta und bewertet diese als kollektive Bestrafung der Bevölkerung. Dem Bericht zufolge wird die Bevölkerung durch ein System von 84 Checkpoints in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt und laufend kontrolliert, im Zeitraum April 2018 bis Februar 2019 seien rund 15.000 Menschen willkürlicher Festnahmen geworden, 40.000 Menschen seien aktuell noch in von russischen Kräften aufgebauten und anschließend vom Militär-Geheimdienst des Assad-Regimes unterhaltenen „Shelters“ de fakto inhaftiert und würden dort Sicherheitsüberprüfungen unterzogen. 1.200 seien aus diesen Einrichtungen in das Adra-Gefängnis verbracht worden, 14 seien an Folter gestorben, rund 7.000 Männer seien zwangsrekrutiert worden.

https://www.mei.edu/sites/default/files/2019-05/Forgotten%20Lives_East%20Ghouta.pdf

NPR: Thousands Of Refugees Returning To Syria End Up Detained, Imprisoned, Tortured (6/2019)

https://www.npr.org/2019/06/24/735510371/thousands-of-refugees-returning-to-syria-end-up-detained-imprisoned-tortured?t=1561448118502

Washington Post: Assad urged Syrian refugees to come home. Many are being welcomed with arrest and interrogation. (6/2019)

https://www.washingtonpost.com/world/assad-urged-syrian-refugees-to-come-home-many-are-being-welcomed-with-arrest-and-interrogation/2019/06/02/54bd696a-7bea-11e9-b1f3-b233fe5811ef_story.html

The Syrian Observer / AL Modon: Hezbollah Arrests Them, and the Regime Executes Them (8/2019)

„Al-Modon’s source added that dozens of defectors from eastern Qalamoun who had carried out settlements with regime forces had been arrested in recent months and transferred to Saydnaya after being investigated by Branch 248. Regime forces have forbidden visits to these prisons except through “intermediaries,” with their families paying huge sums to secure visits behind windows which only last minutes every three months. Families of the prisoners fear they could be executed as the Russian “guarantor” neglects its responsibilities.“

https://syrianobserver.com/EN/news/52083/hezbollah-arrests-them-and-the-regime-executes-them.html

6.2 Vertreibung, Enteignung und Entrechtung von Geflüchteten

Insbesondere die russische Regierung, die Schutzmacht des Assad-Regimes ist und sich als friedensstiftende Kraft inszeniert, gibt vor, dass Geflüchtete nach Syrien zurückkehren könnten, sofern Europa Syrien beim Wideraufbau unterstütze.

Das Assad-Regime sorgt jedoch mit einer Reihe von Maßnahmen dafür, dass  Binnenvertriebenen sowie ins Ausland geflohenen SyrerInnen die Rückkehr in ihre Heimatorte bzw. in ihre Häuser erschwert oder unmöglich gemacht wird.

Maßgeschneiderte Regelungen sorgen dafür, dass Menschen, die vor dem Assad-Regime in andere Landesteile oder ins Ausland flohen, massive Schwierigkeiten haben, ihre Eigentumsrechte geltend zu machen bzw. in ihre Häuser zurückkehren zu können. In manchen Orten – etwa in Qaboun und Daraya –  zerstört das Regime Häuser von Vertriebenen, um Platz für Immobilienprojekte zu schaffen und verweigert den ehemaligen BewohnerInnen den Zutritt.

Diese Art des „Wiederaufbaus“ ermöglicht es dem Regime, regimekritische Milieus zu bestrafen oder zu vertreiben und zugleich regimeloyale Akteure zu belohnen. Zusätzlich zur hohen Gefahr, Opfer von Verfolgung, willkürlicher Inhaftierung, Folter, Verschwindenlassen und Ermordung zu werden, droht RückkehrerInnen die Gefahr, elementarer Rechte wie dem Recht auf Eigentum und Wohnung beraubt zu werden.

6.2.1 Quellen zum Thema Vertreibung, Enteignung und Entrechtung

Auswärtiges Amt: Lagebericht November 2018

Das Auswärtige Amt stellt in seinem Lagebericht dar, dass verschiedene gesetzliche Regelungen die Eigentumsrechte von Menschen bedrohen, die in ehemals oppositionell kontrollierten Gebieten leben oder aus diesen vertrieben wurden. Der Bericht bestätigt, dass Menschen, die versuchen, ihre Rechte geltend zu machen, willkürliche Inhaftierung droht. Ebenso bestätigt das Auswärtige Amt, dass Bewohnern ehemaliger Oppositionsviertel in Homs und Ost-Ghouta die Rückkehr verweigert wird.

Adopt a Revolution: Risiken und Nebenwirkungen: Der Wiederaufbau Syriens (12/2018)

Im Beitrag „Wiederaufbau in Syrien? Mit welchen Strategien das Regime von der Zerstörung profitiert“ beschreibt der syrisch-schweizerische Politikwissenschaftler Joseph Daher detailgenau, wie gesetzliche Bestimmungen des Regimes und dessen Wiederaufbaupläne für die im Konflikt zerstörten Gebiete vornehmlich den Profitinteressen regimeloyaler Geschäftsleute und Milizen dienen. Daher zeigt, wie dabei die Zerstörung informeller Siedlungen legalisiert wird, in denen vor dem Konflikt die ärmeren, meist mit der Opposition sympathisierenden Bevölkerungsschichten lebten, und wie die Sozialstruktur vieler syrischer Orte damit grundlegend verändert wird.

Mindestens 30 Prozent, womöglich bis zu 50 Prozent aller EinwohnerInnen des Landes leben in informellen Siedlungen. Vielen droht die entschädigungslose Vertreibung – allen voran jenen, die fliehen mussten. GegnerInnen des Regimes, die auf Basis der Anti-Terror-Gesetze verurteilt wurden, droht die Enteignung. Joseph Daher analysiert, wie dies den in Syrien gängigen Nepotismus stärkt und wie die enge Verknüpfung von politischer und ökonomischer Macht als Mittel zur Unterdrückung der vormals aufständischen Bevölkerungsgruppen eingesetzt wird: In dem man ihnen Haus und Grund nimmt, werden die besonders benachteiligten ärmsten Teile der syrischen Bevölkerung zusätzlich bestraft. Die Gegensätze in der bereits jetzt sehr konfliktreichen syrischen Gesellschaft, so Daher, würden sich auf diesem Wege nur noch weiter verschärfen.

PAX: No Return to Homs – A case study on demographic engineering in Syria (2/2017)

Die Organisation Pax hat den Austausch von regimeloyalen Bevölkerungsteilen gegen vertriebene aufständige Milieus bereits am Beispiel des bereits 2014 vom Regime zurückeroberten Homs dargestellt und als “demographic engineering” bezeichnet. Das Veränderung der syrischen Bevölkerungsstruktur in für die Regierung relevanten Regionen werde vom Regime als langfristig überlebensnotwendig angesehen. 

https://www.paxforpeace.nl/publications/all-publications/no-return-to-homs

siehe auch: https://is.gd/PAX_siege_watch_10_part_1

UN-Untersuchungskommission: Sieges as a weapon of war (5/2018)

Die UN-Untersuchungskommission (COI) sieht das Dekret Nr. 10 im Zusammenhang mit der Vertreibung oppositioneller Bevölkerungsteile im Anschluss an die Belagerungen: 

„Die Evakuierung von ZivilistInnen, die als SympathisantInnen der Opposition gelten, dient offenbar auch einer Strategie der Regierung, diese Individuen zu bestrafen. Betrachtet man dies im Zusammenhang mit anderen Maßnahmen wie etwa dem präsidentiellen Dekret Nr. 10, könnten solche Handlungen Teil eines größeren Plans sein, die Vertriebenen ihrer Eigentumsrechte zu berauben, um die Bevölkerungsteile zu umzusiedeln oder den Staat und seine engsten Verbündeten zu bereichern.“

https://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/CoISyria/PolicyPaperSieges_29May2018.pdf S.5f

Human Rigts Watch (HRW): Syria: Residents Blocked From Returning: Government Demolishes Homes, Denies Property Rights (10/2018)

Anhand von Aussagen Betroffener sowie anhand von Satellitenbildern belegt Human Rights Watch, dass das Assad-Regime in den ehemaligen Oppositionshochburgen BewohnerInnen durch Checkpoints und Barrieren an der Rückkehr hindert und deren Gebäude zerstört. Die Stadt Daraya, einer der zentralen Orte des Aufstands gegen das Assad-Regimes, wurde nach ihrer Einnahme des Regimes komplett entvölkert und abgeriegelt, den ehemaligen BewohnerInnen wird der Zutritt zur Stadt verweigert. Auch in Qaboun werden die ehemaligen Einwohner gehindert, wieder in ihre Häuser zu ziehen oder diese auch nur zu betreten. Satellitenbilder zeigen, dass das Regime nicht nur Ruinen, sondern auch nur leicht zerstörte Häuser zerstört, ja ganze Straßenzüge dem Erdboden gleich macht.

https://www.hrw.org/news/2018/10/16/syria-residents-blocked-returning

Finish Immigration Service Fakta: Fact-Finding-Mission to Beirut and Damascus, April 2018 (12/2018)

https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Syria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.pdf

Chatham House: Normalcy Looks a Long Way Off in Eastern Aleppo (1/2019)

https://syria.chathamhouse.org/research/normalcy-looks-a-long-way-off-in-eastern-aleppo

HRW: Rigging the System: Government Policies Co-Opt Aid and Reconstruction Funding in Syria (6/2019)

Human Rights Watch zeigt auf, wie das Assad-Regime Wiederaufbauhilfen und humanitäre Hilfe von internationalen NGO oder transnationalen Organisationen nutzt, um seine tatsächlichen oder eingebildeten Gegner zu bestrafen, seine Günstlinge zu belohnen und seinen Repressionsapparat zu finanzieren.

https://www.hrw.org/news/2019/06/28/syria-government-co-opting-recovery-efforts

7. In Syrien sind Geflüchtete nirgends sicher

Weiterhin zerfällt Syrien in von verschiedenen Akteuren kontrollierte Territorien. In keiner dieser Regionen finden Schutzsuchende verlässlichen Schutz. 

Sowohl in den vom Assad-Regime kontrollierten Gebieten als auch in den von anderen Akteuren kontrollierten Territorien drohen schwere Menschenrechtsverletzungen und militärische Eskalationen. 

„In keinem Teil Syriens besteht ein umfassender, langfristiger und verlässlicher interner Schutz für verfolgte Personen, es gibt keine Rechtssicherheit oder Schutz vor politischer Verfolgung, willkürlicher Verhaftung und Folter“

Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018

Auch nach UNHCR besteht in Syrien keine interne Flucht- oder Neuansiedlungsalternative für Schutzsuchende: „Angesichts der vorherrschenden Umstände in Syrien, insbesondere der zahlreichen und komplexen Konflikte, der unbeständigen Sicherheitslage, der unzähligen Berichte von Menschenrechtsverletzungen und des tief verwurzelten Misstrauens gegenüber Personen mit abweichender Herkunft oder Abstammung, ist es nach Auffassung von UNHCR nicht angemessen, dass Staaten Personen aus Syrien auf der Grundlage einer internen Flucht- oder Neuansiedlungsalternative internationalen Schutz versagen.” (UNHCR Erwägungen 11/2017: https://is.gd/UNHCR_Erw_Nov17)

7.1 Region Idlib

Idlib wird aktuell von verschiedenen oppositionellen, teils radikalislamistischen Milizen kontrolliert. Die Türkei unterhält in der Region Beobachtungsposten und unterstützt einige der in Idlib präsenten Milizen. Inzwischen wird die Region vor allem von der Miliz Hai’at Tahrir al-Sham (HTS) dominiert, die aus der ursprünglich mit al Qaida verbundenen Nursa-Front hervorging. HTS konnte Anfang 2019 zahlreiche Gebiete in Idib und im nördlichen Umland von Aleppo unter ihre Kontrolle bringen, darunter auch Städte wie Atareb oder Maarat al Numan, deren Zivilbevölkerung lange Widerstand gegen HTS geleistet hatte.

Weiterhin sind in Idlib auch andere Milizen präsent, etwa Ahrar al-Scham, Failaq al-Scham und Nureddin-al-Zenki und andere Gruppen, die einst zur „Freien Syrischen Armee“ gehörten. Alle diese bewaffneten Gruppen begehen Kriegsverbrechen und/oder schwere Menschenrechtsverletzungen. Insbesondere HTS, die international als Terrororganisation eingestuft wird, ist bekannt für die gezielte Verfolgung politischer Gegner. HTS werden zahlreiche politische Morde zur Last gelegt sowie zahlreiche Fälle von Verschwinden-Lassen und Folter. 

Seit Anfang 2019 haben das Assad-Regime und Russland ihre Luftangriffe auf die Region massiv verstärkt und eine Bodenoffensive begonnen. Die Granat- und Luftangriffe gelten zum großen Teil zivilen Zielen, unter anderem Krankenhäusern, Flüchtlingslagern und  Märkten. Um die Nahrungsversorgung der Zivilbevölkerung zu sabotieren, wirft das Assad-Regime Brandbomben auf Getreidefeldern ab. Im Zeitraum Februar bis Juni 2019 wurden mehrere Hundert ZivilistInnen getötet, rund 300.000 innerhalb Idlibs vertrieben.

In Idlib leben rund 3 Millionen Menschen, rund die Hälfte von ihnen sind Binnenflüchtlinge. Vergangene Offensiven des Regimes auf Homs, Aleppo, Ost-Ghouta, Daraa und auf andere ehemals von oppositionellen Milizen gehaltenen Orten mündeten in der Vertreibung von Zehntausenden ZivilistInnen und Bewaffneten nach Idlib. Unter den ZivilistInnen sind zahlreiche zivile AktivistInnen, denen mit der Einnahme der Region durch Assad massive Verfolgung drohen würde. Der Fluchtweg in die Türkei ist den Menschen in der Regel versperrt, die Türkei hat die syrische Grenze weitgehend abgeriegelt und errichtet neue Grenzalagen, teilweise auf syrischem Territorium. Die humanitäre Situation der Bevölkerung Idlibs und insbesondere der Binnenflüchtlinge gilt als schwierig bis katastrophal. Rund 1,6 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

7.1.1 Quellen

UN OCHA: Situation Reports 

Zur Humanitären Situation veröffentlicht UN OCHA regelmäßige Updates.

Situation Report 5: Recent Developments in Northwestern Syria (as of 14 June 2019)

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/latest_developments_in_north_western_syria_14jun2019_sitrep5.pdf

Situation Report 4: Recent Developments in Northwestern Syria (as of 31 May 2019)

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Latest_Developments_in_north_western_Syria_31May2019_SitRep4.pdf

Situation Report 3: Recent Developments in Northwestern Syria (as of 24 May 2019)

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Latest_Developments_in_north_western_Syria_24May2019_SitRep3.pdf

Crisis Group: Voices of Idlib (7/2018):

Anschauliche Darstellung der Situation in Idlib vor der aktuellen Offensive.

https://www.crisisgroup.org/middle-east-north-africa/eastern-mediterranean/syria/voices-

UN Commission of Inquiry on Syria: Unparalleled numbers of Syrians displaced in under six months (9/2018)

Wie Zahlen der UN-Untersuchungskommission zeigen, flohen allein im ersten Halbjahr 2018 über eine Million Menschen in den Norden Syriens.

https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/Pages/NewsDetail.aspx?NewsID=23541&LangID=E

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (1/2019)

„During the period under review, the Commission documented several incidents of civilians detained arbitrarily by Hay’at Tahrir al-Sham or abducted by members of armed groups and criminal gangs and held hostage for ransom in their strongholds in Idlib and northern Aleppo. Civilians in Idlib also suffered from the lack of a centralized system of governance under the parallel structures of two dominant systems: the opposition’s “interim government” and the “salvation government” of Hay’at Tahrir al-Sham. Under the oppressive rule of Hay’at Tahrir al-Sham terrorists, girls in Idlib were also denied access to education.“

„An extensive pattern of kidnappings and abductions has emerged, for example, in which members of armed groups and criminal gangs in Idlib abduct affluent civilians, including doctors and humanitarian actors, and hold them for ransom to finance their activities. Victims are most often taken from their workplaces and driven in vans with tinted windows to unknown locations. Some abductees described being held in basements, often in solitary confinement, while others were taken to rural areas. In areas under the control of Hay’at Tahrir al-Sham, numerous civilians continue to be detained arbitrarily for expressing political dissent.“

http://undocs.org/en/A/HRC/40/70

HRW: Syria: Arrests, Torture by Armed Group (1/2019)

Der Bericht beschreibt mehrere Fälle gezielter Verfolgung von Journalisten und anderen Personen durch HTS in Idlib:

https://www.hrw.org/news/2019/01/28/syria-arrests-torture-armed-group

Middle East Eye: „Is HTS winning hearts and minds in Syria?“ (2/2019)

Analyse der Strategie von HTS von Haid Haid:

https://www.middleeasteye.net/opinion/hts-winning-hearts-and-minds-syria

BBC: Syria war: Why does the battle for Idlib matter? (5/2019)

Zusammenfassung der Situation von BBC:

https://www.bbc.com/news/world-middle-east-45403334

Crisis Group: Report on Syria (5/2019):

Kurze Zusammenfassung zur Lage in Syrien unter Berücksichtigung der Idlib-Eskalation

https://www.crisisgroup.org/crisiswatch/may-2019#syria

Amnesty International: Idlib: Millions in Need of Protection (5/2019)

Amnesty International beschreibt sowohl die Folgen der militärischen Eskalation als auch die Folgen der Milizenherrschaft innerhalb Idlibs.

https://www.amnesty.org/en/latest/campaigns/2018/08/idleb-millions-in-need-of-protection-world-must-act-now

Die Zeit: Was Idlib jetzt bevorsteht (05/2019)

Die Zeit fasst in einem Dossier die wichtigsten Informationen zu Idlib zusammen.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-05/syrien-idlib-eskalation-voelkerrecht-faq#wie-ist-die-lage-in-der-rebellenenklave-idlib

UN: Risk grows of ‘catastrophic humanitarian fallout’ (5/2019)

Im Mai 2019 warnte die UN, in Idib drohe eine für dieses Jahrhundert beispiellose humanitäre Katastrophe.

https://news.un.org/en/story/2019/05/1038681

UN Commission of Inquiry on Syria: Urgent steps needed to prevent outright catastrophe in north-western Syria (5/2019)

Die UN-Untersuchungskommission geht von knapp 300.000 Menschen aus, die innerhalb der letzten drei Monate innerhalb Idlibs auf der Flucht sind. 

https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/Pages/NewsDetail.aspx?NewsID=24586&LangID=E

Syrian Human Rights Comitee: Seven people executed by Sham Liberation organisation (HTS) (6/2019)

HTS richtet immer wieder Personen hin, die der Kollaboration mit anderen Akteuren vorgeworfen wird.

https://www.shrc.org/en/?p=32514

Syrian Observatory of Human Rights (SOHR): Ca. 715 getötete ZivilistiInnen vom 14.02 bis 15.06 (6/2019)

SOHR geht davon aus, dass bei Granat-, Luft- und Raketenangriffen aller Kriegsparteien in und um die Deeskalationszone Idlib vom 14.02 bis 15.06 rund 715 ZivilistInnen getötet wurden.

http://www.syriahr.com/en/?p=131456

PAX: Idlib: 5 things you need to know (6/2019)

Zusammenfassung zur Situation von der niederländischen Organisation PAX:

https://www.paxforpeace.nl/stay-informed/news/idlib-5-things-you-need-to-know

Adopt a Revolution: Beiträge zum Thema Idlib

Adopt a Revolution verfügt in Idlib über sieben Partnerprojekte und berichtet regelmäßig über die Situation vor Ort: 

https://adoptrevolution.org/category/idlib-de/

7.2 Afrin und die türkische Einflusszone

Nordöstlich der Region Idlib liegt die Einflusszone der Türkei. Die Türkei ist im Januar 2018 im Verbund mit überwiegend islamistischen arabischen und turkmenischen Milizen gegen die zuvor von den mehrheitlich kurdischen Volksverteidigungseinheiten gehaltene Enklave Afrin vorgerückt. Die Offensive, während der sich die Türkei und ihre Alliierten Kriegsverbrechen schuldig machten, endete am März 2018 mit der Besetzung Afrins durch die Türkei und ihre Verbündeten. 

Zahlreiche Berichte dokumentieren Plünderungen und Enteignungen von Häusern kurdischer ZivilistInnen, in die  Angehörige der pro-türkischen Kämpfer oder Geflüchtete aus anderen Teilen Syriens einquartiert wurden, ohne dass deren BesitzerInnen hierfür Kompensationen erhielten. Die Sicherheitslage ist weiterhin fragil. Immer wieder kommt es etwa zu Terroranschlägen und Kämpfen zwischen den mit der Türkei verbündeten Rebellenfraktionen. Außerdem kommt es regelmäßig zu willkürlichen Verhaftungen, Verschwindenlassen und Folter durch die von der türkischen Regierung unterstützten Bewaffneten. Der türkische Einmarsch in Afrin verursachte eine Massenflucht von mehreren Zehntausend, wahrscheinlich weit über Hunderttausend Menschen. 

Auch der Norden der Provinz Aleppo steht unter türkischer Aufsicht. Im August 2016 intervenierte die Türkei mit der Operation “Euphrates Shield”, die sich gegen den IS, vor allem aber gegen die YPG richtete. Seitdem sind türkische Truppen in der Region präsent. Beobachter berichten von schwierigen bis katastrophalen Bedingungen der Zivilbevölkerung, insbesondere von Binnenflüchtlingen, sowie von Kämpfen zwischen dort präsenten oppositionellen Milizen, von schweren Menschenrechtsverletzungen und von fortbestehenden Risiken gewaltsamer Auseinandersetzungen.

7.2.1 Quellen

Human Rights Watch: Turkey-backed forces seizing property in Syria’s Afrin (6/2018)

https://www.reuters.com/article/us-mideast-crisis-syria-afrin-humanright/human-rights-watch-turkey-backed-forces-seizing-property-in-syrias-afrin-idUSKBN1JA20W

Syrian Observatory for Human Rights (SOHR): Fighting renews in Afrin between factions operating within the Turkish-backed operation of the “Olive Branch” (7/2018)

Immer wieder wird über Kämpfe zwischen den von der Türkei unterstützten Milizen berichtet. 

http://www.syriahr.com/en/?p=97371

Stockholm Center for Freedom (SCF): Clashes erupt between Turkey-backed rebels in Syria’s Afrin province (7/2018)

https://stockholmcf.org/clashes-erupt-between-turkey-backed-rebels-in-syrias-afrin-province/

Amnesty International: Türkei muss schwere Menschenrechtsverletzungen in Afrin stoppen (8/2018)

https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/syrien-tuerkei-muss-schwere-menschenrechtsverletzungen-afrin-stoppen

Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (8/2018)

Der UN-Bericht beschreibt die Afrin-Offensive und die Folgen.

https://www.ecoi.net/en/file/local/1443546/1930_1537263792_g1824615.pdf

Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (1/2019)

Der UN-Bericht spricht von einem Zustand der Rechtslosigkeit in Afrin und Umgebung, er berichtet zahlreiche schwere Menschenrechtsverletzung.  

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/G1902320.pdf

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (1/2019)

„Similarly, with the conclusion of Operation Olive Branch by Turkey in March 2018, arbitrary arrests, detention and pillaging became pervasive throughout Afrin District (Aleppo). The lack of effective complaint mechanisms and a centralized judiciary, coupled with the presence of dozens of armed actors power-sharing on the sub-district level, created confusion among civilians about which institution was responsible for addressing specific grievances, including in cases of detention and property appropriation. Infighting among armed groups and a series of car bombs exacerbated an already unstable security situation. As in Idlib, abductions for ransom by armed group members and criminal gangs prevailed.“

„Fighting by armed factions for control over pockets of territory increased significantly. Frequent clashes included the use of car bombs and improvised explosive devices, particularly in the densely populated centres of Afrin and Azaz cities, which killed and injured dozens of civilians, including women and children. On 16 December, for example, a car bomb exploded in al-Hal vegetable market in Afrin city, killing up to 12 civilians and wounding scores of others.“

http://undocs.org/en/A/HRC/40/70

Voice of America: Rights Groups: Abuses on the Rise in Syria’s Afrin (6/2019)

Menschenrechtsorganisationen weisen im Sommer 2019 auf die weiter katastrophale Lage in Afrin hin:

https://www.voanews.com/extremism-watch/rights-groups-abuses-rise-syrias-afrin

UN OHCHR: Between a Rock and a Hard Place – Civilians in North-western Syria (6/2018)

https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/ohchr_-_syria_monthly_human_rights_digest_-_june_2018.pdf

Amnesty International: Human Rights in the Middle East and North Africa: Review of 2018 (2/2019)

Der Bericht listet zahlreiche Vergehen türkischer Kräfte und türkisch unterstützter Milizen in Afrin auf, vor allem Plünderungen und willkürliche Verhaftungen.

https://www.ecoi.net/en/file/local/2003684/MDE2499032019ENGLISH.pdf

SOHR: After almost a year of arresting him, a Kurdish citizen dies in jails of the Turkey-loyal factions after being tortured and severely beaten (7/2019)

http://www.syriahr.com/en/?p=133248

7.3 Demokratische Föderation Nordsyrien („Rojava“)

Das größte Gebiet außerhalb der Kontrolle des Assad-Regimes ist die kurdisch geprägte Demokratische Föderation Nordsyrien, auch oft als “Rojava” bezeichnet. Politisch wird die Region von der Partei PYD und militärisch von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bzw. den kurdisch geprägten Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kontrolliert. Die PYD bzw. YPG gelten als Schwesterorganisationen der PKK, die in Deutschland als Terrororganisation geführt wird. Auch wenn die Region im Vergleich zu anderen Teilen Syriens relativ stabil ist, kann sie nicht als interne Fluchtalternative erachtet werden. 

Es muss davon ausgegangen werden, dass es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Türkei bzw. türkisch unterstützen Milizen und der kurdisch geprägten, von der PYD kontrollierten “Demokratischen Föderation Nordsyrien” kommt. Die türkische Regierung sieht die kurdische bzw. kurdisch dominierte autonome Region an ihrer Südgrenze als Bedrohung an. Die türkische Regierung hat seit ihrer Invasion in den kurdisch geprägten, zur Demokratischen Föderation Nordsyrien gehörenden Kanton Afrin von Januar 2018 wiederholt damit gedroht, auch in den nordöstlichen Teil der Demokratischen Föderation Nordsyrien einzumarschieren. Immer wieder kommt es zu militärischen Außeinandersetzungen zwischen der türkischen Armee bzw. türkisch unterstützten Milizen und der YPG.

Auch militärische Auseinandersetzungen zwischen der kurdisch geprägten de facto autonomen Region und dem Assad-Regime sind zumindest langfristig nicht auszuschließen. Das Assad-Regime hat immer wieder betont, alle Landesteile zurückerobern zu wollen. Die kurdisch geprägte Selbstverwaltung distanziert sich allerdings vom Aufstand gegen das Assad-Regime und wurde vom Assad-Regime im Gegenzug militärisch von Luftangriffen, Beschuss und Offensiven bislang verschont. Militärische Konfrontationen zwischen SDF/YPG und Assad-loyalen Truppen sind selten. Aufgrund des Vormarschs des Assad-Regimes und der Bedrohung durch die Türkei verhandelt die kurdisch geprägte Selbstverwaltung offenbar mit dem Assad-Regime über einen Autonomiestatus. Inwieweit das Assad-Regime eine Autonomie der Region längerfristig zulassen wird und inwieweit die kurdische Selbstverwaltung bereit ist, staatliche Kontrolle an das Assad-Regime abzugeben, ist unsicher.

Im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) erhielt die kurdisch geprägte Selbstverwaltung militärische Unterstützung durch die USA. Die USA kooperieren dabei mit den Syrian Democratic Forces (SDF), einer kurdisch geprägten, der YPG nahestehenden Gruppe, die den »IS« mit Hilfe der Luftunterstützung der USA militärisch inzwischen weitgehend zerschlagen hat. Die Kooperation mit den USA bot der Region bislang Schutz sowohl vor Angriffen der Türkei als auch vor Angriffen des Assad-Regimes und seiner russischen und iranischen Verbündeten. Am 19. Dezember 2018 erklärte US-Präsident Trump, dass die US-Truppen aus Syrien abgezogen würden. Die extrem umstrittene Entscheidung wurde später schrittweise relativiert – ein kleiner Teil der US-Truppen soll in der Region bleiben – , sie hat aber zu großer Unsicherheit geführt.

In einigen der von den SDF vom IS zurückeroberten Gebieten (z.B. Raqqa und der Osten der Region Deir Ez Zor) ist die Situation der Zivilbevölkerung weiterhin schwierig bis katastrophal. Der Krieg gegen den IS hat – vor allem aufgrund der massiven Luftschläge der US-geführten Internationalen Koalition – zu mehreren Tausend zivilen Opfern geführt und Raqqa und anders Orte massiv zerstört. Die Region ist insgesamt von großen Fluchtbewegungen geprägt.

Die Tatsache, dass die kurdisch geprägte PYD bzw. YPG große größtenteils arabisch geprägte Gebiete kontrolliert und zwischen den arabischen und kurdischen Bevölkerungsteilen aus vielen Gründen erhebliches Misstrauen bis hin zu massiver Feindseligkeit herrscht, sorgt für erhebliches internes Konfliktpotential. 

In der Vergangenheit berichteten Amnesty International und Human Rights Watch wiederholt von Vertreibungen arabischer Bevölkerungsteile durch kurdische bewaffnete Gruppen. Die Berichte wurden von kurdischer Seite vehement zurückgewiesen. Fest steht, dass die PYD trotz ihres demokratischen Selbstverständnisses immer wieder politische Gegner verfolgt, dass es zu Zwangsrekrutierungen und weiteren Menschenrechtsverletzungen kommt, darunter auch Fälle von Verschwinden-Lassen.

7.3.1 Quellen

USDOS Country Report 2017

„Local media sources and human rights groups such as Syrians for Truth and Justice reported that, in areas under its control, the YPG, considered to be the military wing of the Kurdish Democratic Union Party (PYD), arrested journalists, human rights activists, opposition party members, and persons who refused to join Kurdish armed forces groups. In some instances the location of the detainees remained unknown.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/1430098.html

Amnesty International Report 2017/18

„Eine Reihe syrisch-kurdischer Aktivisten der Opposition, darunter auch Mitglieder des Kurdischen Nationalrats in Syrien, wurden willkürlich festgenommen und inhaftiert. Viele von ihnen wurden über lange Zeit unter sehr schlechten Haftbedingungen in Untersuchungshaft gehalten.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/1425111.html

HRW:  Syria: Thousands of Displaced Confined to Camps (8/2018) 

„Authorities from the Syrian Democratic Council, a civilian authority operating in areas retaken from ISIS, and the Kurdish Autonomous Administration operate these displacement camps. They have confiscated residents’ identification documents and arbitrarily prevented them from leaving. Camp confinement has increased vulnerability to exploitation, separated families, and restricted their health care access. Both authorities are constituted primarily from the Democratic Union Party (PYD).“

https://www.ecoi.net/de/dokument/1439887.html

HRW: Syria: Armed Group Recruiting Children in Camps (8/2018)

In der Vergangenheit gab es wiederholt Berichte über die Rekrutierung von Minderjährigen durch die YPG: „The People’s Protection Units (YPG), the largest member of the Syrian Democratic Forces military alliance in northeast Syria, has been recruiting children, including girls, and using some in hostilities despite pledges to stop the practice, Human Rights Watch said today.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/1439890.html

HRW: Syria: Kurdish-led Administration Jails Rivals (9/2018) 

„The Democratic Union Party-led Autonomous Administration has apparently detained members of the Kurdish National Council arbitrarily, and in some cases appears to have forcibly disappeared them.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/1443063.html

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (1/2019)

In areas under the control of SDF, thousands of women, men and children continued to be unlawfully interned or detained, some of them held in deplorable conditions in makeshift camps unfit to meet their basic needs. There is, moreover, a concern that Islamic State in Iraq and the Levant (ISIL) terrorists and their affiliates are being held incommunicado by SDF and United States forces without adequate judicial guarantees, conditions that are conducive to detainee abuse.

http://undocs.org/en/A/HRC/40/70

SNHR: Brief Report: An Increasing Frequency of Arrests and Enforced Disappearances by Kurdish Self-Management Forces (2/2019)

http://sn4hr.org/blog/2019/02/18/53347/

Airwars annual assessment 2018

Aus dem Airwars Bericht über zivile Opfer der US-geführten Anti-IS-Koalition geht hervor, dass die Angriffe der Koalition in 2018 in Syrien mindestens 807 zivile Opfer forderten. 2017 waren es knapp 3000.

https://airwars.org/report/airwars-annual-assessment-2018

Airwars monthly assessment – March 2019

Für die Offensive auf Baghouz Anfang 2019 liegen seitens Airwars noch keine finalen Zahlen der getöteten ziviler Opfer vor, es ist aber mindestens von mehreren Hundert zivilen Opfern auszugehen.

https://airwars.org/report/airwars-monthly-assessment-march-2019

Amnesty and Airwars: Civilian harm during battle for Raqqa  ten times higher than Coalition admits (4/2019)

Die Luftangriffe der US-geführten internationalen Koalition gegen den IS forderten mehreren Berichten zufolge mehrere Tausend zivile Todesopfer. Ein Beispiel: Luftangriffe und Artillerie-Beschuss der Koalition kosteten 2017 bei der Schlacht um Raqqa einer Dokumentation von Airwars und Amnesty zufolge 1.600 Menschen das Leben.

https://airwars.org/news-and-investigations/raqqa-amnesty-airwars

8. Der Krieg ist nicht vorbei

Die verbreitete Auffassung, der Krieg in Syrien sei fast zu Ende, ist falsch. In manchen Teilen das Landes geht der Krieg weiter, in anderen Regionen drohen neue Eskalationen. Weiterhin ist das Land in verschiedene Territorien fragmentiert. Da das Assad-Regime nach eigenen Aussagen anstrebt, das ganze Staatsgebiet militärisch zurückerobern zu wollen, drohen weitere Offensiven.

Zudem überlagern sich im Syrien-Krieg mehrere regionale und internationale Konflikte, z.B. zwischen der Türkei und den Kurden, zwischen Iran und Israel, zwischen Iran und Saudi-Arabien. Und selbst wenn in Syrien militärisch Ruhe einkehren sollte: Weiterhin werden große Teile der syrischen Bevölkerung massive Gewalt durch den Repressionsapparat des Assad-Regimes erleiden.

8.1 Neue Phase des Konflikts statt Konfliktende

Viele Beobachter weisen darauf hin, dass zwar die militärischen Auseinandersetzungen abgenommen haben, der Konflikt aber nicht zu Ende geht, sondern in eine neue Phase eintritt.

„Zwar sind die Kampfhandlungen insgesamt deutlich zurückgegangen, doch noch immer sind Gebiete vom Konflikt und seinen unmittelbaren Folgen betroffen: Das Regime kann grundsätzlich weiterhin Luftangriffe im ganzen Land durchführen, außer über Gebieten unter türkischer oder kurdischer Kontrolle. In allen Teilen des Landes kann es zu Terroranschlägen kommen. Neben diesen Risiken ungezielter Gefahr besteht generell die Gefahr, insbesondere für Menschen, die vom Regime als oppositionell eingestuft werden, Ziel staatlicher Repression zu werden.“

Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018, S.14

In einem vom European Asylum Support Office (EASO) einberufenen Expertenmeeting zu Syrien kommt der Analyst Christopher Kozak zu dem Schluss, dass viele Länder zwar starkes Interesse zeigen würden, die Situation in Syrien so darzustellen, als sei der Krieg bald zu Ende, der Krieg aber stattdessen „in eine neue, nicht weniger gefährliche Phase des Konflikts“ übergehe.

Oberflächlich betrachtet erscheine diese als weniger gewaltvoll, aber es handle sich nicht um eine Nachkriegsphase, sondern eine neue Manifestation des Konflikts. “Mittlerweile ist der syrische Bürgerkrieg zunehmend mit mehreren hartnäckigen regionalen Konfikten verbunden – die Türkei gegen die Syrisch-Kurdische PYD, Israel und Saudi-Arabien gegen Iran, US-Anti-ISIS-Koalition gegen Iran und Russland. Diese Überschneidungen regionaler und lokaler Konflikte war schon während der ganzen Kriegszeit gegeben, aber jetzt tritt sie in den Vordergrund.” (https://is.gd/EASO_COI_MEETING, siehe insbesondere S.12 und S.15)

Der Behauptung, der Krieg sei bald vorbei, widerspricht zum einen die hohe Wahrscheinlichkeit, dass in Syrien an unterschiedlichen Fronten weiterhin mit Kriegshandlungen zu rechnen ist. Zum andern kann unter der Herrschaft des Assad-Regimes aufgrund dessen massiver Verfolgung großer Bevölkerungsteile und massiver willkürlicher Gewaltausübung von Frieden auch dann nicht die Rede sein, wenn die Intensität von Kriegshandlungen tatsächlich stark abnehmen sollte. 

“Es besteht ein hohes Risiko, dass die syrische Regierung auch dann ihre Bemühungen fortsetzt, Menschen in der Unterwerfung zu zwingen, wenn die Kämpfe beendet sind. (…) Die Internationale Gemeinschaft und humanitäre Akteure in Syrien müssen verstehen, dass “post surrender” nicht “post conflict” bedeutet (…).” (https://is.gd/PAX_siege_watch_10_part_1, S.80 )

8.2 Drohende Offensiven des Assad-Regimes

Assad hat mehrfach seinen Willen bekräftigt, das ganze Staatsgebiet zurückzuerobern, koste es was es wolle. Vor dem Hintergrund der bisherigen Militäroffensiven des Regimes und seiner Verbündeten scheinen diese Willensbekundungen glaubwürdig. Aktuell versucht das Regime mit russischer Unterstützung die Region Idlib einzunehmen, wobei fast täglich zivile Opfer zu beklagen sind. (Siehe zu Idlib auch Kapitel 7 und Kapitel 9)

Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass das Assad-Regime tatsächlich versuchen könnte, den kurdisch geprägten Nordosten und/oder die von türkischen Truppen bzw. türkisch unterstützten Milizen kontrollierten Landesteile im Nordwesten militärisch zurückzuerobern. (Zum kurdisch geprägten Nordosten siehe auch Kapitel 7)

8.3 Drohende Eskalationen im Nordosten

Drohende Intervention der Türkei

Insbesondere drohen Eskalationen zwischen der Türkei und den syrischen Kurden. Die türkische Regierung sieht die kurdisch dominierte autonome Region an ihrer Südgrenze als Bedrohung an. Die PYD ist Schwesterpartei der PKK, die in der Türkei und auch in Europa als Terrororganisation eingestuft wird. Die türkische Regierung hat im Zusammenhang mit ihrer Invasion in die kurdisch geprägte Region Afrin von Januar 2018 wiederholt damit gedroht, auch in den nordöstlichen Teil der Demokratischen Föderation Nordsyrien einzumarschieren. Immer wieder kommt es zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee bzw. türkisch unterstützten Milizen und kurdischen Bewaffneten. (Zu Afrin und zur türkischen Einflusszone siehe auch Kapitel 7)

Assad-Regime und kurdische Selbstverwaltung

Ein Konflikt zwischen dem kurdisch geprägten Nordosten und dem Assad-Regime kann nicht ausgeschlossen werden. Die kurdisch geprägte Selbstverwaltung distanziert sich vom Aufstand gegen das Assad-Regime und wurde vom Assad-Regime im Gegenzug militärisch von Luftangriffen, Beschuss und Offensiven bislang verschont. Militärische Konfrontationen zwischen SDF/YPG und Assad-loyalen Truppen sind selten.

Aufgrund des Vormarschs des Assad-Regimes und der Bedrohung durch die Türkei verhandelt die kurdisch geprägte Selbstverwaltung offenbar mit dem Assad-Regime über einen Autonomiestatus. Inwieweit das Assad-Regime aber eine Autonomie der Region längerfristig zulassen wird und inwieweit die kurdische Selbstverwaltung bereit ist, staatliche Kontrolle an das Assad-Regime abzugeben, ist unsicher. 

Präsenz der USA in Nordsyrien

Die Stabilität im Nordosten Syriens hängt zu weiten Teilen von der Präsenz amerikanischer Truppen ab, die der Region Schutz vor Angriffen der Türkei sowie vor Angriffen seitens des Assad-Regimes und seiner Verbündeten bietet. Ob und inwieweit die USA in der Region präsent bleiben, ist unsicher.

Internes Konfliktpotential

In Nordsyrien drohen Konflikte zwischen arabischen und kurdischen Bevölkerungsteilen, auch wenn zivilgesellschaftliche Akteure auf beiden Seiten versuchen, dieses Konfliktpotential zu verringern.

Neben vielen historischen Gründen wird der Konflikt angeheizt durch die türkische Intervention im Nordwesten, in deren Rahmen arabisch geprägte Milizen in kurdisch geprägten Regionen präsent sind und dort schwere Menschenrechtsverletzungen begehen (siehe Kapitel 7).

Zudem reicht das von der kurdischen Selbstverwaltung regierte Territorium nach dem Sieg der YPG/SDF über den »IS« bis tief in mehrheitlich von arabischer Bevölkerung besiedelte Regionen (Deir ez-Zor, Raqqa und den Osten der Provinz Aleppo rund um die Großstadt Manbij). Auch wenn sich die Demokratische Föderation Nordsyrien selbst als multiethnischen und demokratischen Staat bezeichnet, wird immer wieder von Vertreibungen und Repressionen gegenüber arabischen Bevölkerungsteilen berichtet (siehe Kapitel 7). Der »IS« und der Kampf gegen den »IS« haben auf beiden Seiten zu Misstrauen geführt.

8.4 Risiko von Anschlägen

Weiterhin ist im ganzen Land mit Terrorangriffen durch dschihadistische Gruppen wie dem »IS« oder HTS auszugehen. In 2018 verübte der »IS« mehrere komplexe Angriffe und entführte dabei über Hundert ZivilistInnen. Trotz des militärischen Siegs über den »IS« Anfang 2019 ist davon auszugehen, dass einzelne Zellen weiterhin in Syrien aktiv bleiben und Terroranschläge begehen. 

„In Teilen des syrisch-irakischen Grenzgebiets und an anderen Orten besteht IS lokal fort und ist weiterhin grundsätzlich in der Lage, überall im Land Anschläge zu verüben.“

Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018, S.6

Es ist davon auszugehen, dass ein Teil der bewaffneten Opposition im Untergrund weiterexistiert und Anschläge verübt. Das gilt nicht nur für dschihadistische Gruppen. In der Region Daraa verübt eine Gruppe namens „Popular Resistance“ Anschläge und Angriffe auf Regime-Akteure.

8.5 Konflikt zwischen Iran und Israel

Die maßgeblich vom Iran unterstützte libanesische Hizbollah sowie andere iranische und vom Iran finanzierte schiitische Milizen unterstützen seit Langem das Assad-Regime. Sie konnten dadurch in Syrien erheblichen politischen Einfluss gewinnen sowie militärische Infrastruktur aufbauen, die sich gegen Israel richtet.

Israel fliegt regelmäßig Luftangriffe gegen Waffendepots und andere mit der iranischen Präsenz in Syrien assoziierte Ziele. Wie sich der militärische Konflikt zwischen Israel und dem Iran in Syrien entwickelt, ist schwer vorhersagbar, eine Eskalation kann nicht ausgeschlossen werden.

8.6 »Warlordisierung« des Assad-Regimes?

Das Assad-Regime verdankt seinen militärischen Vormarsch der Unterstützung zahlreicher unterschiedlicher Akteure. Die Gesamtheit der regimeloyalen Bewaffneten setzt sich aus vielen unterschiedlichen Milizen und Armee-Einheiten zusammen. Darunter sind lokale syrische Milizen, iranisch finanzierte Milizen wie z.b. die afghanisch-schiitische Fatemiyoun-Miliz oder die libanesische Hizbollah, irakisch-schiitische Milizen, russische und russisch geführte Truppen, russische Militärpolizei und Söldner-Unternehmen wie die russische Wagner-Gruppe. 

Vielen dieser bewaffneten Gruppen werden neben Kriegsverbrechen auch Plünderungen, Entführungen, Schmuggel und andere kriminelle Machenschaften zum Zwecke der eigenen Bereicherung vorgeworfen. Wiederholt wurde auch über Kämpfe zwischen verschiedenen regimeloyalen bewaffneten Gruppen berichtet. Manche Beobachter berichten von Konflikten zwischen iranisch unterstützten und russisch unterstützten regime-loyalen bewaffneten Akteuren.

Manche Beobachter diagnostizieren daher eine Warlordisierung oder Feudalisierung Syriens und damit einhergehend einen Souveränitätsverlust des Staates. Andere Beobachter betonen, dass es dem Regime in den letzten Jahren überraschend gut gelang, die verschiedenen Akteure zusammenzuhalten.

Ungeachtet der Frage, wie tiefgreifend die Konflikte zwischen unterschiedlichen regime-loyalen Fraktionen sind und ob diese künftig militärisch eskalieren könnten, muss davon ausgegangen werden, dass es in den vom Assad-Regime gehaltenen Regionen kein eindeutiges staatliches Gewaltmonopol gibt. ZivilistInnen in Syrien sehen sich der Willkür unterschiedlicher regimeloyaler Bewaffneter ausgesetzt. Der syrische Staat ist nicht Willens oder nicht in der Lage, seine Bürger vor Übergriffen regimeloyaler Milizen zuverlässig zu schützen.

„Übergriffe durch nicht-staatliche Akteure haben stark zugenommen. Dabei handelte es sich zunächst vor allem um Übergriffe regimetreuer Milizen, bei denen der Übergang zwischen politischem Auftrag, militärischen bzw. polizeilichen Aufgaben und mafiösem Geschäftsgebaren fließend ist.“

Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018

8.6.1 Quellen

Der Spiegel: Assad’s Control Erodes as Warlords Gain Upper Hand (3/2017): 

https://www.spiegel.de/international/world/assad-power-slips-in-syria-as-warlords-grow-more-powerful-a-1137475-2.html

SFH: Syrien: Zwangsrekrutierung, Wehrdienstentzug, Desertion (3/2017)

Der Bericht geht unter anderem auf regimeloyale paramilitärische Milizen ein. „Bemühungen, diese Milizen unter der Kontrolle des Staates zu halten, sind weitgehend gescheitert“.

https://www.fluechtlingshilfe.ch/assets/herkunftslaender/mittlerer-osten-zentralasien/syrien/170323-syr-militaerdienst.pdf

Chatham House: How Syria’s War Economy Propels the Conflict (7/2017) 

https://syria.chathamhouse.org/research/how-syrias-war-economy-propels-the-conflict

Middle East Institute: Aleppo’s Warlords and Post-War Reconstruction (7/2017):

https://www.mei.edu/publications/aleppos-warlords-and-post-war-reconstruction

War on the Rocks: The (last) King of Syria: The Feudalization of Assad’s Rule (11/2017)

https://warontherocks.com/2017/11/the-last-king-of-syria-the-feudalization-of-assads-rule/

PAX: Siege Watch 10. Part 1 2-4/2018 

„The international community and humanitarian agencies operational in Syria must recognize that “post-surrender” does not mean “post-conflict,” and respond accordingly.“ (S.80)

https://www.paxforpeace.nl/publications/all-publications/siege-watch-10-part-1

Business Insider: Syria ‚is being swallowed whole by its clients‘: Assad may be losing control over his own militias (8/2018)

https://www.businessinsider.de/syrian-regime-militias-becoming-warlords-2016-8?r=US&IR=T 

Carnegie: By integrating pro-regime armed groups into state structures, the Assad regime has created a hybrid military order. (11/2018)

https://carnegie-mec.org/diwan/77635

Finish Immigration Service Fakta: Fact-Finding-Mission to Beirut and Damascus, April 2018 (12/2018)

Der Bericht widmet sich vor allem der Rolle der syrischen Armee und regime-loyaler bewaffneter Gruppen und deren Rekrutierungspraxis. Er erörtert dabei unter anderem die Frage, inwieweit bestimmte regime-loyale bewaffnete Einheiten autonom agieren bzw. inwieweit sie der Kontrolle des Staates unterliegen. Dem Bericht zufolge genießen bestimmte bewaffnete Gruppen begrenzte Autonomie und Privilegien, etwa die Möglichkeit, sich in bestimmten Regionen durch Plünderungen und Erpressungen zu bereichern. Teils komme es zu Konflikten zwischen regulären Staatsorganen und regimeloyalen Einheiten. Nachdem weitgehend autonom operierende regimeloyale Milizen bei der Wiedereroberung großer Teile Syriens eine wichtige Rolle spielten versuche der Staat diese zunehmend wieder unter seine Kontrolle zu bekommen.

https://migri.fi/documents/5202425/5914056/Syria_Fact-finding+mission+to+Beirut+and+Damascus%2C+April+2018.pdf

Der Spiegel: Assads Verbündete gehen aufeinander los (01/2019)

https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-verbuendete-von-baschar-al-assad-gehen-aufeinander-los-a-1249835.html

The Syrian Observer: Fifth Corps Attacks Assad Intelligence in Daraa (4/2019)

Members of Russia’s Fifth Corps have attacked regime checkpoints and accused those in charge of them of treating local residents badly and imposing unfair tolls writes Human Voice.

https://syrianobserver.com/EN/news/49523/fifth-corps-attacks-assad-intelligence-in-daraa.html

Chatham House: Understanding the characteristics of the new emerging state in Syria (6/2019)

Der Analyst Haid Haid zeigt auf, dass das Regime in manchen Teilen das Landes, die es wieder eingenomen hat, nur begrenzt Kontrolle ausüben kann und von einem eindeutigen Gewaltmonopols des Staates nicht überall ausgegangen werden kann – vor allem aufgrund der Präsenz verschiedener regime-loyaler Milizen und iranischer und russischer Truppen.

https://syria.chathamhouse.org/research/understanding-the-characteristics-of-the-new-emerging-state-in-syria

9. Assad führt Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Syrische ZivilistInnen müssen nicht nur befürchten, zufällig “Kollateralschäden” von Kriegshandlungen zu werden. Gezielte Angriffe auf ZivilistInnen sind Teil der militärischen Strategie des Assad-Regimes und seiner Verbündeten.

ZivilistInnen in von oppositionellen Milizen kontrollierten Gebieten wurden und werden vom Assad-Regime als Feinde betrachtet und kollektiv bestraft. Die gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Kriegsverbrechen – u.a. Bombardierung ziviler Ziele, Einsatz geächteter Waffen, Belagerungen – blieben bislang ungeahndet und haben sich für das Assad-Regime militärisch ausgezahlt.

Aktuell verüben das Regime und seine russischen Verbündeten massive Kriegsverbrechen bei ihrer Offensive auf Idlib. Es ist damit zu rechnen, dass das Assad-Regime auch anderswo Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt, wenn es ihm opportun erscheint.

„Das syrische Regime deklariert sein militärisches Vorgehen als Antiterroroperation. Ziele der Angriffe waren jedoch von Beginn an, und sind weiterhin, vor allem Kräfte der bewaffneten Opposition und weite Teile der Bevölkerung. Neben Stellungen der Opposition wurden gleichermaßen Wohngebiete sowie zivile Infrastruktur angegriffen, einschließlich Krankenhäuser und Schulen. Dabei kam es zum massenhaften Einsatz von international geächteten Fassbomben.“ (Lagebericht des Auswärtigen Amtes, November 2018, S. 5f)

9.1 Angriffe auf zivile Ziele

Angriffe auf zivile Ziele werden von vielen unabhängigen Beobachtern als Teil der militärischen Strategie des Regimes beschrieben. Alle Berichte von UN-Institutionen Menschenrechtsorganisationen und anderen unabhängigen Stellen dokumentieren gezielte Luftangriffe der syrischen und der russischen Luftwaffe sowie Artillerie-Beschuss auf zivile Infrastruktur, u.a. auf Krankenhäuser, Schulen, Märkte, Wohnviertel und andere nicht-militärische Ziele.

Bei den Angriffen kommen immer wieder international geächtete Waffen zum Einsatz, u.a. Streubomben, Brandbomben, Fassbomben sowie Chemische Waffen. Obwohl aufgrund der geringeren Intensität militärischer Außeinandersetzunge die Opferzahlen in 2018 gegenüber den Vorjahren sanken, war Syrien auch in 2018 weltweit das gefährlichste Land für ZivilistInnen. Wie bereits vorherige Regime-Offensiven – etwa auf Homs, Aleppo. Ost-Ghouta, Daraa und Süddamaskus – ist auch die aktuelle Offensive auf Idlib von Kriegsverbrechen geprägt.

9.1.1 Quellen

New York Times: U.N. Reports Syria Uses Hospital Attacks as a ‘Weapon of War’ (9/2013)

https://www.nytimes.com/2013/09/14/world/middleeast/un-panel-accuses-syria-of-attacking-hospitals.html

Amnesty International: Syrian and Russian Forces Targeting Hospitals as a Strategy of War (3/2016) 

https://www.amnesty.org/en/press-releases/2016/03/syrian-and-russian-forces-targeting-hospitals-as-a-strategy-of-war

Atlantic Council: Breaking Aleppo (2/2017)

http://www.publications.atlanticcouncil.org/breakingaleppo/wp-content/uploads/2017/02/BreakingAleppo.pdf

UN OCHA: „Distraught by the brutality and utter disregard for civilian lives we are witnessing“ (2/2018)

https://www.unocha.org/story/syria-distraught-brutality-and-utter-disregard-civilian-lives-we-are-witnessing-un-chiefs

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (2/2018)

https://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/CoISyria/A-HRC-37-72_EN.pdf

UN Commission of Inquiry on Syria: The siege and recapture of eastern Ghouta marked by war crimes, crimes against humanity (6/2018)

https://www.ohchr.org/EN/NewsEvents/Pages/DisplayNews.aspx?NewsID=23226&LangID=E 

PAX: Siege Watch – Tenth Quarterly Report Part 1 – Eastern Ghouta February–April 2018 (6/2018)

The tenth quarterly Siege Watch report (part 1) describes the final offensive against Eastern Ghouta, between February and April 2018, in which at least 1,700 people were killed, 5,000 injured and 158,000 displaced.

https://www.paxforpeace.nl/publications/all-publications/siege-watch-10-part-1

Atlantic Council: Breaking Ghouta (9/2018)

http://www.publications.atlanticcouncil.org/breakingghouta/background

Amnesty International: Syria: Unlawful attacks using cluster munitions and unguided barrel bombs intensify as Idlib offensive looms (10/2018)

https://www.ecoi.net/de/dokument/1443438.html

USDOS: Country Report on Human Rights Practices 2017 – Syria

https://www.ecoi.net/de/dokument/1430098.html

HRW: World Report 2018

https://www.ecoi.net/de/dokument/1422595.html

Amnesty International Report 2017/18 – The State of the World’s Human Rights – Syria

https://www.ecoi.net/de/dokument/1425111.html

UN: Report of the Secretary-General (S/2018/845) (8/2018) 

https://www.ecoi.net/en/file/local/1444197/1226_1537959201_n1828671.pdf

Bellingcat: The Battle of Idlib Opens with the Bombing of Medical and Rescue Facilities (9/2018)

https://www.bellingcat.com/news/mena/2018/09/09/battle-idlib-opens-bombing-medical-rescue-facilities/

Accled 2018: The year in Review (01/2019)

https://www.acleddata.com/2019/01/11/acled-2018-the-year-in-review/

UN Report of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (01/2019)

https://undocs.org/en/A/HRC/40/70

HRW: World Report 2019 – Syria (1/2019)

„Indiscriminate attacks on civilians and civilian objects by the Syrian-Russian military alliance persisted in 2018. In February, government forces launched a military campaign to retake Eastern Ghouta, an urban suburb of Damascus. Over 1,600 civilians were reportedly killed between February 18 until March 21. The Syrian-Russian military alliance struck at least 25 medical facilities, 11 schools, and countless civilian residences.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/2002172.html

Amnesty International: Human Rights in the Middle East and North Africa: Review of 2018 (2/2019)

„Government forces, with the support of Russia, repeatedly attacked areas controlled by armed opposition groups, including Eastern Ghouta and Daraa and Idlib governorates, killing and injuring civilians. They carried out indiscriminate attacks and direct attacks on civilian homes, hospitals and medical facilities, including artillery shelling and air strikes, often using unguided weapons such as barrel bombs, incendiary weapons and internationally banned cluster munitions. For example, on 22 March, Russian forces carried out an air strike using an incendiary weapon on a residential building, burning to death 37 civilians – mainly women and children – in an air-raid shelter in Arbin, Eastern Ghouta.“

https://www.ecoi.net/en/file/local/2003684/MDE2499032019ENGLISH.pdf

Phycicians for Human Rights (PHR): The Syrian Conflict: Eight Years of Devastation and Destruction of the Health System (3/2019)

https://phr.org/resources/the-syrian-conflict-eight-years-of-devastation-and-destruction-of-the-health-system/

Carnegie: What Will Happen in Idlib, Where Millions of Syrian Civilians Are Penned In? (7/2019)

https://carnegie-mec.org/diwan/79469?la

EU/EEAS: Statement by the Spokesperson on the deterioration of the situation in Idlib, Syria (7/2019)

https://eeas.europa.eu/headquarters/headquarters-homepage/65814/statement-spokesperson-deterioration-situation-idlib-syria_en

UN OCHA: Recent Developments in Northwestern Syria Situation Report No. 9 (8/2019)

„Satellite imagery obtained from UNOSAT (United Nations Operational Satellite Applications Programme) shows at least 17 entire villages which have been almost completely destroyed, including residential and commercial areas.“

https://www.humanitarianresponse.info/sites/www.humanitarianresponse.info/files/documents/files/nw_update_sitrep_9-_final.pdf

9.2 Einsatz von Chemiewaffen

Die Syrien-Untersuchungskommission der Vereinten Nationen hat bis Januar 2018 37 Einsätze von Giftgas untersucht – 32 dieser Giftgas-Fälle legt die UN dem Assad-Regime zur Last, in den verbliebenen fünf Fällen konnte sie keinen Täter identifizieren. Es gibt keinen Zweifel daran, dass das Assad-Regime wiederholt Chlorgas und auch Sarin eingesetzt hat.

Human Rights Watch und viele andere Organisationen bezeichnen den Einsatz chemischer Waffen durch das Assad-Regime als systematisch. Der Einsatz von Chemiewaffen blieb, bis auf weitgehend symbolische unilaterale Militärschläge der USA, bislang ungeahndet. Es ist zu befürchten, dass das Assad-Regime weiterhin Chemiewaffen einsetzen wird.

9.2.1 Quellen

HRW: Attacks on Ghouta: Analysis of Alleged Use of Chemical Weapons in Syria (9/2013)

https://www.hrw.org/sites/default/files/reports/syria_cw0913_web_1.pdf

HRW: Death by Chemicals: The Syrian Government’s Widespread and Systematic Use of Chemical Weapons (5/2017)

https://www.hrw.org/report/2017/05/01/death-chemicals/syrian-governments-widespread-and-systematic-use-chemical-weapons

UN COI: Chemical Weapons Attacks Documented by the International Commission of Inquiry (1/2018)

https://www.ohchr.org/SiteCollectionImages/Bodies/HRCouncil/IICISyria/COISyria_ChemicalWeapons.jpg

UN COI, Press statement on the alleged use of chemical weapons in eastern Ghouta (4/2018)

https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/Pages/NewsDetail.aspx?NewsID=22939&LangID=E

New York Times: One Building, One Bomb: How Assad Gassed His Own People (6/2018)

https://www.nytimes.com/interactive/2018/06/25/world/middleeast/syria-chemical-attack-douma.html

Atlantic Council: Breaking Ghouta (9/2018)

http://www.publications.atlanticcouncil.org/breakingghouta/chemical-weapons

Die Zeit: UN werfen Assad-Regime weitere Chemiewaffeneinsätze vor (9/2018) 

https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-09/syrien-ostghuta-chemiewaffeneinsatz-eu-kommission-bericht

HRW: World Report 2019 – Syria (1/2019)

„The Syrian-Russian military alliance used internationally banned cluster munitions and chemical weapons in re-taking areas. Human Rights Watch investigated 36 cluster munition attacks between July 2017 and June 2018 and another two-dozen more possible cluster munition attacks. Evidence suggests the alliance used incendiary weapons in Ghouta and Daraa. Between 2013 and 2018, Human Rights Watch and seven other independent, international organizations investigated and confirmed at least 85 chemical weapons attacks – the majority perpetrated by Syrian government forces. The actual number of chemical attacks is likely higher.“

https://www.ecoi.net/de/dokument/2002172.html

Global Policy Institute: Nowhere to Hide: The Logic of Chemical Weapons Use in Syria (2/2019)

„Indeed, the Syrian régime’s persistent and widespread use of chemical weapons is best understood as part of its overall war strategy of collective punishment of populations in opposition-held areas. Chemical weapons are an integral component of its arsenal of indiscriminate violence, alongside sieges and high-explosive weapons such as “barrel bombs.”“

https://www.gppi.net/2019/02/17/the-logic-of-chemical-weapons-use-in-syria

UN Independent International Commission of Inquiry: Chemical Weapons Attacks (3/2019)

https://www.ohchr.org/SiteCollectionImages/Bodies/HRCouncil/IICISyria/COISyria_CW_12.03.2019_web.jpg

Adopt a Revolution: Giftgas in Syrien: Was wir wissen (4/2019)

Der Beitrag stellt anhand der vorliegenden Berichte der UN und von OPCW den aktuellen Stand der Ermittlungen dar.

https://adoptrevolution.org/giftgas-in-syrien-was-wir-wissen/

Adopt a Revolution: Dossier Chemiewaffen

Weitere Beiträge zum Thema von Adopt a Revolution:

https://adoptrevolution.org/category/chemiewaffen/

9.3 Belagerungen: Hunger als Kriegswaffe

Neben dem Beschuss ziviler Ziele mit konventionellen und chemischen Waffen sind Belagerungen und Vertreibungen typische Elemente der Kriegsführung des Assad-Regimes. Diese sind nach internationalem Recht als Kriegsverbrechen zu ahnden. Im Zuge des militärischen Vormarsches des Assad-Regimes wurden alle belagerten Gebiete mittlerweile eingenommen, ein großer Teil der Bevölkerung wurde in den Norden Syriens vertrieben, insbesondere nach Idlib. Die mit großen Buskonvois organisierten Transfers von Kämpfern wie ZivilistInnen wurden vom Assad-Regime und der russischen Regierung als “Evakuierungen” bezeichnet. In der Fachöffentlichkeit ist Konsens, dass es sich dabei um Vertreibungen handelte, die als Kriegsverbrechen zu ahnden sind. 

Die Vereinten Nationen bezeichnen diese Praxis der Belagerungen und anschließener Vertreibungsaktionen als “starve and surrender tactics”. Im vergangenen Jahr äußerte der UN-Nothilfekoordinator, dass die Belagerungs- und Aushungerungspolitik in Syrien mittlerweile ‘‘routiniert und systematisch‘‘ verlaufe. Der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe macht deutlich, dass die syrische Regierung die Zivilbevölkerung in den oppositionellen Gebieten pauschal zu ihren „Feinden“ erklärt. Laut Pax ist die Bestrafung als oppositionell geltender Bevölkerungsteile mit dem Ende der Belagerungen nicht beendet, sie gehe nur in eine neue Phase über. Bei der Idlib-Offensive setzte das Assad-Regime durch Luftangriffe offenbar gezielt Getreidefelder in Brand, um die kommende Ernte zu vernichten. 

9.3.1 Quellen

UN: Starvation by Siege Now ‘Systematic’ in Syria (1/2016) 

https://www.un.org/press/en/2016/sc12203.doc.htm

Amnesty International: We leave or we die: Forced Displacement under Syrias „Reconciliation“-Agreements (11/2017)

Der Bericht beschreibt die Belagerung und die Bombardierungen der oppositionell kontrollierten Städte Daraya, Al Waer, Ost-Aleppo, Madaya und Zabadani und die anschließende Vertreibung großter Teile der Bevölkerung. Ebenso thematisiert er die Kriegsverbrechen von oppositionellen Milizen gegen die Städte Kefraya und Foua, deren Bevölkerung ebenfalls belagert und anschließend vertrieben wurde. Der Bericht kommt zum Schluss, dass die „Reconciliation-Deals“ tatsächlich als Vertreibungsmaßnahme und als Kriegsverbrechen zu sehen seien.

https://www.amnestyusa.org/wp-content/uploads/2017/11/We-leave-or-we-die_Syria-REPORT.pdf

UN: Independent International Commission of Inquiry: Sieges as a weapon of war: Encircle, starve, surrender, evacuate. (5/2018)

https://www.ohchr.org/Documents/HRBodies/HRCouncil/CoISyria/PolicyPaperSieges_29May2018.pdf

Atlantic Council: Breaking Ghouta (9/2018)

http://www.publications.atlanticcouncil.org/breakingghouta/siege-access-aid

Amnesty International: Human Rights in the Middle East and North Africa: Review of 2018 (2/2019)

„Government forces continued to besiege Eastern Ghouta, a predominantly civilian area in Damascus Countryside governorate, until April, when armed opposition groups surrendered following relentless bombing of civilian areas and after reaching three local agreements with armed groups, leading to the evacuation of fighters and displacement of some civilians. During the siege, government forces had deprived around 250,000 residents in Eastern Ghouta of access to medical care, other basic goods and services and humanitarian assistance. Doctors and medical workers were unable to provide adequate medical care to those injured by air strikes, artillery shelling and other attacks, or to those who were ill owing to a lack of surgical supplies, medical equipment and medicine, particularly for the treatment of chronic diseases such as cancer, heart problems and diabetes. The lack of access to food, humanitarian aid and other life-saving necessities led to a rise in acute malnutrition. Government forces continued to restrict access to UN humanitarian agencies and their implementing partners across Syria.“

https://www.ecoi.net/en/file/local/2003684/MDE2499032019ENGLISH.pdf

PAX: Siege Watch: Out of Sight, Out of Mind: the Aftermath of Syria’s Sieges (3/2019)

https://www.paxforpeace.nl/publications/all-publications/siege-watch-final-report

Der Spiegel: Kampfjets gegen Kornfelder – Assads verbrannte Erde (6/2019)

https://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-krieg-verbrannte-erde-in-idlib-a-1270546.html

9.4 Kriegsverbrechen anderer Parteien

Auch alle anderen Konfliktparteien des Syrien-Kriegs begehen Kriegsverbrechen, wenn auch –  größtenteils schlicht bedingt durch geringere militärische Schlagkraft – in quantitativ geringerem Ausmaß als das Assad-Regime und seine Verbündeten. 

Oppositionelle Milizen üben immer wieder willkürliche Gewalt gegen ZivilistInnen aus,  u.a. durch Granat- und Raketenbeschuss auf zivile Ziele. Auch in Regime-Gebieten kommt es daher zu zivilen Opfern durch Kriegshandlungen. Im Verlauf des Kriegs wendeten auch oppositionelle Milizen Belagerungen als Kriegstaktik an. Dem »IS« zudem wird der Einsatz von Senfgas vorgeworfen.

Eine erschreckend hohe Zahl ziviler Opfer forderten die Luftschläge der US-geführten internationalen Allianz gegen den IS (siehe hierzu Kapitel 8). Auch hier wurden mit großer Sicherheit Kriegsverbrechen verübt, die geahndet werden müssen. 

Aufgrund der Gebietsverluste von IS, HTS und anderen dschihadistischen und radikalislamistischen Gruppen ist damit zu rechnen, dass diese künftig verstärkt terroristische Angriffe verüben. Dies droht sowohl in Gebieten unter Kontrolle des Assad-Regimes als auch in Gebieten der kurdisch geprägten Selbstverwaltung in Nordsyrien.

Die Kriegsverbrechen oppositioneller Akteure sind ebenso wie die des Assad-Regimes gut belegt in den oben zitierten Berichten der Vereinten Nationen sowie in den Berichten von Human Rights Watch, Amnesty International, SNHR, VDC, SOHR und anderen hier bereits zitierten Quellen. Quellen zu den Opfern der Internationalen Koalition finden sich in Kapitel 8.

10. Syrische Geflüchtete brauchen weiterhin Schutz

Die Vereinten Nationen, das UNHCR, Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International – sie alle gehen davon aus, dass syrische Geflüchtete weiterhin Schutz benötigen. Selbst die häufig extrem restriktive Entscheidungspraxis des BAMF spricht syrischen Asylsuchenden bislang in fast allen Fällen einen Schutzstatus zu. Vorstöße, die sich für Abschiebungen nach Syrien aussprechen oder das Schutzbedürfnis syrischer Geflüchteter relativieren, basieren in der Regel auf innenpolitischen Motiven und nicht auf Entwicklungen in Syrien. 

Mittel- oder langfristig droht jedoch, dass das innenpolitische Motiv, Geflüchtete aus Syrien abzuschrecken oder gar abschieben zu können, die Entscheidungspraxis des BAMF und die Lageeinschätzung der Bundesregierung zu Syrien beeinträchtigt. Dies hätte nicht nur fatale Auswirkungen auf syrische Geflüchtete, sondern auch außenpolitische Konsequenzen.

Das Assad-Regime versucht sich über den Hebel „Flüchtlingsrückkehr“zu rehabilitieren. Zahlreiche Akteure arbeiten international und auch in Deutschland auf eine Normalisierung des Assad-Regimes hin. International wäre eine Rehabilitierung des Regimes ein starkes Signal dafür, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen straflos bleiben.

10.1 UNHCR-Empfehlungen zum Schutzbedarf syrischer Flüchtlinge

UNHCR geht in der letzten aktualisierten Version seiner „Empfehlungen zum Schutzbedarf syrischer Flüchtlinge“ von November 2017 davon aus, dass die „überwiegende Mehrzahl“ der syrischen Flüchtlinge Anspruch auf Flüchtlingsschutz hat. 

Angesichts der zahlreichen Berichte über schwerwiegende und weitverbreitete Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht und die internationalen Menschenrechte sowie anhaltender bewaffneter Konflikte in vielen Landesteilen ist UNHCR der Auffassung, dass die Flucht von Zivilpersonen aus Syrien weiterhin als Flüchtlingsbewegung einzustufen ist und der überwiegenden Mehrzahl der syrischen Asylsuchenden internationaler Flüchtlingsschutz gewährt werden muss, da die Betroffenen die Voraussetzungen der Flüchtlingsdefinition von Artikel 1 A (2) GFK erfüllen.”

UNHCR Erwägungen 11/2017, S.15

UNHCR sieht das für die Erteilung des Flüchtlingsschutzes relevante Kriterium des kausalen Zusammenhangs zwischen Verfolgungsgrund und Verfolgung in der Regel als gegeben an:

„Für viele aus Syrien geflohene Zivilpersonen besteht der kausale Zusammenhang mit einem Verfolgungsgrund in der direkten oder indirekten, tatsächlichen oder vermeintlichen Verbindung mit einer der Konfliktparteien. Typisch für den Konflikt in Syrien ist der Umstand, dass die verschiedenen Konfliktparteien oftmals größeren Personengruppen, einschließlich Familien, Stämmen, religiösen bzw. ethnischen Gruppen sowie ganzen Städten, Dörfern und Wohngebieten, aufgrund ihrer Verbindungen eine politische Meinung unterstellen. In solchen Fällen besteht die große und reale Gefahr eines Schadens und diese ist keineswegs durch den Umstand gemindert, dass ein Verletzungsvorsatz nicht speziell auf die betreffende Person gerichtet ist.“ 

UNHCR hat in den „Empfehlungen“ Risikoprofile erarbeitet, die auf viele syrische Schutzsuchende zutreffen und die, wie UNHCR betont, nicht abschließend verstanden werden sollten. Wenn – und nur wenn – festgestellt werde, dass ein Asylsuchender die Risikoprofile nicht erfülle und auch sonst nicht die Flüchtlingskriterien der GFK erfülle, seien die erweiterten Flüchtlingskriterien zu berücksichtigen und etwa subsidiärer Schutz oder andere Schutzformen zu erteilen.

Keine inländische Fluchtalternative

Deutlich verneint UNHCR, dass syrische Schutzsuchende innerhalb Syriens Schutz finden können: „Angesichts der vorherrschenden Umstände in Syrien, insbesondere der zahlreichen und komplexen Konflikte, der unbeständigen Sicherheitslage, der unzähligen Berichte von Menschenrechtsverletzungen und des tief verwurzelten Misstrauens gegenüber Personen mit abweichender Herkunft oder Abstammung ist es nach Auffassung von UNHCR nicht angemessen, dass Staaten Personen aus Syrien auf der Grundlage einer internen Flucht- oder Neuansiedlungsalternative internationalen Schutz versagen.“  

UNHCR warnt vor freiwilliger Rückkehr und Abschiebungen

UNHCR ersucht die Staaten, SyrerInnen nicht zwangsweise nach Syrien rückzuführen. Ebenso kann es UNHCR „nicht befürworten oder unterstützen, dass Flüchtlinge aus den Aufnahmeländern zurückkehren.“ Die Voraussetzungen für „eine freiwillige Rückkehr ins Heimatland in Sicherheit und Würde“ seien nicht gegeben.

UNHCR-Erwägungen zum Schutzbedarf von Personen, die aus der Arabischen Republik Syrien fliehen – 5. aktualisierte Fassung (11/2017)

https://www.refworld.org/cgi-bin/texis/vtx/rwmain/opendocpdf.pdf?reldoc=y&docid=5b0d9f9e4

10.2 UN-Untersuchungskommission warnt vor Rückkehr

Auch aktuell warnt die UN-Untersuchungskommission zu Syrien, dass eine sichere und nachhaltige Rückkehr nach Syrien weiterhin unmöglich sei:

“In recently retaken areas — Douma, Dara’a, and northern Homs, for example, Government forces engendered a climate of fear through a campaign of arbitrary arrests and detentions in the aftermath of bombardments,” said Commissioner Hanny Megally. “Upon securing control over these and other areas, civilians began witnessing a flagrant absence of the rule of law and arbitrary use of State power reminiscent of the conditions that sparked this horrific conflict in the first place,” he noted.

UN Commission of Inquiry on Syria: Continued hostilities and lawlessness countrywide render safe and sustainable returns impossible (2/2019)

https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/Pages/NewsDetail.aspx?NewsID=24229&LangID=E

10.3 Aktuelle Rückkehrbewegungen sind kein Indiz für Sicherheit

Angeblich freiwillige Rückkehrbewegungen – vor allem aus aus dem Libanon – werden häufig als Anzeichen für eine Verbesserung der Lage in Syrien gewertet und als Argument für Abschiebungen herangezogen. Tatsächlich aber sehen sich viele Geflüchtete aus dem Libanon zur Rückkehr gezwungen. Das belegen mehrere Berichte.

Refugees Deeply: The Real Reasons Why Syrians Return to Syria (3 / 2018)

https://www.newsdeeply.com/refugees/community/2018/03/06/the-real-reasons-why-syrians-return-to-syria

Weltbank-Studie: The Mobility of Displaced Syrians: An Economic and Social Analysis (2/2019)

Die Studie der Weltbank analysiert anhand von Daten des UNHCR, warum Flüchtlinge aus den Nachbarländern Syriens nach Syrien zurückkehren bzw. was sie davon abhält. Der Studie zufolge spielt die Sorge der syrischen Bevölkerung vor Verfolgung und fehlender Rechtsstaatlichkeit eine zentrale Rolle in der allgemeinen Einschätzung zur potentiellen Rückkehr. Willkürliche Gewalt seitens des Regimes sei der wichtigste Faktor, der Geflüchtete von der Rückkher abhält. Die Abwesenheit von Kampfhandlungen stelle dagegen keinen Auslöser für die Rückkehr dar, wenngleich die Einstellung gewaltsamer Auseinandersetzungen förderlich für potentielle Rückkehrbewegungen sei. Verschiedene andere Faktoren, wie z.B. wirtschaftliche Lage, Zugang zu Eigentum und Land, Vorhandensein grundlegender Dienstleistungen im Heimatland spielen ebenfalls eine gewichtige Rolle.

https://www.worldbank.org/en/country/syria/publication/the-mobility-of-displaced-syrians- an-economic-and-social-analysis

Syrian Association for Citizens’ Dignity: UNHCR’s dangerous mirage of safe return to Syria: Debunking a false narrative and irrelevant numbers (3/2019)

https://medium.com/@SACD/unhcrs-dangerous-mirage-of-safe-return-to-syria-debunking-a-false-narrative-deb35a8895ea

Stiftung Wissenschaft und Politik (Muriel Asseburg): Perspektiven für Flüchtlinge statt Anreize zur Rückkehr nach Syrien (4/2019)

„Die Zunahme der Reisen von Geflüchteten ins Heimatland sollte nicht zu der Annahme verleiten, eine sichere, würdevolle und permanente Rückkehr nach Syrien sei nunmehr möglich. Zu Recht sehen UNHCR, die Internationale Organisation für Migration (IOM) und weitere Hilfsorganisationen die Bedingungen dafür heute und auf absehbare Zeit als nicht gegeben. Dies entspricht auch der Lageeinschätzung der Bundesregierung.“

https://www.swp-berlin.org/kurz-gesagt/2019/perspektiven-fuer-fluechtlinge-statt-anreize-zur-rueckkehr-nach-syrien/

HRW: Lebanon: Syrians Summarily Deported from Airport (5/2019)

https://www.hrw.org/news/2019/05/24/lebanon-syrians-summarily-deported-airport

Amnesty International: Why are Returns of Refugees From Libya to Syria Premature? (6/2019)

In einer öffentlichen Stellungnahme von Juni 2019 stellt Amnesty International klar, dass Geflüchtete im Libanon stark unter Druck gesetzt werden, damit sie nach Syrien auszureisen. Die Rückkehrbewegungen aus dem Libanon seien daher nicht als freiwillig zu erachten. Der Libanon koordiniert die Rückkehr von Geflüchteten mit dem Assad-Regime, dass immer wieder auch Geflüchteten die Rückkehr verwehre. 

Amnesty macht darauf aufmerksam, dass Rückkehrer ein Security-Clearing bei den Geheimdiensten durchlaufen müssen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen und dass internationale Organisationen wie UNCHCR keinen ungehinderten Zugang zu zurückgekehrten Geflüchteten erhalten.

https://www.ecoi.net/en/file/local/2010318/MDE1804812019ENGLISH.pdf

10.4 Entscheidungspraxis des BAMF

Die Frage, ob syrische Geflüchtete Schutz benötigen, wird in Deutschland vom zuständigen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bislang eindeutig bejaht. Die BAMF-Entscheidungsstatistiken geben bislang keinen Anlass, über Abschiebungen nach Syrien zu diskutieren: Vollziehbar Ausreisepflichtige syrische Asylsuchende, die nur aufgrund des Abschiebungsstopps nicht abgeschoben werden können, gibt es kaum – die allermeisten SyrerInnen in Deutschland haben einen Schutzstatus.

Die BAMF-Entscheidungspraxis gibt jedoch Anlass zur Sorge: Zunehmend werden Bescheide erteilt, die die Gefahr willkürlicher oder gezielter Gewalt wie etwa Folter in Abrede stellen und behaupten, Regionen unter der Herrschaft Assads könnten als „sicher“ erachtet werden. Grundlage für diese Verschärfungen ist nicht die tatsächliche Situation in Syrien, sondern ganz offensichtlich das zunehmend flüchtlingsfeindliche Klima in Deutschland.

Entscheidungspraxis der vergangenen Jahre

In den Jahren 2015 bis 2017 erhielten 99,9 Prozent der syrische Schutzsuchenden bei inhaltlicher Prüfung ihrer Asylverfahrens einen Schutzstatus, 2018 waren es 99,8%. Auch von Januar bis Ende Mai 2019 betrug die so genannte „bereinigte Schutzquote“ für Syrien 99,9%. Dies geht aus der Asylgeschäftsstatistik des BAMF hervor. Daher gilt: Trotz der restriktiven Tendenz des BAMF erhalten nach wie vor so gut wie alle SyrerInnen einen Schutzstatus.

BAMF-Asylgeschäftsstatistiken

http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/hkl-antrags-entscheidungs-bestandsstatistik-kumuliert-2019.html?nn=9271904

Kaum Widerrufe

Bei grundlegenden Veränderungen der Situation im Herkunftsland kann das BAMF einen Widerruf eines erteilten Schutzstatus vornehmen. Wenn andersweitige Voraussetzungen für den Schutzstatus in Frage stehen, kann eine Rücknahme erfolgen. Auch in Hinsicht auf diese Widerrufs- und Rücknahme-Verfahren zeichnet sich bis Ende 2018 ab, dass das BAMF bislang davon ausgeht, dass SyrerInnen weiterhin Schutz benötigen: 2018 wurden in Bezug auf syrische Geflüchtete mit Schutzberechtigung 127.998 Widerrufsprüfverfahren angelegt, entschieden wurden solche Verfahren in 2018 in 53.541 Fällen, in 99,34 % wurde der entsprechende Schutzstatus bestätigt. 

BAMF-Widerrufsstatistik 2018:

https://www.proasyl.de/wp-content/uploads/2015/12/Widerrufsstatistik-2018.pdf

Vom Flüchtlingsschutz zum subsidiären Schutz

Auch wenn die Schutzberechtigung vom BAMF bislang bejaht wird, erhielten syrische Schutzsuchende ab 2016 vermehrt nur noch subsidiären Schutz. Nachdem der Gesetzgeber ab 2016 subsidiär Schutzberechtigten das Recht auf Familiennachzug entzogen hat, änderte das BAMF seine Rechtsauffassung und sprach SyrerInnen und Syrern in der Regel nur noch subsidiären Schutz zu – im Widerspruch zu den oben zitierten Erwägungen des UNHCR zum Schutzbedarf syrischer Flüchtlinge. Die Änderung der Entscheidungspraxis war rein politisch motiviert und zielte darauf, Familiennachzug zu verhindern und Geflüchtete mit Familie von der Flucht nach Deutschland abzuschrecken. 

Grafik: Pro Asyl / Quelle: BAMF

Die veränderte Entscheidungspraxis führte ab 2016 zu einer Flut von Klagen vor den Verwaltungsgerichten. In vielen Fällen wurden Bescheide des BAMF, die für syrische Schutzsuchende nur subsidiären Schutz vorsehen, von Verwaltungsgerichten korrigiert. Bei syrischen Geflüchteten lag die Erfolgsquote bei den Gerichten im Jahr 2017 bei 62 Prozent. Allerdings urteilten Oberverwaltungsgerichte in vielen Fällen, der subsidiäre Schutz sei vom BAMF zu recht erteilt worden.

Ergänzende Informationen zur Asylstatistik für das Jahr 2018 (3/2019)

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/087/1908701.pdf

Asyl.net: Rechtsprechungsübersicht: Welcher Schutzstatus ist bei Wehrdienstentziehung in Syrien zu gewähren? (4/2019)

https://www.asyl.net/view/detail/News/rechtsprechung-syrien-wehrdienst

Asyl.net: Erste OVG Entscheidungen zum Schutzstatus von Asylsuchenden aus Syrien veröffentlicht (2/2017) 

https://www.asyl.net/view/detail/News/erste-ovg-entscheidungen-zum-schutzstatus-von-asylsuchenden-aus-syrien-veroeffentlicht/

Leitsatzaktualisierung März/April 2019

Im März 2019 stieg die zuvor niedrige Zahl von syrischen Schutzsuchenden, denen das BAMF nur ein Abschiebungsverbot erteilte. Der Tenor der entsprechenden Bescheide lautete, dass nach dem Vormarsch des Assad Regimes in bestimmten Teilen kein Konflikt mehr herrsche. Den Betroffenen wurde nur aufgrund der schlechten humanitären Lage ein Abschiebungsverbot erteilt. Die vielfach belegte Gefahr willkürlicher Gewalt durch regimeloyale Akteure wurde in den entsprechenden Bescheiden nicht erörtert.

Hintergrund der Bescheide, so wurde aufgrund parlamentarischer Anfragen klar, war eine Änderung der internen Leitsätze des Bundesamtes. Der Wortlaut dieser Leitsätze ist nicht öffentlich. Die Behörde gab auch keine Auskunft, auf welcher Grundlage es zu ihrer neuen Lageeinschätzung kam, die ganz offensichtlich vom Lagebericht des Auswärtigen Amtes von November 2018 eklatant abwich. 

Die in der Sache unbegründete Leitsatzaktualisierung wurde nach Gesprächen zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Bundesinnenministerium im April zurückgezogen. Sie demonstriert jedoch den politischen Willen der BAMF-Führung, die Gefahr der willkürlichen Gewalt und Verfolgung durch das Assad-Regime zu banalisieren, um syrischen Geflüchteten einen auch längerfristig sicheren Aufenthalt in Deutschland zu verwehren. Zentrale Intention ist vermutlich, die weiterhin hohe Zahl der syrischen Asylsuchenden durch eine abschreckende Entscheidungspraxis zu reduzieren. 

Asyl.net: BAMF ändert Leitsätze zu Syrien und gewährt Abschiebungsverbote statt des subsidiären Schutzes (4/2019)

https://www.asyl.net/view/detail/News/bamf-aendert-leitsaetze-zu-syrien-und-gewaehrt-abschiebungsverbote-statt-des-subsidiaeren-schutzes

Asyl.net: BAMF setzt Entscheidungen über subsidiären Schutz bei syrischen Asylsuchenden aus (4/2019)

https://www.asyl.net/view/detail/News/syrien-aussetzung-entscheidungen

Berlin Hilft: BAMF entschied Asylanträge für Syrien auf eigener Lagebeurteilung ohne Freigabe vom BMI (6/2019)

http://berlin-hilft.com/2019/06/13/bamf-entschied-asylantraege-fuer-syrien-auf-eigener-lagebeurteilung-ohne-freigabe-vom-bmi/